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Atomkraft bleibt umweltschädlich33 Jahre nach Tschernobyl sind Pilze in Bayern noch verstrahlt

Maronenröhrling im Wald
Atompilz: Der Maronenröhrling zählt zu den besonders stark mit radioaktivem Cäsium belasteten Pilzsorten in Bayern. Wohl bekomm's! (Foto: Mars 2002 / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Über drei Jahrzehnte nach dem Super-Gau im ukrainischen Atomkraftwerk sind Pilze in Bayerns Wäldern immer noch radioaktiv belastet. Und während Tschernobyl Touristen den Kick bringt, protestieren hierzulande Menschen für die Schließung maroder AKW.

18.10.2019 – Nach dem zweiten Dürresommer in Folge sah es für Pilzsucher Anfang Herbst zunächst gar nicht gut aus: Der Waldboden war trocken. Einige Tage Regen ließen die Pilze dann noch schießen. Doch der Genuss im großen Stil ist – vor allem in Regionen Bayerns – nicht unbedingt zu empfehlen: Denn auch über 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe im ukrainischen AKW Tschernobyl sind einzelne Wildpilzarten in Bayern immer noch massiv mit radioaktivem Cäsium belastet: Dazu zählen laut Bundesamt für Strahlenschutz etwa Schnecklinge und Maronenröhrlinge. Wegen seiner Halbwertszeit von rund 30 Jahren sei das Cäsium-137 bislang nur etwa zur Hälfte zerfallen.

Warum sind Bayerns Wälder besonders betroffen?

Nach dem Super-GAU in dem Atomkraftwerk in der Ukraine im Jahr 1986 wurden Gebiete in Bayern zehn Mal heftiger belastet als etwa in Norddeutschland. Die höchsten Radiocäsiumgehalte wurden laut Bundesamt für Strahlenschutz in Waldgebieten im Bayerischen Wald, im Donaumoos, im Berchtesgadener Land und in der Region Mittenwald ermittelt. Über diesen Gebieten gingen direkt nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Gewitter nieder. Das radioaktive Cäsium aus dem Niederschlag konnte sich in den Waldböden länger halten als bspw. auf Ackerböden.

Trotz Tschernobyl und Fukushima – Atomkraft polarisiert

Trotz der Katastrophe in Tschernobyl und der 25 Jahre später folgenden Katastrophe im AKW Fukushima an Japans Ostküste gibt es immer noch Befürworter der Atomkraft. Gerade in der Klimakrisen-Debatte um die dringend notwendige CO2-Reduzierung flammt die Diskussion um die Atomkraft als scheinbar emissionsarme Energiequelle häufig wieder auf. Tschernobyl ist indes zum Ort für schaulustige Touristen geworden. Reisen an Unglücksorte, um sich dort ein wenig live zu gruseln, liegen im Trend. Jetzt hat die Regierung sogar noch das Epizentrum der Katastrophe, den Kontrollraum von Reaktor 4, für Besucher geöffnet.

Ein Ausstieg ist zwingend notwendig

Was viele nicht wissen: Die Gefahr eines Atomkraftunfalls ist in Europa präsent. Mindestens 18 Atomreaktoren in der EU werden ohne notwendige Genehmigungen betrieben, europaweit sogar 34. Die Meiler haben ihr vorgesehenes Betriebsalter von 40 Jahren teilweise bereits überschritten. Einige alte aber auch neue Reaktoren, wie etwa der noch im Bau befindliche Reaktor Flamanville an Frankreichs Nordküste, gelten als permanentes Sicherheitsrisiko und müssen immer wieder repariert oder zeitweise abgeschaltet werden.

Ende Juli hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Laufzeitverlängerung von zwei belgischen Atomreaktoren für rechtswidrig erklärt. Die zuständige Behörde hatte trotz internationaler Vereinbarung keine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vorgenommen. Eine Abschaltung wurde jedoch nicht veranlasst. Begründung der Richter: Droht durch die Abschaltung eine Gefahr für die Versorgungssicherheit, dürfen die Reaktoren in Betrieb bleiben. Allerdings nur solange, bis die Ergebnisse der notwendigen UVP vorliegen.

Bürger vor Ort fordern Abschaltung der maroden Meiler

Die Aachener Zeitung hatte am 9. Oktober 2019 berichtet, dass der neue Vorstandschef des AKW-Betreiberkonzerns Engie-Electrabel, Johnny Thijs, für eine Laufzeitverlängerung belgischer Atom-Meiler plädiert, er halte eine „um 20 Jahre verlängerte Laufzeit von drei der sieben belgischen Atommeiler in Tihange und Doel“ für „sinnvoll“. Die Mitglieder des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) fordern dagegen die sofortige Stilllegung der belgischen Atomkraftwerke.

Von den Landesregierungen in NRW und Niedersachsen und von der Bundesregierung fordert der BBU schon seit längerem ein sofortiges Exportverbot für Uran- und Brennelementelieferungen aus den Uranfabriken in Gronau und Lingen. Udo Buchholz vom Vorstand des BBU betont, dass nur „die Stilllegung aller Blöcke zur Sicherheit der Bevölkerung in Belgien und weit darüber hinaus beitragen kann. Außerdem würde durch die Stilllegung die Produktion weiterer Atommüllmengen verhindert, für die es auch in Belgien kein sicheres Endlager gibt.“

Der BBU ruft nun zur Teilnahme an einer Demo am 26. Oktober in Lingen zur Schließung der maroden Atommeiler auf.

Alte Atommeiler gefährden nicht nur die Umwelt, sie sind auch völlig unwirtschaftlich

Eine Studie benennt die Nachteile der Atomkraft auch neben den Sicherheitsrisiken. Der World Nuclear Industry Status Report macht deutlich, dass der Bau neuer Atomkraftwerke zu teuer ist und zu lange braucht, um fossile Energieträger schnell genug zu ersetzen. Wind- und Solarenergie dagegen werden immer lukrativer und sind damit nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich gesehen effektiver, um der Klimakrise entgegenzuwirken.

Europäische Staaten mit Atomenergie und ohne Ausstiegsplan sind weniger ambitioniert bei ihren Klimaschutzzielen als Länder ohne AKWs oder mit Ausstiegsplan. Das zeigen Beispiele in Europa wie etwa Österreich oder auch Deutschland, wo der Ausstieg beschlossen wurde; diese Länder haben laut Status Report ihre CO2-Emissionen insgesamt stärker gemindert und Erneuerbare Energien schneller ausgebaut als Länder, die weiterhin auf Atomkraft setzen. na