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Die Meinung
04. März 2022

Verschwendungsökonomie endlich aufgeben

Es ist höchste Zeit, sich von der politischen Lebenslüge zu verabschieden, man könne die heutige Verschwendungsökonomie beibehalten und trotzdem den Zusammenbruch des Systems vermeiden. Insbesondere die Industrienationen müssen eine weitreichende ökonomische Schrumpfung organisieren.

Prof. Dr. Uwe Leprich, Dozent für Wirtschaftspolitik, Energiewirtschaft, Umweltpolitik, Universität des Saarlandes

Prof. Dr. Uwe Leprich, Dozent für Wirtschaftspolitik, Energiewirtschaft, Umweltpolitik, Universität des Saarlandes
Foto: HTW Saarbrücken

Die Kernaussage des Berichtes an den Club of Rome vor 50 Jahren – dass es auf einem begrenzten Planeten kein unbegrenztes Wachstum geben könne – erscheint zunächst trivial. In sieben computergestützten Szenarien des damaligen Weltmodells wurden jedoch bereits unterschiedliche Kausalitäten ins Feld geführt, die zu einem abrupten Ende der Wachstumsverläufe der Industrieproduktion und der Bevölkerung führen würden. In einigen Szenarien spielt die Verknappung insbesondere der mineralischen und fossilen Rohstoffe eine herausragende Rolle, in anderen der Rückgang der Nahrungsmittelproduktion oder aber pauschal die Umweltverschmutzung, ohne dass diese beiden Einflussparameter zueinander in Beziehung gesetzt würden.

Aus heutiger Sicht würde man sicherlich die wachstumsbegrenzende Rolle der Rohstoffe relativieren, da der Erfindungsreichtum der Wirtschaftsakteure offensichtlich unterschätzt wurde. Das größte Defizit dieses gleichwohl sensationell vorausschauenden Berichtes vor einem halben Jahrhundert liegt jedoch in seiner anthropozentrischen Verengung, die es nicht erlaubt, das komplexe Wechselspiel zwischen den natürlichen Ressourcen Luft, Boden, Wasser sowie Artenvielfalt und den menschlichen Handlungsspielräumen adäquat zu erfassen. Heute wissen wir, dass insbesondere die Erderhitzung, der dauerhafte Humusverlust durch die agroindustrielle Bodenausbeutung sowie die zunehmende Wasserknappheit und -verschmutzung der Menschheit unmissverständlich die Grenzen des Wachstums aufzeigen.

Schon als der Bericht an den Club of Rome erschien, war das Schlagwort vom qualitativen Wachstum in aller Munde, das das rein quantitative ablösen sollte. Seither wurde dieser Gedanke als grünes oder nachhaltiges oder zukunftsfähiges Wachstum umetikettiert, ohne das zugrunde liegende Wachstumsmodell – nämlich die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts als Summe aller neu produzierten Güter und Dienstleistungen innerhalb eines Kalenderjahres – ernsthaft in Frage zu stellen.

Es ist sicherlich höchste Zeit, sich von der politischen Lebenslüge zu verabschieden, man könne die heutige renditegetriebene Verschwendungsökonomie beibehalten und trotzdem den Zusammenbruch des Systems, wie ihn der Bericht an den Club of Rome simuliert hat, vermeiden.

Die Einsicht, dass insbesondere die Industrienationen in den nächsten Dekaden eine weitreichende ökonomische Schrumpfung organisieren müssen – deutlich weniger Produktion infolge langlebiger, reparaturfreundlicher und recyclingfähiger Produkte, Aufbau einer ‚sharing economy‘, kürzere Arbeitszeiten – wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, anstatt weiterhin an der Schimäre eines vermeintlich notwendigen Wirtschaftswachstums festzuhalten. Es wäre nach einem halben Jahrhundert höchste Zeit, diesen Grundgedanken im Sinne des Berichtes an den Club of Rome im nächsten Jahreswirtschaftsbericht des ersten grünen Wirtschaftsministers in Deutschland wiederzufinden.




