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CDR-Report 2024Kohlendioxid wieder einfangen – wieviel und wie

Baumgruppe im Nebel
Wohin mit dem vielen Kohlendioxid in unserer Atmosphäre? Natürliche Kohlenstoffsenken sind nicht unbegrenzt verfügbar. (Foto: Ales Krivec / Unsplash+)

Beim Kampf gegen die Klimakrise sind Kohlendioxid-Entnahmen ein unverzichtbares Element. Ein aktueller Bericht fasst den Status Quo zusammen und rät zur Vielfalt der Technologien. Ob die notwendigen Mengen realisiert werden, ist unsicher.

10.06.2024 – Keines der Szenarien des IPCC-Berichts kommt ohne Carbon Dioxid Removal (CDR) aus. Das bedeutet, die Klimaziele sind ohne die Entnahme und langfristige Speicherung von Kohlendioxid nicht erreichbar. Ein Report (State of Carbon Dioxide Removal / Stand der CO₂-Entnahmen) trifft Aussagen zum Status Quo, benennt Lücken im derzeitigen Wissenstand, Unsicherheiten und mögliche Strategien. Erarbeitet wurde die zweite Auflage des Reports von einem Team von 50 internationalen Fachleuten. Beteiligt war auch das Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change).

Fest steht, um das langfristige Ziel der bei ungefähr 1,5 Grad begrenzten Erderwärmung zu erreichen, müssen Emissionen drastisch gesenkt und zugleich die Technologien zur Kohlendioxid-Entnahme entwickelt und ausgerollt werden. Ungefähr 7 bis 9 Gigatonnen CO2 müssten 2050 jährlich aus der Atmosphäre entnommen werden. Die meisten Staaten haben in ihren nationalen Plänen bereits Kohlendioxid-Mengen geplant, die sie in Zukunft entnehmen wollen. Doch beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass „im Moment nicht einmal das versprochen wird, was eigentlich notwendig wäre“. So formulierte es einer der Autoren, Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), in einem Pressebriefing des Science Media Center. Die Forscher sprechen von einer Ambitionslücke, die sich auftut. Allerdings ist diese Lücke in verschiedenen Szenarien verschieden groß.

Kohlenstoffspeicher Wald lässt sich nicht beliebig hochskalieren

Weit unter dem Notwendigen liegen die Mengen, die aktuell entnommen werden. Momentan sind das jährlich 2 Gigatonnen CO₂, meist durch konventionelle Methoden wie Aufforstung. Doch Hochskalieren lassen sich diese natürlichen Kohlenstoffsenken nicht. Ernährungssicherheit, die biologische Vielfalt, sichere Wasserversorgung oder sichere Lebensräume für indigene Völker sind die anderen Seiten der Gleichung. Aus diesem Grund wurden in die Analyse Nachhaltigkeitskriterien einbezogen. Zudem bringt die fortschreitende Erwärmung Risiken für den Bestand der Wälder mit sich. Trockenheit, Waldbrände, Stürme sind eine unberechenbare Größe, wenn es um die Senkenleistung der Wälder geht.

Die Wissenschaftler erwarten, dass bis 2050 die natürlichen Emissionsminderungen im Vordergrund stehen. Aber dann, wenn es um die Absenkung der bis dahin wahrscheinlich über 1,5 Grad Celsius gestiegene Temperatur geht, könnte in der zweiten Jahrhunderthälfte der Klimaschutz vor allem aus technischen Lösungen zum Carbon Dioxide Removal bestehen.

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Das Verbrennen fossiler Energieträger hat die Menschheit in eine Sackgasse geführt. Die Erde heizt sich auf. Die Nutzung von Technologien, die Kohlendioxid wieder einfangen und möglichst sicher und dauerhaft speichern, ist kein Tabu mehr.

Technische Lösungen für Kohlendioxid-Entnahmen stehen ganz am Anfang

Nur ein verschwindend geringer Anteil, 0,1 Prozent (1,3 Millionen Tonnen), wird derzeit von neuartigen Entnahme-Methoden beigetragen. Dazu gehören Pflanzenkohle, beschleunigte Gesteinsverwitterung, CO₂-Direktabscheidung und Speicherung (DACCS) und Bioenergie mit CO₂-Abscheidung und -speicherung (BECCS). Auf tatsächlich dauerhafte Methoden entfallen nur jährlich 0,6 Millionen Tonnen, das sind unter 0,05 Prozent.

„Wir stehen ungefähr da, wo die Erneuerbaren Energien vor 30 Jahren standen“, so formulierte es Daniela Thrän, Leiterin des Departments Bioenergie beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und Co-Vorsitzende des deutschen Bioökonomierates. „Wir stehen vor einer sehr großen Zahl und müssen uns heute überlegen, wie man die neuen technischen Lösungen schrittweise auf die Straße bekommt.“

Handlungsbedarf auf vielen Ebenen

Demonstratoranlagen werden dafür gebraucht, Investitionen und viel Erneuerbare Energien, denn gerade die Methode des Direct Air Capture benötigt große Mengen Energie – Strom und Wärme. Aber auch robuste Mechanismen zur Berichterstattung und Überprüfung dieser Entnahmen müssen entwickelt werden. Ebenso gilt es den Begriff der unvermeidbaren Emissionen zu schärfen. Unvermeidbare Emissionen stammen zum großen Teil aus der Landwirtschaft, Methan und Lachgas. Das heißt, in allen anderen Bereichen muss die Menschheit lernen, die Emissionen tatsächlich auf nahezu Null zu senken.

Nicht zuletzt gilt es die Speicherorte zu untersuchen und festzulegen, Speicherkapazitäten realistisch einzuschätzen und die Transportwege mitzudenken. Ein breit gefächertes CDR-Portfolio hält Oliver Geden für eine robustere Strategie als die Konzentration auf eine oder zwei Methoden. Und es gilt, dieses Instrument in die Klimaschutzstrategien zu integrieren. Auch hier ist noch vieles lückenhaft.

Die neuen Entnahmetechnologien sind nicht nur am Anfang ihrer Entwicklung. Es gibt auch große Vorbehalte. Vor allem ein Argument wiegt schwer: dass mit den Technologien ein weniger ambitionierter Emissionsabbau einhergeht. Dieses Risiko ist real. Carbon Dioxide Removal könnte benutzt werden, um Restemissionen zu kompensieren, die man komplett vermeiden könnte. Das viel realere Risiko, sieht Jan Christoph Minx vom MCC Berlin und Mitautor des Berichts jedoch darin, dass die möglichen CO2-Entnahme-Mengen nicht ausreichen, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen.  Petra Franke

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