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EnergieknappheitEffizienzsteigerungen wichtiger denn je

Eine Frau im roten Anzug spricht an einem Rednerpult
Bundebauministerin Klara Geywitz rückte auf der DENEFF-Jahreskonferenz soziale Belange und den Flächenverbrauch in den Fokus. (Bild: Kira Hofmann)

Angesichts steigender Energiepreise und Energieknappheit ist mehr Energieeffizienz das Gebot der Stunde. Warum das auch eine soziale Frage und eine des Flächenverbrauchs ist, wurde in Berlin diskutiert.

01.07.2022 – „Jeder, der jetzt nicht in Energieeffizienz investiert, ist jemand der nicht rechnen kann“, mahnte Patrick Graichen, Staatsekretär im Bundeswirtschaftsministerium (BMWK), angesichts steigender Energiepreise auf der Jahreskonferenz der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz DENEFF. Schon vor dem Ukrainekrieg waren die Gaspreise in die Höhe geschossen. Und Gas bestimmt nicht nur den Wärmemarkt, sondern setzt im aktuellen Strommarktdesign auch die Preise für Strom. Eine Änderung wird angemahnt.

Der Ukrainekrieg sorgt inzwischen dafür, dass nicht nur die Preise hoch sind, sondern Russland zunehmend den Gashahn nach Europa zudreht und Deutschland mehr denn je effizienter mit der zur Verfügung stehenden Energie haushalten muss. Patrick Graichen richtete dabei den Blick in die Zukunft. In zwei Jahren würden die hohen Gaspreise erst so richtig bei den Kund:innen ankommen. Noch würden viele von lange im Voraus getätigten Einkäufen der Energieversorger profitieren. „Wer jetzt nicht saniert, dem droht eine Kostenlawine, die sich gewaschen hat“, so Graichen.

Für Neubauten kündigte Graichen als ordnungsrechtliche Maßnahme an, ab 2025 einen neuen Standard festzuschreiben, der sich an das Effizienzhaus-40 (EH-40) anlehnt. Das heißt: Im Vergleich zu einem Referenzgebäude muss der Primärenergiebedarf auf 40 Prozent reduziert werden. Mit einer Novelle des Gebäudeenergiegesetztes (GEG) im Rahmen des angekündigten Sommerpakets, soll bis 2025 ein Standard von EH-55 gelten. Zudem sollen Erdgas-Heizungen nicht mehr zum Erreichen des Effizienzhaus-Standards zugelassen werden.

Zudem wies Graichen daraufhin, dass eine Elektrifizierung gegenüber dem Einsatz fossiler Brennstoffe erhebliche Energieeinsparpotenziale biete. Zuvor hatten sich am gestrigen Mittwoch Wirtschaftsministerium und Bauministerium gemeinsam mit Branchenvertretern auf das Ziel von 500.000 Wärmepumpen geeinigt, die ab 2024 jedes Jahr in Betrieb gehen sollen. Nun gelte es Unternehmen im Wärmepumpenmarkt stärker zu fördern und ihnen Planungssicherheit zu geben. Der Fachkräftemangel im Handwerksberuf könnte Probleme bereiten.

Soziale Belange in den Fokus

Im Gebäudebereich ist das neu geschaffene Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSK) entscheidend für mehr Energieeffizienz im Gebäudebereich. Für den Plan von 400.000 neuen Wohnungen jedes Jahr in Deutschland brauche es eine vernünftige Energieeffizienz, bekräftigte Bauministerin Klara Geywitz auf der DENEFF-Jahreskonferenz. Dabei wies sie vor allem auf soziale Erwägungen hin. Es müsse dringend bezahlbares Wohnen in energieeffizienten Gebäuden ermöglicht werden. Dafür wolle sie sich einsetzen, so Geywitz. Man habe bereits die Mittel für sozialen Wohnungsbau von eine auf zwei Milliarden erhöht. 2025 sollen es fünf Milliarden sein. Auch bei staatlichen Förderungen für Sanierungen im Bestand müssten soziale Erwägungen eine wichtige Rolle spielen.

Neben der sozialen Frage wies Geywitz auf eine weitere Problemlage hin: „Die ganzen Effizienzsteigerungen in den letzten 20 Jahren werden dadurch aufgefressen, dass wir immer mehr Wohnfläche beanspruchen.“ Laut Umweltbundesamt liegen die Gründe vor allem in der zunehmenden Zahl der Single-Haushalte und dem Anstieg der Wohnfläche mit zunehmendem Alter. Im Jahr 2018 lag die Wohnfläche pro Kopf in Ein-Personenhaushalten mit 68 Quadratmetern (m²) um mehr als ein Drittel höher als die Wohnfläche pro Kopf in Zwei-Personenhaushalten mit 49 m². Die Mitglieder von Haushalten mit drei oder mehr Personen beanspruchten sogar nur eine durchschnittliche Fläche von 33 m². Ältere Haushalte belegen deswegen viel Wohnraum, weil sie oftmals nach dem Auszug der Kinder in ihren Wohnungen oder Häusern wohnen bleiben. Jede bewohnte Quadratmeter Fläche führt zu einem höheren Ressourcen- und Energieverbrauch. „Wir müssen nicht nur eine Technik- sondern auch eine Qualitätsdebatte führen“, sagte Geywitz und wies auf die Entwicklung neuer Konzepte gemeinschaftlichen Wohnens hin, die stärker gefördert werden müssten.

Durch den nächsten Winter

Die Sanierung von Gebäuden und Entwicklung neuer Konzepte indes, sind keine Maßnahmen, die helfen, durch den nächsten Winter zu kommen. Privathaushalte und vor allem die Industrie müssen jetzt weniger Energie verbrauchen, damit es im Winter nicht zu Energieknappheit kommt. „Wir müssen unsere Haltung beim Thema Energie ändern“, formulierte es Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), am gestrigen Mittwoch in Berlin. Energie sei nicht mehr im Überfluss vorhanden.

Zahlen des BDEW zeigen bereits einen deutlichen Rückgang beim Gasverbrauch gegenüber dem Vorjahr. 14,3 Prozent weniger waren es in den ersten fünf Monaten dieses Jahres. Dazu trug auch der vergleichsweise milde Winter bei. Aber selbst Wetterbereinigt lag der Rückgang gegenüber dem Vorjahr bei 6,5 Prozent. „Besonders deutlich war der Rückgang im Monat Mai: Hier lag der Verbrauch um mehr als ein Drittel niedriger als im Mai 2021“, so der BDEW. Im Industriebereich habe man im Mai den geringsten Verbrauch der letzten zehn Jahre gesehen, so Staatsekretär Graichen. Die hohen Preise zeigen Wirkung.

Das BMWK plant für weitere Energieeinsparungen im Industriesektor unter anderem ein Auktionsmodell, mit dem industrielle Gasverbrauchern Anreize geboten werden sollen, Gas einzusparen. Industrieunternehmen, die auf Gas verzichten, können demnach ihren Verbrauch gegen Entgelt verringern. Langfristig gelte es Abwärme der Industrie stärker zu nutzen, so Graichen, der dies auch für Rechenzentren anmahnt. Manuel Först

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