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Citizen ScienceBaumgrenze in den Alpen wandert in die Höhe

Almwiese, Berge mit Gletscherteilen, Bäume
Wenn es wärmer wird, siedeln sich einige Baumarten in höheren Lagen an. (Foto: ChiemSeherin auf Pixabay)

Bäume in den bayrischen Alpen wachsen in größeren Höhen als noch vor 170 Jahren. Diese Aussage kann ein Forscherteam der Hochschule Weihenstephan anhand von Daten aus einem Bürgerforschungsprojekt und einem sehr alten Buch treffen.

06.04.2022 – Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf lädt Wanderer und Naturliebhaber ein, mit ihren Beobachtungen ein Bürgerforschungsprojekt zu unterstützen. Untersucht wird, wo zurzeit die höchstgelegenen Bäume in den Bayerischen Alpen vorkommen. Denn mit der globalen Erwärmung gehen nicht nur Gletscher und Permafrost zurück, sondern es liegt auch die Vermutung nahe, dass sich für viele Pflanzenarten die Höhengrenzen nach oben verschieben. Mit jedem Grad mehr Durchschnittstemperatur können die Bäume theoretisch 200 Höhenmeter weiter oben gedeihen.

Blick auf 23 Baumarten in den bayrischen Alpen

Über 1.000 Beobachtungen wurden bereits von Hobby-Wissenschaftlern in die bereitgestellte App eingetragen. Konkret heißt das, dass sich Menschen auf den Weg zu einem Berg in den Bayrischen Alpen gemacht haben, zum Gipfel gestiegen sind und auf dem Weg abwärts genau geschaut und dokumentiert haben, auf welcher Höhe sie welche Baumart zuerst gesichtet haben. 23 Baumarten sind Gegenstand der Untersuchung, verteilt über die gesamten bayerischen Alpen, vom Allgäu über das Wettersteinsteingebirge, Karwendel bis nach Berchtesgaden und die ganzen bayerischen Voralpen. Das Projekt soll noch bis 2023 laufen. Die Biologin und Botanikerin Sabine Rösler vom Forschungsteam der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ist zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen, hofft aber auch, dass in dieser Saison noch viele Beobachtungen dazukommen.

Diese Daten vergleichen die Forscher mit historischen Vergleichsdaten, die aus dem Buch „Die Vegetations-Verhältnisse Südbayerns“ stammen. In diesem Buch hat der Münchner Botaniker Otto Sendtner 1854 Fundortangaben von fast 1.700 Pflanzenarten aus dem bayrischen Alpenraum dokumentiert. Für viele Baumarten erfasste er während seiner sechsjährigen Begehung des Areals auch die Höhengrenzen sehr genau.

Nicht alle Baumarten wandern höher

„Mitte des 19. Jahrhunderts war es kälter als heute. Die sogenannte Kleine Eiszeit war gerade zu Ende. Seither hat eine Erwärmung um zwei Grad stattgefunden und wenn wir die heutigen Höhengrenzen mit den Daten von Otto Sendtner vergleichen, sehen wir Veränderungen“, berichtet Rösler. „Es gibt Baumarten, die stark in die Höhe gewandert sind, beispielsweise die Fichte. Einzelne Fichten finden sich jetzt schon 300 Meter höher als vor 170 Jahren. In tieferen Lagen ist es die Stechpalme, die sich auf den Weg nach oben macht. Aber es gibt auch Arten, deren obere Höhengrenze fast gleich geblieben ist, wie zum Beispiel bei der Zirbe.“

Weil einige Baumarten wandern, andere aber auf gleicher Höhe verharren, wird sich die Zusammensetzung des Bergwalds in den verschiedenen Höhenstufen verändern, vielleicht sogar neue Waldgesellschaften entstehen. Das ist ein weiteres Fazit, dass Rösler aus den bisherigen Forschungsergebnissen ableitet.

Die Wanderungsbewegung der Bäume bedeutet nicht das Ende der Almwiesen. Die saftigen Weideflächen sind durch Rodungen innerhalb des Bergwaldes entstanden und damit Kulturlandschaft – sekundärer Rasen. Nur weil sie beweidet und von Baumaufwuchs freigehalten werden, bleiben sie erhalten. Auf den Wiesen oberhalb der Baumgrenze, den primären alpinen Rasen, werden allerdings nach und nach einzelne Bäume wachsen und sich damit auch die Vegetation und das Ökosystem insgesamt verändern.

In die Berge gehen und mitforschen

Baumgrenzen erkunden ist ein Teilprojekt des größer angelegten Bürgerforschungsprojektes BAYSICS, das auch jährliche Blühphasen von Pflanzen, die Pollensaison oder Tiere in der Stadt dokumentiert. Interessierte Laien können damit zur Klimaforschung beitragen.

Für Mitmach-Interessierte:

Portal Baysics

Zur Projektbeschreibung Baumgrenzen erkunden

Beobachtungs-App herunterladen (Web-App)

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