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Gegen das spanienweite Oligopol, seine fossilen Energieträger und seine Überkapazitäten – der katalanische Dokumentarfilm „Les Nostres Energies“ zeigt die Vielfalt der Initiativen auf, die sich in Katalonien für ein neues Energiesystem und somit auch für eine andere Gesellschaft einsetzen.

26.11.2014 – „Dies ist kein tendenziöser Dokumentarfilm. Das Problem ist, dass wir ein Energiesystem haben, das niemandem Erklärungen geben will.“ Dieser ungewöhnliche Hinweis auf das Fehlen von Konzernstellungnahmen wird schon zu Beginn von „Les Nostres Energies“ („Unsere Energien“) eingeblendet. Der Film wurde im Lauf dieses Jahres im Auftrag der katalanischen Organisation Enginyeria sense fronteres (Ingenieurswesen/-kunst ohne Grenzen) produziert und hatte Anfang des Monats in einem Barceloneser Kino Premiere.

Herausgekommen ist eine dreiviertelstündige Abrechnung mit Konsumgesellschaft und Wachstumszwang. Angriffspunkt des Films: Das katalanische und spanische Energiesystem. Futter bekommt er durch die Initiativen, die im nordostspanischen Bundesland Katalonien gegen die Nutzung fossiler Energieträger kämpfen – und durch das Oligopol, das Spaniens Energiesektor beherrscht und darauf bedacht ist, die bestehenden Technologien auszureizen, selbst wenn das mit ökologischen Risiken verbunden ist. Die Akteure des Oligopols kommen allerdings nicht vor – wie der Film gleich zu Beginn mitteilt, waren weder die Konzerne Endesa, Repsol und Gas Natural, noch der Verband der Stromindustrie UNESA vor die Kamera zu bekommen. Vielleicht dachten sich die Firmen: Nicht schon wieder eine Doku! Die spanische Energiewendebewegung hat in diesem Jahr schon mehrmals durch kritische Filme Auftrieb bekommen . Nun also einer mit Fokus auf Katalonien, das wie das Baskenland eine Vorreiterregion bei der Industrialisierung Spaniens war.

Doch „Les Nostres Energies“ handelt auch viel von den gesamtspanischen Verhältnissen. 1997 wurde das Energie-Oligopol eigentlich aufgelöst – aber die entstandenen Firmen, die sich nun getrennt Erzeugung, Transport und Vermarktung widmen, gehörten zum Teil zu denselben Konzernen, sagt Josep Puig, Kuratoriumsvorsitzender von Eurosolar. Ein anderer Aktivist nennt es „eine gescheiterte, um nicht zu sagen betrügerische Liberalisierung“. Diese Firmen haben Interesse an einem Wirtschaftsmodell, dass viele im Film zu Wort kommende Menschen kritisieren: Eine Wirtschaft, die den Massenkonsum zwanghaft nicht nur in Schwung halten, sondern auch ständig steigern muss und die mit globalen Lieferketten einhergeht, hat logischerweise einen sehr hohen Energiekonsum. Das hat auch in Spanien den Import von Energieträgern nötig gemacht, radioaktives Uran eingeschlossen. Fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden dafür aufgewendet, ist im Film zu lernen. Drei Viertel davon entfielen auf fossile Energieträger.

Was Sergi Saladié sagt, wissenschaftlicher Assistent für Geografie an der Universität Tarragona, führt diese Importe ad absurdum: Spaniens installierte Kraftwerksleistung habe Ende 2013 bei rund 103 000 Megawatt gelegen – der höchste Verbrauch aller Zeiten an einem Dezembertag 2007 aber nur 45 000 Megawatt betragen. Seitdem ist der Stromverbrauch wegen der Wirtschaftskrise ohnehin sehr stark zurückgegangen.

Neben solchen Fachleuten und Umweltverbänden kommen in „Les Nostres Energies“ vier regionale Initiativen zu Wort, die sich gegen Maßnahmen zur Stabilisierung des bestehenden Energiemodells richten. Es geht dabei um Fracking in Nordkatalonien, Probebohrungen nach Öl im Meeresboden vor der katalanischen Küste, das inzwischen abgesetzte Projekt Castor zur Lagerung von Erdgas im Meeresboden und den Bau der Höchstspannungsleitung nach Frankreich .

In all diesen Fällen gab es praktisch kein lokales Mitspracherecht. „Dieses Demokratiedefizit ist eben die Weise, wie dieses Energiemodell funktioniert“, sagt ein Mitglied der Anti-Fracking-Initiative. „Wir sind überzeugt, dass sie genauso vorgehen, wenn sie in Afrika Öl holen.“ Die Beschäftigung mit dem Extraktionismus – also der Ausbeutung von Energiequellen – auf anderen Kontinenten habe ESF dazu gebracht, diesen Film in Auftrag zu geben, sagt Maria Campuzano, Leiterin der Kampagne „Der Preis des Überflusses“: „Wir merkten, dass so etwas auch hier passiert.“ Neben Kooperationen in ärmeren Ländern zum human orientierten Einsatz von Technik macht ESF in Katalonien Bildungsarbeit. „Bei den Kämpfen gegen Energieprojekte, die in der Doku zu sehen sind, ist uns die soziale Seite wichtig, weniger die technische – die Leute können nicht mitentscheiden“, erklärt Campuzano.

Sogar dem Phänomen Energiearmut, das in Spanien in den letzten Jahren stark zugenommen hat, widmet sich der Film, der zunächst nur in Katalonien vorgeführt wird. „Das Energiesystem ist der Hebel zur Veränderung des wirtschaftlichen und sozialen Systems, die die eigentlichen Probleme sind“, sagt gegen Ende Cote Romero, Koordinatorin der spanienweiten „Plattform für ein neues Energiemodell“. In Katalonien setzen sich Menschen in verschiedenen lokalen, regionalen und überregionalen Initiativen für ein neues Energiemodell ein – eines, das Entscheidungsmacht an der Basis bedeutet. Wer das noch nicht wusste, bekommt es durch „Les Nostres Energies“ vorgeführt. Ralf Hutter

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