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Solarmarkt – KommentarBremst Covid-19 die Photovoltaik-Branche doch noch aus?

Mindelheimer Hütte mit Solarfassade
Unabhängige solare Stromversorgung wird in Zeiten der Pandemie noch attraktiver. (Foto: Kauk0r / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Beim Ausbau kleiner bis mittlerer Photovoltaikanlagen ist in Deutschland kaum ein negativer Einfluss durch die Pandemie erkennbar. Die Nachfrage nach Heimspeicher-Systemen wächst. Energieautarkie scheint in Krisenzeiten noch attraktiver zu werden.

20.10.2020 – Bis zu 15 Prozent aller Erneuerbare-Energien-Projekte in Europa könnten durch die Corona-Krise verzögert oder storniert werden, warnte unlängst die bekannte Unternehmensberatung McKinsey. Finanzielle Probleme und Kurzarbeit hielten viele Unternehmen trotz zahlreicher Konjunkturprogramme davon ab, in neue umweltfreundliche Technologien und Energieerzeugungsanlagen zu investieren.

Auch auf die Energiemärkte selbst wirke sich die Pandemie negativ aus. Dauerhaft gesunkene Rohstoffpreise machten die Nutzung konventioneller Energien attraktiver und den Ausbau Erneuerbarer Energien unpopulärer. Investitionsanreize für Unternehmen fehlten zunehmend, da niedrige Strompreise die zukünftige Rentabilität von Photovoltaik- und Windkraftanlagen verringern. Das halte Projektentwickler vom Abschluss neuer Stromabnahmeverträge ab.

Diese Einschätzung mag richtig sein, bildet aber nur einen Teil des Gesamtmarkts ab. Die hier beschriebene Corona-Verzögerung trifft vor allem mittlere bis große Projekte mit nicht selten überregionaler Beteiligung. Inwiefern die aktuellen Reisebeschränkungen die ansonsten durch die europäische Arbeitnehmer- und Unternehmerfreizügigkeit geprägte Installationssparte lähmen, darauf komme ich später noch.

Immerhin ziehen fleißige Montagetrupps aus vornehmlich osteuropäischen Regionen unter normalen Umständen von Großbaustelle zu Großbaustelle, um ihr Tagwerk zu verrichten. Diese Praxis ist allerdings im Kleinanlagensektor nicht zu beobachten, da die Installationsbetriebe dort aus Wirtschaftlichkeitsgründen eher mit eigenem Personal oder mit Hilfskräften aus der unmittelbaren Umgebung um die Baustelle herum arbeiten.

Im Bereich der kleinen bis mittleren Photovoltaikanlagen ist daher zumindest in Deutschland bisher kaum ein negativer Einfluss durch die Pandemie erkennbar. Die gleichbleibend hohe Nachfrage nach Modulen mit hoher Effizienz lässt die Preise stagnieren. Diese kleineren Projekte werden in der Regel aus einer Hand geplant und realisiert. Notfalls packt hier der Meister selbst an, wenn mal Personalmangel herrscht. Allenfalls sind hier Beeinträchtigungen durch eine verzögerte Lieferung der Komponenten zu befürchten. Gerade Energiespeicher waren bereits das ganze Jahr 2020 über ein Bottleneck bei den solaren Kleinanlagen. Zum Glück kann eine Photovoltaikanlage auch ohne den eingeplanten Speicher fertiggestellt und ans Netz angeschlossen werden. Die Batterie wird einfach nachgeliefert und anschließend in das vorbereitete System integriert.

Die Nachfrage nach Energiespeichern ist jedoch ungebrochen. IHS Markit erwartet in diesem Jahr global sogar einen deutlichen Zuwachs des Speicherabsatzes in allen Sektoren. In Deutschland sind es momentan vor allem noch die Heimspeichersysteme, die sich einer wachsenden Beliebtheit erfreuen. Man hat beinahe den Eindruck, viele Endkunden bevorraten sich in Zeiten der Pandemie und des drohenden Lockdowns nicht nur mit Lebensmitteln und Toilettenpapier, sondern versuchen mithilfe einer eigenen Solaranlage mit Speichersystem auch bei der Energieerzeugung unabhängiger zu werden. Das hat vielen Solarteuren in diesem Sommer volle Auftragsbücher verschafft, so dass sie mit der Abarbeitung kaum nachkommen.

