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FlüssigerdgasDrehkreuz Europa für russisches LNG

Ein Mann in dunklem Anzug und mit Halbglatze hält seine Hand über ein Pult
Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Eröffnung des LNG Terminals Yamal 2017 (Bild: Kremlin.ru, Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Auch nach Kriegsbeginn fuhren vom russischen Yamal aus LNG-Schiffe mit Millionen Tonnen Flüssigerdgas nach Europa. Für Putin eine bequeme und wichtige Einnahmequelle. Für Europas Energiesicherheit nicht elementar.

08.08.2024 – Eine Recherche der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald zeigt das ganze Ausmaß. Anhand von Daten der Handelsschiffsdatenbank kpler haben die Expert:innen der Organisation ermittelt, wie viel LNG seit Beginn des russischen Angriffskriegs von Yamal aus nach Europa verschifft wurde. Es sind 34 Millionen Tonnen Flüssigerdgas, die in EU-Häfen angeliefert oder in EU-Gewässern umgeladen wurden. Dies entspricht mehr als der Hälfte des deutschen Gasverbrauchs im Jahr 2023.

Das LNG-Terminal liegt im Nordwesten Sibiriens auf der gleichnamigen Yamal-Halbinsel. Es ist das nördlichste LNG-Terminal der Welt und im Winter zum Teil nur mit Eisbrechern anzusteuern. Speziell für das 2017 eröffnete Terminal wurden 15 Eisbrecher-LNG-Tanker der sogenannten Arc7-Klasse gebaut. In den Wintermonaten kann das Yamal-LNG nur von diesen Schiffen exportiert werden. Auch sonst sind überwiegend die Arc7 im Einsatz. Ganzjährig erfolgen fast 90 Prozent aller Yamal-Exporte mit diesen Tankern, wie die kpler-Datenanalyse von urgewald zeigt.

Das meiste davon nach Europa. Die 34 Millionen Tonnen entsprechen rund 82 Prozent der gesamten LNG-Ausfuhren von Yamal in die Welt. Davon fließen gut 27 Millionen Tonnen direkt in Europas Gasnetze, weitere rund vier Millionen Tonnen werden in europäischen Gewässern umgeladen und direkt weiter verschifft. Gut zwei Millionen Tonnen werden in europäischen Häfen angelandet und später in Nicht-EU-Länder exportiert.

Laut dem Institute for Energy Economics and Financial Analysis. haben EU-Länder im Jahr 2023 rund 8,1 Milliarden Euro für Russlands LNG-Lieferungen bezahlt. Für das Yamal LNG-Terminal und Russlands Präsident Wladimir Putin sind europäische Häfen, wie Zeebrugge (Belgien), Montoir und Dunkerque (Frankreich), Bilbao und Mugardos (Spanien) sowie Rotterdam (Niederlande), also essenziell.

Russland deutlich abhängiger von der EU als umgekehrt

Sebastian Rötters, Energie-Campaigner und kpler-Datenanalyst bei urgewald, sagt: „Auch zwei Jahre nach Beginn des Angriffskriegs ist die EU zentrale Drehscheibe für Russlands Flüssiggasgeschäft. Doch obwohl Russland hier deutlich abhängiger von der EU ist als umgekehrt, verbieten die Mitgliedsstaaten nicht einmal das Umladen des LNG auf andere Schiffe in ihren Gewässern und Re-Exporte aus der EU in Richtung Asien.“

Für Russland ist das Ab- und Umladen in der EU mit den Arc7-Tankern weitaus bequemer und günstiger. Von Yamal nach Zeebrugge etwa dauert die Fahrt nur sechs bis sieben Tage. In die nächstgelegenen Häfen in der Türkei wäre ein Eisbrecher mindestens zwei Wochen unterwegs. Die Energiesicherheit Europas wäre mit einem Ausbleiben russischer LNG-Lieferungen hingegen nicht gefährdet, wie der Energieexperte Georg Zachmann von der Denkfabrik Bruegel gegenüber der Tagesschau mitteilte.

In Belgien macht russisches Flüssiggas derzeit elf Prozent des Gesamtverbrauchs aus, in Frankreich 13 Prozent und in Spanien 25 Prozent. "Es gibt auf dem Weltmarkt jetzt wieder ein gutes Angebot an LNG", so Zachmann. "Die Preise sind deutlich gesunken, und wenn man kein russisches LNG mehr kaufen würde in Europa, könnten die Häfen mit der gleichen Importinfrastruktur anderes LNG importieren."

Nach Belgien importiertes russisches Flüssigerdgas landet derweil auch in Deutschland. Über Zeebrugge landeten, nach Schätzungen der belgischen NGO Bond Beter Leefmilieu, im letzten Jahr rund 4 Milliarden Kubikmeter verflüssigtes Erdgas aus Russland an. Belgien ist seit 2022 der drittwichtigste Exporteur von Erdgas nach Deutschland, mit einem Anteil von 22 Prozent. Die Bond Beter Leefmilieu schätzt den Anteil des regasifizierten russischen LNG an den gesamten Gaslieferungen von Belgien nach Deutschland in 2022 auf sechs bis elf Prozent.

Exporte von Yamal kämen praktisch zum Erliegen

Rötters fordert die Bundesregierung auf sich dafür einsetzen, dass die EU den Import von russischem LNG komplett verbietet und Schiffe sanktioniert, die russische LNG-Häfen anlaufen. „In der Folge kämen die Exporte von Yamal praktisch zum Erliegen, weil Novatek schlicht die Alternativen bei Abnehmern und Tankern fehlen.“ Neue Arc7-Tanker könnten aufgrund von US-Sanktionen nicht gebaut werden. Novatek ist der russische Betreiber des LNG-Terminals. Daneben fungieren aber auch zwei chinesische Firmen und die französischer TotalEnergies als Miteigentümer. Der Anteil von TotalEnergies beträgt 20 Prozent.

Aktuell ist Yamal das größte russische LNG-Terminal. Im Vergleich etwa die Hälfte an Flüssigerdgas – rund 21,5 Millionen Tonnen – werden von Sakhalin 2 aus verschifft. An der Ostküste Russlands gelegen, bedient es vor allem China und Japan mit LNG. Deutlich kleiner sind die LNG-Terminals Portovaya am Schwarzen Meer und Vysotsk an der Ostsee, die für den LNG-Weltmarkt bislang keine große Bedeutung haben.

Unweit yon Yamal baut Novatek derzeit ein weiteres LNG-Terminal – das „Arctic LNG 2“. Bei Fertigstellung sollen fast 20 Millionen Tonnen LNG den Hafen jährlich verlassen. Auch dort hält TotalEnergies 10 Prozent der Anteile. Bis zum russischen Angriffskrieg waren zudem weitere westliche Konzerne an dem Bau von Arctic LNG 2 beteiligt. Bis 2030 will Russland seine LNG-Produktion mehr als verdreifachen, auf rund 110 Millionen Tonnen. Geplant ist ein Weltmarktanteil von 20 Prozent. Auch mithilfe Europas, sollte die EU nicht Sanktionen gegen russisches LNG beschließen. mg

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