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Stella E-Roller-Sharing kommt gut an

Die Nachfrage nach dem Stella-Sharing in Stuttgart boomt. Die Verleihflotte der E-Roller wuchs innerhalb kurzer Zeit auf 75 an und über 4.000 Nutzer sind registriert. (Foto: Stadtwerke Stuttgart)
Die Nachfrage nach dem Stella-Sharing in Stuttgart boomt. Die Verleihflotte der E-Roller wuchs innerhalb kurzer Zeit auf 75 an und über 4.000 Nutzer sind registriert. (Foto: Stadtwerke Stuttgart)

Bundesweiter Vorreiter beim Elektroroller-Sharing sind die Stadtwerke Stuttgart. Die Nachfrage boomt. Kostenfrei geparkt werden darf in der Innenstadt und angrenzenden Stadtteilen. Geladen werden die Stellas nutzerfreundlich von einem Serviceunternehmen per Wechselakkus mit 100 Prozent Ökostrom.

01.11.2017 – Direkt vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof ist von den hellblauen sauberen Flitzern noch nicht viel zu sehen. Dicht an dicht drängeln sich die Autos an Fußgängerampeln entlang. Einige hundert Meter weiter kreuzt dann zumindest ein gelbleuchtender Streetscooter der Deutschen Post fast lautlos eine Nebenstraße. Gleich um die Ecke, vor dem Eingang Friedrichstraße 45, ist es dann soweit. Eine Stella in unverkennbarem Retrolook glänzt babyblau in der Sonne. Ein Passant bleibt stehen, wirft einen interessierten Blick auf den schmucken E-Roller.

100 Kilometer maximale Reichweite

Doch der ist momentan schon reserviert. „Es kann gleich losgehen“, sagt Stadtwerke Sprecher Jörg Oeser. Zwei Klicks auf die App und die geräumige Gepäckbox öffnet sich. Säuberlich darin verstaut zwei schwarze Helme unterschiedlicher Größe, weiße Hygiene-Unterziehhauben, Abwischtücher sowie der Schlüssel. „Führerschein dabei?“, „Fahrzeug in einwandfreiem Zustand?“ fragt die Anzeige auf der App. Zweimal mit „Ja“ bestätigen, nochmals die Bedienungshinweise auf der Innenseite der Helmbox lesen, Helm fixieren und das Lenkerschloss entriegeln. Ein Dreh am rechten Lenkergriff und der E-Roller stromert munter los. Allerdings nicht schneller als 45 km/h, damit man auch mit normalem Autoführerschein fahren darf. 99 Prozent Batterie-Ladestand zeigt das Lenkerdisplay an. Genug für maximal 100 Kilometer, zumindest dann, wenn es nicht ständig den Berg hinauf geht oder man im Stopp-and-go Verkehr steckt. Doch für die Testfahrt heute reicht eine kleinere Runde im Stuttgarter Börsenviertel.

Fürs Mitschwimmen im Verkehr auf der stark befahrenen B 27 hilft die erstaunlich spritzige Beschleunigung. In den Nebenstraßen wird es dann wesentlich relaxter: Breite Gehwege und bunte Straßencafes. Da muss doch zumindest ein Espresso-Stopp sein. Solange der E-Roller steht, fallen fünf Cent pro Minute an, das Fahren kostet 19 Cent pro Minute oder 59 Cent pro Kilometer. Abgerechnet wird immer der günstigere Tarif. Maximal sind pro Tag 29 Euro fällig.

Idee aus der Steiermark mitgebracht

„Meine längste Fahrt mit insgesamt 27 Kilometern war bisher zum Max-Eyth-See“, erzählt Stadtwerke-Chef Olaf Kieser. Der gebürtige Niedersachse nutzt eine der schicken Stellas gerne auch mal in seiner Freizeit. Er war es auch, der die Idee für den E-Roller Verleih im April vergangenen Jahres aus der Steiermark mit ins Schwabenland brachte. Zusammen mit dem Berliner Startup Emmy-Sharing strickte er die Idee weiter. Kontakte zum Hersteller Emco Elektroroller im Emsland wurden geknüpft und der lokale Servicepartner Elmoto kam mit ins Boot. Innerhalb von zehn Wochen war es soweit. Am 10. August vergangenen Jahres konnte die erste Pilotphase im Citybereich mit 15 E-Rollern starten. „Ich bin sehr froh, dass alles so gut funktioniert hat“, sagt Kieser und lächelt zufrieden.

Auf 75 Stellas wuchs die Verleihflotte mittlerweile an. Sie können in der gesamten Innenstadt und angrenzenden Stadtteilen wie Degerloch, Sillenbuch, Botnang, Feuerbach, große Teile von Bad Cannstatt sowie an den Universitätsstandorten Hohenheim oder Vaihingen gebucht und abgestellt werden. Feste Verleihstationen gibt es nicht, denn Stella-Sharing wird als sogenanntes Free-Floating System betrieben. Geparkt werden dürfen die Elektroroller auch auf Gehwegen – allerdings ohne Fußgänger einzuschränken - und kostenfrei auf öffentlichen Park- und Stellplätzen in Stuttgart. Per Übersichtskarte auf der App sieht der Nutzer jeweils, wo ein freier E-Roller zu finden ist.

