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KlimakriseVersicherer investieren ins klimaschädliche LNG-Geschäft

Schweres Frachtschiff auf dem Meer mit Aufschrift LNG
LNG-Flüssiggas-Importe aus den USA heißt Fracking dort (Foto: Martian-2008 / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Neue Rechercheergebnisse zeigen erstmalig, in welchem Umfang Versicherungskonzerne den Betrieb klimaschädlicher Flüssiggas-Terminals in den USA ermöglichen. Auch große deutsche Versicherer sind demnach am US-LNG-Geschäft beteiligt.

28.02.2024 – Während einige Versicherungsunternehmen vor den Folgen der Klimakrise warnen und offiziell angeben, sich aus der Absicherung von Klimaschäden zurückziehen zu wollen, werden gleichzeitig fossile Unternehmen noch immer in hohem Maße versichert. Der Bericht der US-NGOs Rainforest Action Network (RAN) und Public Citizen enthüllt, in welchem Umfang Versicherungskonzerne aus aller Welt den Betrieb klimaschädlicher Flüssiggas-Terminals in den USA ermöglichen.

Die Vereinigten Staaten sind das weltweit größte Exportzentrum für Flüssiggas (LNG). Unter anderem Deutschland bezieht den größten Teil seiner LNG-Lieferungen von dort. Etwa fünf Prozent des deutschen Gasbedarfs werden in Deutschland gefördert, 95 Prozent werden importiert. Deutsche Gasimporte bleiben auch nach dem Ende der russischen Pipeline-Lieferungen hochproblematisch – zum einen wegen ihrer negativen Klimaeffekte, zudem hat die Gasförderung und der Transport schwere Umweltauswirkungen in den Herkunftsländern.

Die urgewald-Partner Rainforest Action Network und Public Citizen hatten bei ihrer Recherche über 50 Informationsfreiheitsanfragen eingereicht. Obwohl der Informationszugang gesetzlich geregelt ist, wurden lediglich 15 Anfragen beantwortet. Das daraus resultierende Ergebnis offenbart gravierende Schwächen in den Klimarichtlinien der Versicherer, so das Fazit.

Durch die Anfragen bei Regierungsstellen und Behörden haben RAN und Public Citizen Zugang zu Versicherungszertifikaten für sieben existierende, im Bau befindliche, sowie für eine Erweiterung vorgesehene Terminals erhalten, berichtet urgewald. Ein weiteres im Bericht genanntes Zertifikat für das Terminal „Sabine Pass“ aus dem Jahr 2013 war bereits im Zuge eines Gerichtsprozesses öffentlich geworden.

Von den sieben US-LNG-Terminals mit Zertifikaten jüngeren Datums befinden sich fünf am Golf von Mexiko: Freeport LNG, Lake Charles LNG, Cameron LNG, Gulf LNG und Rio Grande LNG. Hinzu kommen Zertifikate für die Terminals Southern LNG (auch „Elba Island LNG“ genannt) an der Atlantik- sowie Tacoma LNG an der Pazifikküste, heißt es im Bericht.

Bei Analyse sämtlicher Zertifikate wäre auffallend, dass mindestens 35 Versicherer aus den USA, Europa und Asien die Terminals mit Sach- und Haftpflichtversicherungen – allgemeine und umweltbezogene – versorgen. Am häufigsten werden im Bericht die Namen der USVersicherer AIG, Chubb und Liberty Mutual sowie des französischen Rückversicherers SCOR in den Zertifikaten genannt. Außerdem tauchten laut Rechercheergebnissen mindestens 20 Gruppen von Versicherern in den Unterlagen auf, die über den Versicherungsmarkt Lloyd's of London involviert sind – sogenannte Syndikate.

In den Zertifikaten für vier LNG-Anlagen finden sich auch die Namen deutscher Versicherer. In allen Fällen planen die Betreiber eine Erweiterung der Terminals.
Dazu zählen:

  • Allianz: Cameron LNG, Tacoma LNG, Freeport LNG
  • Munich Re-Tochtergesellschaften Great Lakes Insurance & Princeton Excess and Surplus: Cameron LNG, Tacoma LNG
  • HDI (Talanx-Tochter): Cameron LNG, Gulf LNG
  • Hannover Re-Tochter Argenta über den Lloyds Versicherungsmarkt: Tacoma LNG

Die Allianz ist laut Bericht zudem als Geldgeber am LNG-Geschäft beteiligt: Beim Projekt Rio Grande LNG in Texas beteiligte sich eine Allianz-Tochtergesellschaft im September 2023 maßgeblich an einem Kredit für den Entwickler des Projekts NextDecade.

