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Versorgungssicherheit

Weniger Netzeingriffe trotz mehr Ökostrom

Es gibt weniger Netzeingriffe im deutschen Stromnetz
Die Anzahl der Netzeingriffe der Übertragungsnetzbetreiber ist im ersten Halbjahr 2018 stark zurückgegangen. (Foto: Rodion Kutsaev, Unsplash)

Jahrelang galten Wind- und Solarstrom als Sündenböcke für teure Noteingriffe der Netzbetreiber in das Stromnetz. Nun zeigt sich: Obwohl so viel Ökostrom wie nie erzeugt wird, gehen die Eingriffe zurück. Das hat auch mit neuen Stromleitungen zu tun.

08.08.2018 – Im ersten Halbjahr 2018 sind die Eingriffe der vier Übertragungsnetzbetreiber zur Stabilisierung der Stromnetze stark gesunken. Das meldet die Nachrichtenagentur dpa und beruft sich auf die Betreiber. „Unsere Fortschritte beim Netzausbau tragen Früchte“, kommentierte sogleich Tennet-Vorstandsmitglied Lex Hartman. Tennet ist mit einem Gebiet von Schleswig-Holstein bis nach Bayern der größte Netzbetreiber Deutschlands und auch für die Meereswindparks in der Nordsee verantwortlich.

Deutlich weniger Eingriffe

Die Aussage des Tennet-Chefs ist aber nur die halbe Wahrheit, denn die wichtigste neue Stromleitung steht gar nicht in seinem Gebiet, sondern bei den Kollegen von 50Hertz, die für Ostdeutschland und Hamburg zuständig sind. Die Thüringer Strombrücke zwischen Thüringen und Bayern wurde im September 2017 vollständig in Betrieb genommen und hat zu einer deutlichen Entspannung beigetragen. Die Noteingriffe von 50Hertz haben sich im ersten Halbjahr 2018 gegenüber dem Vorjahr mehr als halbiert. Konventionelle Kraftwerke mussten im zuständigen Netzgebiet ihre Leistung nur um etwa 1.250 Gigawattstunden (GWh) gegenüber zuvor 3.400 GWh drosseln oder erhöhen. Die Leistung von Windkraftanlagen musste um 300 GWh statt wie im Vorjahreszeitraum um 415 GWh reduziert werden.

Tennet verbuchte auch ohne neue Strombrücke ähnliche Zahlen: 3.600 GWh veränderte Leistung konventioneller Kraftwerke im ersten Halbjahr 2018, verglichen mit 6.000 GWh zuvor. Die Drosselung von Windparks blieb mit 1.700 GWh fast unverändert. Die anderen beiden Betreiber, Amprion für Westdeutschland und TarnsnetBW für Baden-Württemberg, meldeten ebenfalls Rückgänge.

Die Theorie bröckelt

Tennet führt für sein Gebiet eine stärkere Verbindung von Höchstspannungsnetzen in Schleswig-Holstein und Hamburg an sowie eine effizientere Nutzung bestehender Stromleitungen. Eine deutliche Verbesserung der Lage werde aber erst mit den großen neuen Stromtrassen vom Norden in den Süden erwartet, die ab 2025 einsatzbereit sein sollen. Ob diese kleinen Verbesserungen im letzten Halbjahr wirklich eine so starke Auswirkung entfalten können, bleibt unklar.

Interessant ist zudem: Ende 2017 ging Block B des Atomkraftwerks Gundremmingen zwischen Ulm und Augsburg vom Netz. Eigentlich müsste die Lage im verbrauchsstarken Süden also angespannter sein und noch mehr Strom aus dem windreichen Norden durch die überlasteten Netze fließen. Ein weiterer Engpass und dennoch sind die Eingriffe zurückgegangen.

Sind doch nicht die Erneuerbaren schuld?

Experten bezweifeln ohnehin die Theorie, nach der allein die fluktuierende Einspeisung von Wind- und Solarstrom teure Netzeingriffe verursachen. Denn insbesondere die Kohleindustrie hat in den vergangenen Jahren nicht ihre Leistung in dem Maße reduziert wie die Erneuerbaren Energien immer mehr Verantwortung für unsere Stromerzeugung übernehmen. Die Folge sind Überkapazitäten, verstopfte Netze und ein starres System.

Kohlekraftwerke abschalten könnte Stromnetz entlasten

Klimaökonomen wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bemängeln seit langem, dass insbesondere in Norddeutschland Atom- und Kohlekraftwerke die Stromnetze verstopfen. Statt die unflexiblen Kraftwerke abzuregeln, würden oft Windparks gedrosselt.

Ähnliches förderte eine Expertise aus dem Bundeswirtschaftsministerium und der Bundesnetzagentur Mitte November zutage: Eigene Analysen hätten ergeben, dass „die Stilllegung von Kohlekraftwerken die Lage im Stromnetz deutlich entspannen kann“. Ein Großteil der Kraftwerke habe eine belastende Wirkung auf das Stromnetz, eine Stilllegung könnte somit die Versorgungssicherheit steigern. Dann könnten Anzahl und Kosten der Eingriffe in das Stromnetz weiter sinken lassen. cw


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Kommentare

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Josef Pfeifer 09.08.2018, 11:41:19

Da gibt es nur eine Lösung: In Haushalten, die Kohlestrom nutzen Atemschutzmasken tragen:):):


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