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Costa Rica könnte Energiewende-Vorreiter werden

Costa Rica will sein komplettes Stromsystem klimaneutral gestalten – und hat allerbeste Chancen, sein Ziel zu erreichen. Dabei setzt die Regierung auf Privatisierung und mehr Dezentralität. Wichtig dabei ist, Umweltbelange zu berücksichtigen und soziale Spannungen zu vermeiden. Das kann bei Einbindung der lokalen Bevölkerung gut gelingen.

01.04.2015 – Die Regierung von Costa Rica hat angekündigt, die Stromversorgung des Landes bis zum Jahr 2021 zu 100 Prozent klimaneutral gestalten zu wollen. Sollte das gelingen, wäre dies ein Novum für Lateinamerika. Die Erfolgschancen sind sehr gut, denn schon jetzt beträgt der Anteil an Ökostrom rund 94 Prozent. Die ersten 75 Tage dieses Jahres hat Costa Rica seinen Strombedarf sogar bereits vollständig aus regenerativen Energiequellen gedeckt. Wie der staatliche Stromversorger Instituto Costarricense de Electricidad (ICE) mitteilte, sei es bislang in diesem Jahr noch nicht notwendig gewesen, fossile Energiequellen zur Stromerzeugung einzusetzen. Die großen Stauseen seien aufgrund starken Regens gut gefüllt.

Doch auch in Costa Rica gibt es noch einiges zu tun: Das Stromsystem soll klimafreundlich, wettbewerbsstark und sozialverträglich umgebaut werden. Bislang liefern den mit Abstand größten Teil des Stroms gewaltige Zentralwasserkraftwerke, für die ganze Täler überflutet werden müssen. Nur 31 Prozent der Elektrizität stammten 2013 aus anderen regenerativen Quellen – und genau das möchte die Regierung ändern. Die Energieversorgung soll dezentraler werden – und durch Privatisierungen wettbewerbsorientierter.

Zu diesem Zweck verabschiedete die Regierung zwei Gesetze, die privaten Stromerzeugern 140 MW zusichern sollen. Von den 140 MW sind 100 für Windparks und 40 für kleinere, dezentrale Wasserkraftwerksprojekte vorgesehen. Der staatliche Versorger ICE verliert damit zumindest etwas seine Monopolstellung. Anfang März beschloss das Land die regulatorischen Details für die dezentrale Stromerzeugung. Die Regelungsinstrumente für den Anschluss von kleinen Ökokraftwerken sollen Mitte April in Kraft treten. Sie sollen den Anschluss von Anlagen bis zu einer Maximalleistung von einem Megawatt an das öffentliche Stromnetz ermöglichen. Die costa-ricanische Regulierungsbehörde genehmigte unter anderem drei verschiedenen Tarife, die für den Netzanschluss der Anlagen entscheidend sind: eine einmalige Anschlussgebühr, die Kosten für einen monatlichen Netzzugang und den Preis, für den die Kunden ihren überzähligen Strom an den Energieversorger verkaufen können. Anlagen, die dem Eigenverbrauch dienen, sollen besonders schnell registriert werden.

2013 waren Ökokraftwerke mit einer Gesamtleistung von mehr als 900 Megawatt installiert – große Wasserkraftwerke ausgenommen. 600 Millionen Euro sind in den Bau regenerativer Energieerzeugungsanlagen geflossen, davon 40 Prozent in kleine, dezentrale Kraftwerke. Der WWF schätzt in einer Studie, dass das Potenzial in Costa Rica gewaltig ist: 223.000 Gigawattstunden Wasserkraft pro Jahr, 2.900 Megawatt Geothermie und an vielen Standorten Windgeschwindigkeiten von 4,8 bis 5,6 Metern pro Sekunde. Die Umweltschutzorganisation lobt das Land als das in Sachen Energiewende engagierteste Lateinamerikas, nicht zuletzt auch, weil es sich nicht alleine auf die Wasserkraft verlässt, sondern um eine Diversifizierung seiner grünen Erzeugungstechnologien bemüht ist.

Die Menschen müssen eingebunden werden

Doch nicht jeder begrüßt die Vorhaben der Regierung. So merkt beispielsweise Roland Spendlingwimmer in der Archipelausgabe 224 (03/2014) an, der Vorstoß für die private Elektrizitätserzeugung nähme seinen Lauf ohne das neue Wassergesetz, das bereits ausgearbeitet vorliege, und ohne notwendige Verfassungsänderungen, die Wasser zum öffentlichen Gut erklären sollen, zu berücksichtigen. Das sorge für Umweltschäden und heftige soziale Konflikte in den betroffenen Dörfern. Kleine Wasserkraftwerke können laut Spendlingwimmer für eine Senkung der Wassermindestmenge auf zehn Prozent der Durchschnittsmenge sorgen. Die Menschen vor Ort benötigen das Nass, um ihre Felder und Äcker zu bewässern, und oft speisen die Flüsse auch ihre Trinkwasserquellen. Zudem interessieren sich Investoren auch für Flüsse, in denen endemische Arten leben, also Pflanzen oder Tiere, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Costa Rica benötige zudem Energie, die über das ganze Jahr gleich gut verfügbar sei, und nicht nur in den Regenmonaten, wo die Flüsse ausreichend Wasser führten, so Spendlingwimmer. Er findet es deswegen unverständlich, warum die Regierenden nicht stattdessen im sonnenreichen Costa Rica vermehrt auf inzwischen speicherbare Solarenergie setzen.