Flüssiggas aus den USA heißt Fracking

Die mittels Chemikalieneinsatz durchgeführten „Fracks“ lösen das fossile Gas aus Gesteinsschichten und gefährden damit die Trinkwasserversorgung vor Ort, berichten die Umwelt-NGOs. Zudem befänden sich viele der in Betrieb befindlichen und geplanten Terminals in Gemeinden, in denen Indigene, Schwarze oder People of Color leben, wodurch ein langjähriges Erbe des Umweltrassismus an der Golfküste fortgeschrieben wird. Zusammen mit petrochemischen Anlagen verschlechtern die LNG-Terminals die Luftqualität in diesen Regionen und steigern so das Risiko für Asthma, Herzkreislauferkrankungen oder bestimmte Krebsarten.

Gleichzeitig sei Flüssiggas durch seine energieintensive Lieferkette sowie auftretende Methanlecks bei der Förderung und dem Transport des fossilen Gases extrem klimaschädlich, das ist hinlänglich bekannt – und auch, dass Methan über einen Zeitraum von 20 Jahren einen über 86-mal stärkeren Effekt auf die Erderwärmung als CO2 hat. Laut Studien könnte fossiles Gas genauso klimaschädlich sein wie Kohle.

Lückenhafte Klimarichtlinien

Die involvierten deutschen Versicherer Allianz, Munich Re und HDI Global haben in ihren Klimarichtlinien neue Öl- und Gasförderprojekte sowie den Bau neuer Ölinfrastruktur im Midstream-Bereich ausgeschlossen. Hannover Re hat neue Öl- und Gasförderprojekte und direkt damit verbundene Infrastruktur ausgeschlossen. Doch eine große Lücke in den Klimarichtlinien bleibt bei allen deutschen Versicherern, wenn es um den Ausschluss von Geschäften mit neuer Gas-Midstream-Infrastruktur wie bspw. LNG-Terminals und Pipelines sowie -Downstream-Infrastruktur wie etwa Gaskraftwerke geht.

„Die Beteiligung deutscher Versicherer zeigt, dass sie ihren eigenen Klimaansprüchen nicht gerecht werden“, kommentiert Regine Richter, Energie- und Finanz-Campaignerin bei urgewald, den Bericht. „Während alle vier Unternehmen die direkte Versicherung neuer Öl- und Gasfelder inzwischen ausschließen, sorgen sie mit ihrer Unterstützung für LNG-Anlagen durch die Hintertür für weitere Gasbohrungen. Sie beteiligen sich am fossilen Exportgeschäft der USA, das komplett unvereinbar ist mit den Klimazielen der Weltgemeinschaft.“ Höchste Zeit, fordert urgewald, dass Allianz und Co. auch Geschäfte mit Infrastruktur wie Flüssiggasterminals, Pipelines oder Gaskraftwerken ausschließen.

Täter und Opfer der Umweltzerstörung

„Texas LNG, Rio Grande LNG und die geplante Rio-Bravo-Pipeline würden im Falle ihres Baus die Lebensweise unserer einkommensschwachen Latine-Gemeinde zerstören“, warnt Bekah Hinojosa vom South Texas Environmental Justice Network. „Die Verschmutzung durch diese riesigen LNG-Exportterminals würde die Wasserwege belasten, in denen Garnelen ihre Eier ablegen und unsere Leute fischen, um ihre Familien zu ernähren. Wir fordern die Unternehmen auf, die Versicherung von LNG-Terminals einzustellen“, fordert die Gemeinde. Mary Lovell, Energiefinanz-Campaignerin bei Rainforest Action Network, ergänzt die Forderung: „Diese Unternehmen versichern einen der größten fossilen Wachstumssektoren in der Welt, während sie gleichzeitig Gemeinden in Texas und Louisiana im Stich lassen.“

AIG als auch andere große US-Versicherer stellten sich als Opfer des Klimawandels dar, sagt Kerrina Williams, Koordinatorin der Klimakampagne von Public Citizen, „während das Unternehmen in Wirklichkeit mitschuldig an den Schäden ist und seine Klimaverpflichtungen untergräbt, indem es weiterhin LNG-Terminals unterstützt.“ Die betroffenen Gemeinden hätten das Recht darauf zu wissen, wer die giftigen Anlagen versichert, die den Ökosystemen im Süden der Golfküste, ihren Lebensgrundlagen und der Gesundheit ihres Planeten schadeten.

Die Global Oil und Gas Exit List von urgewald zeigt das Ausmaß, in dem LNG-Infrastruktur weltweit ausgebaut wird. Auch in Deutschland setzen sich Gemeinden zur Wehr. na

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