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1,5-Grad-ZielWarum und wie Deutschland bis 2035 klimaneutral werden soll

Fridays For Future Demonstranten vor dem Kanzleramt
Der faire Beitrag Deutschlands zur Erreichung des 1,5-Grad-Zieles: Fridays For Future legen ein eigenes Szenario vor. (Foto: Stefan Müller/Flickr /CC by 2.0)

Fridays For Future konfrontieren Parteien und Verbände mit einem eigenen Szenario zur Erreichung des Pariser Klimaziels. Das Wuppertaler Institut hat für die Aktivisten berechnet, wann Deutschland CO2-neutral werden muss und wie das gelingen könnte.

15.10.2020 – Weil Politik und Parteien in Deutschland keine ausreichenden Konzepte vorlegen um die Pariser Klimaziele zu erreichen, haben Fridays For Future nun selbst eine Studie in Auftrag gegeben. Das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie hat untersucht, wie ein gerechter Beitrag Deutschlands zum 1,5-Grad-Ziel aussehen könnte.

Gerechnet wurde vom Ziel her: dem Restbudget von 4,2 Gigatonnen CO2, die laut Sachverständigenrat für Umweltfragen Deutschland noch emittieren darf, um mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Dieses Restbudget kann laut Wuppertal Institut nur eingehalten werden, wenn Deutschland bis zum Jahr 2035 CO2-neutral wird und die Emissionen schon in den kommenden Jahren erheblich sinken. Das Erreichen der CO2-Neutralität wäre bis 2035 aus technischer und ökonomischer Sicht zwar extrem anspruchsvoll, aber grundsätzlich möglich, meinen die Studienautoren.

Die Studie „CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen Beitrages zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze“ konzentriert sich auf die erforderlichen Veränderungen in den Bereichen Energie, Industrie, Verkehr und Gebäude. Andere Treibhausgasemissionen, die vor allem aus der Landwirtschaft stammen und die in diesem Sektor notwendigen Veränderungen wurden nicht betrachtet.

Auf die nächsten fünf Jahre kommt es an

Konkret: Eine lineare Minderung der CO2-Emissionen bis 2035 wäre nicht ausreichend. Die deutschen Emissionen müssten besonders in den kommenden fünf Jahren drastisch sinken, und zwar um 60 Prozent! Dafür müssten 25 bis 30 Gigawatt Wind- und Solarenergie jährlich neu errichtet werden, der aktuelle Ausbaupfad der Regierung liegt bei 9,6 Gigawatt pro Jahr, ist also um einen Faktor 2,5 zu langsam.

Um sicherzustellen, dass der Einsatz von fossilem Gas und Öl bis 2035 auf Null zurückgeht, wäre eine Beimischungsquote für CO2-neutrale synthetische Energieträger hilfreich, zu deren Einhaltung die Unternehmen der Gas- und Ölwirtschaft verpflichtet werden. Diese könnte 2026 bei 10 Prozent beginnen und bis 2035 jedes Jahr um weitere 10 Prozentpunkte erhöht werden, so dass ab 2035 kein fossiles Gas und Öl mehr vertrieben werden darf.

Für klimaverträgliche Industrieprozesse soll Wasserstoff zumindest teilweise in Deutschland mit Erneuerbaren Energien produziert werden. Eine Elektrolyse-Kapazität in der Größenordnung von 70 bis 90 Gigawatt scheint sinnvoll. Die Bundesregierung will bis 2035 eine Herstellungskapazität von 10 Gigawatt erreichen. Bereits diese Menge birgt einiges Streitpotenzial, denn wo und wie der Wasserstoff hergestellt wird, ist derzeit nicht real geplant.

Klimaneutrale Industrie

In der Industrie sollten alle neuen Anlagen klimaneutral betrieben und bestehende Anlagen stillgelegt oder auf nicht-fossile Technologien umgerüstet werden. Zwei Drittel der Emissionen der Industrie entstehen energiebedingt und könnten daher grundsätzlich durch den Einsatz von treibhausgasneutralen Energieträgern in Kombination mit den dafür benötigten Technologien vermieden werden. Die Vermeidung prozessbedingter Emissionen erfordert eine tiefergehende Umstellung der Prozesse. Allerdings sind nicht für alle Produkte potenziell klimaneutrale Ersatzrouten verfügbar oder es fallen auch bei diesen noch Restemissionen an. Diese müssten entweder abgetrennt und genutzt oder anderweitig kompensiert werden. Eine konsequente Kreislaufwirtschaft soll die Defossilisierung der Industrie begleiten. Klimaneutrale Schlüsseltechnologien erreichen ihren Preisvorteil erst bei einem CO2-Preis von perspektivisch 180 Euro pro Tonne.

Verkehr vermeiden und verlagern

Die Emissionen im Verkehr haben sich auf einem hohen Niveau eingependelt. Ihr Anteil an den gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland liegt bei 20 Prozent. Der Verkehr muss insgesamt erheblich verringert werden. Die Hebel dafür liegen unter anderem in einer verkehrsvermeidenden Stadt- und Raumplanung und Anreizen gegen Zersiedelung.

Zusätzlich muss individueller Autoverkehr auf öffentlichen Verkehr, Radinfrastrukturen und Sharing-Angebote verlagert, der Lkw-Verkehr maßgeblich auf die Schiene gebracht werden. Verbrenner-Pkw sollten bis 2035 durch Elektrofahrzeuge ersetzen. Der innerdeutsche Flugverkehr soll eingestellt, der internationale Flugverkehr um 25 Prozent verringert werden.

Sanierung, Effizienzsteigerung und Suffizienz im Gebäude

Auch die Maßnahmen im Gebäudesektor haben es in sich. Die Sanierungsrate soll von ein auf vier Prozent gesteigert werden. Das klingt nicht viel – angesichts der vielen Bestandsgebäude ist das aber eine Herkulesaufgabe. Trotz vielfältiger Förderprogramme ist die Sanierungsrate in den letzten Jahren nicht gestiegen. Die Studie rät zum Stopp beim Einbau fossiler Heizungen innerhalb der nächsten Legislaturperiode. Einen zusätzlichen Impuls schafft die Forderung zur Sanierung statt Neubau. Die Landflucht soll durch eine bessere Daseinsvorsorge im ländlichen Raum eingedämmt werden. So könnten der Neubaudruck und die Flächenversiegelung im urbanen Raum sinken und die Baukapazitäten vom Neubau in die energetische Sanierung wandern. Zusätzlich müsste der Trend des wachsenden Wohnraums pro Kopf gestoppt werden.

Kritik und Zustimmung

Die Messlatte, nach der Realpolitik beurteilt werden muss, wurde mit dieser Studie um Längen höher gelegt. Wie zu erwarten, ernten die Vorschläge auch Kritik. So sprach der Chef der Deutschen Energieagentur Andreas Kuhlmann von fehlenden Machbarkeitspfaden. Unerreichbar erscheint nach seiner Auffassung eine sofortige vierprozentige Sanierungsrate oder der Import von klimaneutralem Wasserstoff. Es sei möglich, dass die Studie einer zielführenden Rahmensetzung eher im Wege stehe.

Die Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) hingegen kommentierte: „Wir sind gut beraten, die Forderungen von Fridays For Future ernst zu nehmen.“ Die in der Studie vorgestellten Ausbaumengen für Windkraft und Solarenergie bekräftigten zumindest die Forderungen, die auch die Erneuerbaren-Branche stellt. pf



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