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AtomkraftNiederlande erwägt den Bau neuer Kernkraftwerke

Atomkraftreaktor Borssele/Niederlande
Die Niederländer wollten sich eigentlich von der Kernkraft verabschieden. Nur noch der Reaktor in Borssele ist aktiv. Nun denkt die Regierung über neue Kernkraftwerke nach. (Foto: Thea van den Heuvel / Wikimedia / CC BY SA 4.0)

Der niederländische Wirtschaftsminister zieht den Neubau von mehreren Kernkraftwerken in Betracht, um die Klimaziele des Landes zu erreichen. Ein Beratungsunternehmen hatte die Wirtschaftlichkeit solcher Investitionen positiv beurteilt.

30.09.2020 – Den Niederländern läuft die Zeit davon. Das nationale Ziel, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 49 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, liegt in weiter Ferne. 2018 waren gerade mal 15 Prozent geschafft. Das heißt, bis 2030 müssen die Reduktionen doppelt so groß sein wie in den letzten 30 Jahren.

Nur so ist zu erklären, dass die niederländische Regierung nun auch den Bau neuer Atomkraftwerke in Erwägung zieht. In der letzten Woche übergab der niederländische Wirtschafts- und Klimaminister Eric Wiebes eine Studie an das Repräsentantenhaus, die seiner Meinung nach Kernkraft als ernsthafte Option wieder ins Spiel bringt.

Wie die niederländische Tageszeitung AD berichtete, belege die Studie der Beratungsfirma Enco, dass die Kosten der Kernenergie mit denen der Wind und Sonnenenergie vergleichbar sind. Die Studie hatte die Anschluss- und Netzkosten nicht einberechnet und dies auch aktiv kommuniziert. Wichtigste Schlussfolgerung: Atomkraftwerke sind nicht teurer als Wind und Sonne, wenn die Systemkosten auf die gleiche Weise abgerechnet werden wie bei Windparks auf See. Die Kosten für die gigantischen Steckdosen auf See und die Kabel und Anschlüsse an Land werden nun vom Netzbetreiber beziehungsweise dem Verbraucher getragen.

Die Verlängerung der Betriebserlaubnis für das Kernkraftwerk Borssele würde zusätzlich CO2 einsparen. Der dort produzierte Strom sei sogar noch preiswerter als Wind- oder Sonnenstrom. Borssele ist das einzige niederländische Atomkraftwerk, das derzeit in Betrieb ist. Seine Abschaltung ist für 2034 geplant. Nach Aussagen der Betreiber könne es jedoch problemlos weiterlaufen.

Geringer Klimanutzen durch hohe Risiken erkauft

Die neuen Atomkraftwerke sollten aus kleinen modularen Reaktoren bestehen, was auch die Finanzierung erleichtert. Doch solch kleine Kernreaktoren wurden bisher nur für Forschungszwecke gebaut. Borssele, Eemshaven (Groningen) und Maasvlakte (Rotterdam) sind als Standorte für neue Kernkraftwerke im Gespräch.

Gegenüber dem Nachrichtenportal nu.nl äußerten sich Experten kritisch zu diesen Plänen. So sagte beispielsweise der Kernenergie-Experte Wim Turkenburg von der Universität Utrecht, dass der Bericht zu optimistische Schlussfolgerungen über die wirtschaftliche Rentabilität von Investitionen in neue Kernkraftwerke enthalte. Die Professorin für Klimapolitik Heleen de Coninck weist darauf hin, dass bei solch hohen und langfristigen Energieinvestitionen die finanziellen Risiken für die Bank so hoch seien, dass der Staat einen substanziellen Beitrag leisten müsse. So trage letztlich der Steuerzahler das Risiko.

Einer weiteren Behauptung aus der Enco-Studie widerspricht de Coninck. Das Beratungsunternehmen hatte ausgeführt, dass der Weltklimarat (IPCC) die Kernenergie als einen wichtigen Teil Energiemixes zur Bekämpfung des Klimawandels ansehen würde. Heleen de Coninck ist selbst Mitautorin des Kapitels über Kernenergie im Sachstandsbericht des IPCC.

Sie macht deutlich: „Der IPCC macht dazu keine Aussagen, das wäre politisch präskriptiv. Wir arbeiten mit verschiedenen Szenarien für den Energiemix. Es gibt UN-Szenarien, in denen die Kernenergie zunimmt, aber auch Szenarien, in denen sie ganz aus dem Mix verschwindet“.

Weil die Erreichung der Pariser Klimaziele vielfältige Anstrengungen erfordert, beschloss die niederländische Regierung 2018 ein ehrgeiziges Klimagesetz. 2019 folgten Beschlüsse zu konkreten Maßnahmen. In Neubauten dürfen beispielsweise keine Gasheizungen mehr verbaut werden, stattdessen wird auf Wärmepumpen gesetzt.

Das Gasfeld in Groningen soll bis 2022 geschlossen werden, allerdings aus Sicherheitsgründen. Die Erdgasförderung hatte immer wieder Erdbeben verursacht.  Ende 2019 fiel dann der Beschluss über den Kohleausstieg bis 2030. Wenn die Maßnahmen greifen, kann das Land bis 2030 eine Reduktion von 35 Prozent erreichen und bliebe damit doch hinter den selbst gesteckten Zielen zurück. pf


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Kommentare

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H.-D.Ebert 30.09.2020, 19:15:52

Wer heute noch AKWs bauen will, sollte erst ein atomares Endlager vorweisen können Und nicht erst, wenn der strahlende Abfall in sogenannten Zwischenlagern liegt.

Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, muss man keine politische Ideologie bemühen, sondern nur das eigene Gehirn benutzen. Voraussetzung ist natürlich ein gewisses Maß an Wissen über Radioaktivität und deren enormen Langlebigkeit.

 

Man kann sich aber auch auf den Standpunkt stellen, dass einen selbst nie betreffen wird, da man das nie erleben wird nur unsere Nachkommen, also was soll’s.

Till E. Spiegel 20.10.2020, 04:13:17

+4 Gut

Dass wir immer noch kein Endlager haben, liegt an denselben Leuten, die jetzt abstellen wollen. Sie verhindern seit über 43 Jahren, dass die NAGRA endlich ein Endlager bauen kann. So viel Hinterlist zu diesem Thema von den Grünen und der SP hat mit normalem Denken nichts am Hut. Mit einem Endlager würden diese Leute alle das Argument des Abfalls und ihrer Wahlpropaganda verlieren. Für die Abfälle aus Spitälern, der Forschung und Produktion sollten wir längst etwas haben.


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