In den von dem Autor genannten Fallbeispielen ist die Kritik nicht von der Hand zu weisen. Nicht jeder Standort eignet sich aus sozialer Sicht für den Kraftwerksbau. Und sie zeigt: Energiegewinnung, egal welcher Art, ist immer invasiv und bedingt Veränderungen. Umweltschützern und verantwortungsbewussten Investoren geht es allerdings darum, die an Umwelt  und Mensch entstehenden Schäden im Blick zu haben, sie im Vorfeld genau zu prüfen und auf das mögliche Minimum zu begrenzen. Klar ist auch: Der Super-GAU eines Atomkraftwerks tötet schnell unzählige Menschen. Kohlekraftwerke schaden dem Klima und wegen Schadstoffen wie Quecksilber der Gesundheit. Die Erderwärmung betrifft zudem nicht nur einzelne Menschen, sondern alle Lebewesen der Erde. Ökokraftwerke sind deswegen, an einem sinnvollen, wenig Schaden anrichtenden Standort geplant unter guter Einbindung der lokalen Bevölkerung umgesetzt, die bei Weitem am wenigsten schädliche Variante der Energieerzeugung.

Eine künftige Energieerzeugung durch kleine, dezentrale Anlagen bietet Costa Rica – bei ausreichender Einbindung der Menschen vor Ort – zahlreiche Chancen. Zum einen käme es nicht mehr zu Zwangsumsiedlungen, die beim Bau großer Talsperren unumgänglich sind. Denn für große Wasserkraftwerke müssen ganze Regionen geflutet werden, oft solche, die mit fruchtbarem Regenwald bewachsen sind. Ein aktuelles Beispiel, das mit massiven sozialen Spannungen beladen ist, ist der von ICE geplante Bau des Staudamms „El Diquis“. 7000 Hektar des Terraba-Tals sollen dafür unter Wasser gesetzt werden – Heimatland der Teribe. Die Menschen vor Ort mit indigener Wurzel kämpfen seit Jahren erbittert gegen ihre Zwangsumsiedlung. Nachdem sie das Projekt mit massivem Protest und einer Klage gestoppt hatten, wurde inzwischen ein Komitee eingerichtet, das vermitteln soll. ICE wird unter anderem vorgeworfen, bei der Planung nicht in den Dialog mit den Betroffenen getreten zu sein. Auch ein Vermittler der Vereinten Nationen wurde eingeschaltet. Anwalt Alberto Paniagua zufolge wurden die Grundrechte der indigenen Bevölkerung massiv verletzt: ihr Recht auf Land, ihr Recht auf Selbstbestimmung und ihr Mitspracherecht.

Ideale Bedingungen für eine dezentrale Versorgung

Kleine Solaranlagen auf dem eigenen Dach hingegen verursachen keine sozialen Konflikte. Costa Rica verfügt über eine sehr gute Sonneneinstrahlung, und massive Eingriffe in die Umwelt sind nicht nötig. Wird der Strom zudem zur Selbstversorgung genutzt, muss der Anlagenbesitzer weniger Strom aus dem Netz beziehen. Er kann so das System entlasten und seine Abhängigkeit vom Energiemarkt verringern. Zudem ist bei zunehmendem Klimawandel mit weniger Regenwasser zu rechnen, so das der Spiegel der Flüsse und Seen häufiger sinken wird. Eine Diversifizierung weg von der reinen Wasserkraft hin zu verschiedenen Technologien ist auch deswegen sinnvoll. Windkraftanlagen können, an einem windstarken und sozial akzeptierten Standort installiert, ebenfalls ihren Teil zur Versorgung leisten. Und Geothermie wird bereits eingesetzt: Costa Rica betreibt entsprechende Anlagen in der Nähe von Vulkanen in der Provinz Guanacaste.

Das Land verfügt über viel Sonne, Erdwärme und Wind – ideale Voraussetzungen, das Stromsystem vielfältig zu gestalten. Mit den entsprechenden Gesetzen zur privaten Stromerzeugung und sinnvoller Einbindung der lokalen Bevölkerung bei der Projektumsetzung dürfte Costa Rica beste Chancen haben, seine Stromversorgung sozialverträglich umzubauen – und gleichzeitig tatsächlich der erste Staat Lateinamerikas mit klimaneutraler Stromerzeugung zu werden. Es wäre ein Erfolg, an dem sich auch die Staaten Europas ein Beispiel nehmen könnten. Rebecca Raspe

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