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Bedrohter StadtstaatSingapur kämpft gegen die Klimakrise – und sich selbst

Die Skyline von Singapur.
Die Skyline von Singapur. (Foto: © Mike Enerio on Unsplash)

Singapur will ernst machen im Kampf gegen die globale Erhitzung: Es gehe um Leben oder Tod, warnt der Regierungschef und greift zu Militär-Rhetorik. Der reiche Stadtstaat fürchtet den Meeresspiegelanstieg, heizt die Klimakrise aber ungebrochen an.

27.08.2019 – Singapur spürt die ersten Anzeichen der globalen Erhitzung: Hitzewellen und Starkregen setzen den Bewohnern zu, der teils unter dem Meeresspiegel liegende Stadtstaat südlich von Malaysia bangt um seine Zukunft. Premierminister Lee Hsien Loong rief deshalb in einer Rede zum Nationalfeiertag Mitte August zum Kampf gegen die Klimakrise auf.

Eine Stadt unter Wasser

Er nannte drei große Herausforderungen für sein Land: Den Klimawandel verstehen, ihn abschwächen und sich anpassen. Ein neues Institut solle dabei helfen, die Klimakrise und ihre Veränderungen im Südostasien zu erforschen. Gleichzeitig müsse das Land seinen Teil zum internationalen Klimaschutz beitragen und CO2-Emissionen einsparen.

Mit einer militärischen Rhetorik schwörte er seine Landsleute darauf ein. Singapur müsse die Verteidigung gegen den Klimawandel angehen, wie es seine Armee angehe. „Es geht um Leben oder Tod“, sagte Lee. Unrecht hat er damit nicht: Steigt der Meeresspiegel wie vorausgesagt, könnten weite Teile der stark urbanisierten Stadt bis 2100 unter Wasser liegen.

Singapur heizt Klimakrise selbst an

Trotz der kämpferischen Rede sieht die Realität völlig anders aus. Denn Singapur heizt die globale Erhitzung und damit den Anstieg des Meeresspiegels selbst an. Zwar erzeugen mittlerweile fast ausschließlich Gas- statt alter Ölkraftwerke den Strom des Landes, im ersten Quartal 2019 waren es 95 Prozent. Emissionsfrei sind diese aber noch lange nicht. Und der Energieverbrauch steigt von Jahr zu Jahr an, zuletzt um 1,2 Prozent von 2017 auf 2018.

Doch von Erneuerbaren Energien fehlt jede Spur. Gerade einmal 1,3 Prozent der installierten Stromerzeugungskapazität entfällt auf Solaranlagen. Betrachtet man den gesamten Energieverbrauch Singapurs wird es noch düsterer: Erneuerbare Quellen kommen auf nur 0,3 Prozent – im Gegensatz zu fast 87 Prozent Öl und 12 Prozent Gas, zeigen Daten des BP Statistical Review of World Energy 2019.

Der Hafen als Erdöl-Zentrum

Die neu eingeführte CO2-Steuer bietet mit ihrem niedrigen Preisniveau kaum Anreize zum Klimaschutz. Experten gehen davon aus, dass die Emissionen des Landes noch bis 2030 steigen werden.

Gleichzeitigt setzt Singapur massiv auf fossile Infrastruktur. Im zweitgrößten Hafen der Welt wird das meiste Erdöl umgeschlagen, zudem ist es eines der wichtigsten Zentren der petrochemischen Industrie in Asien und bedeutender Raffinerie-Standort. Tendenz steigend.

Deiche statt Klimaschutz

Entsprechend konzentriert sich Regierungschef Lee nicht darauf, die Emissionen rasch zu senken, sondern sich für die Folgen zu wappnen. Riesige neue Deichbau-Programme sollen den reichen Staat vor dem Wasser schützen, zudem Polder wie sie die Niederlande erfolgreich zum Schutz ihres Landes einsetzen.

Wieviel wird das kosten? „Ich denke, 100 Milliarden Singapur-Dollar in den nächsten 100 Jahren. Wahrscheinlich mehr“, sagt Lee. Und verschweigt, ob es nicht vielleicht günstiger werden könnte, wenn Singapur jetzt seine Emissionen radikal senkt statt fossile Energien zu fördern. cw