Im Privatanlagensektor scheint bisher noch keine Investitionsmüdigkeit aufgekommen zu sein. Dauerhaftes Homeoffice und die damit oft verbundene Beschäftigung mit sich selbst und der Umwelt scheinen viele unserer Mitmenschen dazu bewegt zu haben, endlich über ein eigenes Photovoltaik- und Speichersystem nachzudenken. Die aufgrund von Corona-Beschränkungen nicht angefasste Urlaubskasse wird dann kurzerhand umgewidmet.

Darüber hinaus ist ein Trend zu erkennen, dass Unternehmen aus dem Bereich der Umwelttechnik immer leichteren Zugang zu Projekt- und Firmenfinanzierung über das Instrument des Crowd Investments erhalten. Zahlreiche Plattformen bieten den oft aus der Startup-Szene kommenden Unternehmen die Möglichkeit, Gelder zu fairen Bedingungen einzusammeln, ohne dass eine aufwändige Finanzierungsrunde oder ein IPO durchgeführt werden muss. Hunderte Privatinvestoren können geringe Beträge zur Verfügung stellen, die dann über die kommenden Jahre moderat verzinst werden, bevor die Einlagen im Rahmen einer weiteren, größeren Finanzierungsaktion oder eines Börsengangs zurückgezahlt werden.

Natürlich besteht hier für den Kleinanleger immer auch das Risiko eines Totalverlustes seiner Einlagen. Dieses existiert heutzutage unter Umständen aber auch dann, wenn eine Urlaubsflugreise beim falschen Anbieter gebucht wurde. Ob die vermehrte Bereitschaft, in Crowd Fundings oder Crowd Investments einzusteigen, ebenfalls mit der Corona-Pandemie und der durch nicht angetretene Fernreisen freigewordenen Liquidität des einzelnen Bürgers zu tun hat, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Längerfristig könnte die Solarbranche jedoch auch insgesamt von den Ereignissen profitieren. Corona-bedingt sitzt das Portemonnaie bei vielen Landesregierungen etwas lockerer – Schuldenmachen ist nicht mehr verpönt. Einige der im aktuellen Corona-Haushalt freigegebenen Gelder sollen nun zusätzlich in den Ausbau der Erneuerbaren Energien gepumpt werden. Die Politik stellt offenbar langsam den Zusammenhang her zwischen Umweltzerstörung durch die atomar- und fossilgestützte Wirtschaft und der wachsenden Anzahl von Naturkatastrophen und weltweiten Virusepidemien. Durch das Vordringen der Menschen in bisher noch unberührte Biotope geraten Krankheitserreger aus der dort ansässigen Tierwelt in unsere Zivilisation, deren Existenz wir bisher noch nicht einmal geahnt haben. Wenn diese dann mutieren und auf uns Menschen überspringen, ist die nächste globale Krise nicht mehr weit.

Insgesamt können wir uns in der Solarbranche jedoch glücklich schätzen, bisher mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Die Einschränkung auf absolut notwendige Dienstreisen, Verlagerung der Büroarbeit ins Homeoffice, Verzicht auf große Messen und Indoor-Veranstaltungen haben uns nicht übermäßig geschadet. Die Produktivität ist möglicherweise bei vielen Unternehmen sogar gestiegen, die Kosten jedoch häufig gesunken.

Die Digitalisierung war auch vor der Corona-Pandemie nicht mehr aufzuhalten. So ist sie einfach etwas brachialer und schneller über uns hereingebrochen. Wenn sich nach diesem Herbst und Winter die allgemeine Krisensituation wieder etwas beruhigt haben wird, können wir uns vielleicht auch über einige neue, gut qualifizierte und motivierte Arbeitskräfte aus anderen Branchen freuen, die die Wirtschaftskrise nicht so glimpflich überstanden haben. Ehemalige Mitarbeiter von Automobilkonzernen oder aus der Stahlindustrie, die die Nase voll haben von Kurzarbeit oder Auffanggesellschaften, dürften dem Fachkräftemangel in der Solarbranche ein baldiges Ende bereiten. Das wäre doch mal eine gute Nachricht! Martin Schachinger, pvXchange.com


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