Kommentare

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AD 05.03.2022, 18:22:02

Wohlstand vom Wachstum zu entkoppeln würde Vernunft voraussetzen und einen auf Suffizienz ausgerichteten Wandel des globalen Wirtschaftssystems voraussetzen. Es gibt jedoch weltweit mächtige Player, die diese Überlebensstrategie effizient verhindern (Stichworte: Taxonomie, fossile Energien...), zumal sie systemisch nicht angelegt ist und eine gänzlich andere Gesellschaft die Folge wäre.

 

Die wenigsten von uns sind bereit, sich einzuschränken, anders als bisher zu konsumieren oder z.B. klimaschonend mobil zu sein. Wir schaffen es in Deutschland ja nicht einmal, uns auf Geschwindigkeitsbeschränkungen für Autobahnen zu einigen!

 

Und viele, sog. Schwellenländer wollen den Lebensstandard westlicher Industrienationen ja erst noch erreichen, was ihn niemand verübeln kann. Doch der Overshoot-Day rückt ob unserer eigenen Verschwendung jedes Jahr näher, die Naturkatastrophen werden zusehends mehr und schlimmer.

 

Die wissenschaftlichen Fakten sind seit Langem völlig eindeutig: wir - die angeblich so Erwachsenen und Vernunftbegabten - rennen immer schneller und aus primär egozentrischen Motiven sehenden Auges ins kollektive Verderben, unsere Autos und die nächste Flugreise sind uns offenkundig wichtiger als das Überleben der gesamten Menschheit und die Zukunft unserer Kinder.

 

Die Uhr tickt, und acht Jahre für die _weltweit_ zwingend erforderliche, verkehrs- und wirtschaftspolitische Kehrtwende entsprechen nur einem Wimpernschlag.

 

Das Schlimmste jedoch: die Welt steht ohne Not am Abgrund...

Andres 23.03.2022, 22:55:18

Die notwendige Verantwortung für positive Veränderung liegt leider oft im Dazwischen. So würden resourcenverbrauchende produzierende Betriebe durchaus nachhaltiger produzieren, wenn es einen nachhaltigen Markt für diese Produkte gäbe.

 

Und Kunden würden durchaus nachhaltigere Wünsche haben, wenn sie nicht ständig die Sorge hätten, dabei über den Tisch gezogen zu werden. Am Nachhaltigsten ist schliesslich das Produkt das gar nicht erst produziert wird. Viel Geld dafür zu bezahlen, dass nichts produziert wird, dass wir anschliessend besitzen können, wiederstrebt irgendwie unsrer menschlichen Jäger- und Sammlernatur.

Qualitativ erzeugte Nachhaltigkeit lässt sich von uns leider auch sehr viel schwerer messen, als quantitative Masszahlen wie

Preise und dafür erhaltene Produkte (inklusive wertigem Verpackungsmüll). Deswegen tut sich das qualitative Wachstum aktuell so schwer.

 

Alle Seiten sehen die Verantwortung jeweils bei anderen Akteuren und bewegen tut sich deswegen nichts. Ein Mensch mag ja vernünftig und (halbwegs) rational agieren. Ein Gesellschaft tut das aber sicher nicht.

 

Der Kapitalismus war einigermassen erfolgreich darin, gemeinsamen Wohlstand zu schaffen, obwohl jeder Akteur nur auf seine Partikularinteressen bedacht ist. Rückblickend leider Wohlstand auf Kosten von Resourcen muss man sagen.

 

Meiner Meinung nach sorgt nur ein konsequent auf allen produzierenden Ebenen abgeführter CO² Preis für die richtigen Anreize.

 

Diesen eingesammlten Betrag dann zu 100% personengebunden wieder an alle Bürger auszuschütten - und nicht etwa politisch über die Verwendung zu entscheiden - kann für die nötige Legitimität und Unterstützung durch die Bevölkerung sorgen, um als Massnahme viral zu gehen. Wer sagt schliesslich nein, zu einer Massnahme die einen nachhaltig reich macht, wenn man dabei weniger verbraucht, und dabei auch gleichzeitig nicht Sorge haben muss, wieder paternalistisch über die Verwendung bevormundet zu werden.


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