Keine Sorgen mit Laden oder Batteriereichweiten

„Das flexible und kostenfreie Parken ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor“, sagt Kieser. Zudem müssen sich die Nutzer keine Sorgen um das Laden oder die Batteriereichweite machen und die Stadtwerke nicht um die Ladeinfrastruktur. Denn die Akkus der Stellas werden permanent vom E-Zweiradspezialisten Elmoto ausgewechselt und mit Ökostrom der Stadtwerke geladen. „Unterschreitet ein E-Roller einen bestimmten Mindestakkustand, wird er automatisch aus dem Verleihsystem genommen und zeitnah gewechselt“, erklärt Kieser. Dazu setzt Elmoto übrigens selbst zwei Elektrofahrzeuge ein. Das Stuttgarter Unternehmen ist auch für Service, Reparaturen und Wartung zuständig. Emmy-Sharing bietet im Auftrag der Stadtwerke eine tägliche Service-Hotline, übernimmt Aufgaben im Flottenmanagement und ist für die Abrechnung verantwortlich.

Nachfrage liegt über den Erwartungen

„Die Nachfrage liegt weit über unseren Erwartungen“, freut sich Kieser. Über 4.000 Nutzer haben sich bisher schon für Stella-Sharing registriert, die Zielmarke für 2017 lag bei 3.000. Mehr als 100.000 Kilometer waren die Stella-Fahrer bisher in Stuttgart emissionsfrei unterwegs. Die durchschnittliche Fahrstrecke liegt bei fünf Kilometer. Der typische Fahrer ist männlich, jung (18 bis 39 Jahre) und wohnt in Stuttgart.

„Drei Viertel der Stella-Nutzer sind bisher noch keine Kunden der Stadtwerke“, berichtet Kieser. Ein Glücksfall für den Vertrieb: „Denen wollen wir natürlich auch unsere anderen Produkte wie Ökostrom, Erdgas, Biogas, Photovoltaikanlagen mit Batteriespeicher verkaufen“, so der Stadtwerke-Chef. Das kommunale Unternehmen wurde erst vor fünf Jahren gegründet, ist jedoch kein Grundversorger. Seit dem Vertriebsstart im Februar 2013 wurden 20.000 Kunden für Ökostrom oder Gas gewonnen. Stella-Nutzer, die sich auch für Ökostrom der Stadtwerke entscheiden, erhalten als Anreiz 100 Freiminuten für die E-Roller gutgeschrieben. Sonderkonditionen für Stammkunden gibt es derzeit nicht. Dafür erhalten jedoch alle neuen Stella-Kunden 50 Freiminuten auf die einmalige Anmeldegebühr von 19 Euro.

E-Mobilität mit weiteren Dienstleistungen verknüpfen

Künftig sieht Kieser ein großes Potenzial in der Verknüpfung der E-Mobilität mit Dienstleistungen und Produkten der Stadtwerke wie Photovoltaikanlagen, Speichervertrieb und Ladeinfrastruktur für Haushalte und Firmen. Bisher wurden mehr als 110 Photovoltaikanlagen in Stuttgart für Privat- und Gewerbekunden realisiert. Daneben betreiben die Stadtwerke 31 eigene Windkraftanlagen. „Diesen Weg wollen wir weitergehen und damit Stuttgart lebenswerter machen und die urbane Energiewende vorantreiben“, betont er. Gleichzeitig biete Stella-Sharing auch die Chance, die Energiewende für viele emotional greifbar zu machen. Derzeit liefen zudem erste Gespräche mit Unternehmen und den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) über eine Zusammenarbeit für Stella-Sharing und weitere Angebote im Bereich E-Mobilität. „Die besondere Situation in Stuttgart mit drohenden Fahrverboten und Feinstaub bringt uns auch mehr Kunden“, sagt Kieser.

Bisher der einzige Anbieter

Die Nachfrage nach Stella-Sharing boomt jedenfalls weiter. Zu Gute kommt dem Wachstum, dass die Stadtwerke bisher beim E-Roller Verleih in Stuttgart der einzige Anbieter sind. „Im Rathaus sind bisher alle sehr zufrieden, wir gelten als positives Aushängeschild für Stuttgart“, freut sich Kieser. Doch müsse es darum gehen, dass Wachstum so zu gestalten, dass es alle Beteiligten nicht überfordere. Er gibt sich zuversichtlich, dass sich mit dem Verleih der 4.500 Euro teuren E-Sharing-Roller wie geplant innerhalb von vier Jahren ein wirtschaftlich ausgeglichenes Ergebnis erreichen lässt. Hans-Christoph Neidlein

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