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Ölbohrungen in Regenwald-Nationalpark: Yasuní in Gefahr

Im Yasuní-Nationalpark in Ecuador werden seit einigen Monaten bereits Ölquellen ausgebeutet, die Regierung plant eine Ausweitung in dem artenreichsten Gebiet der Erde. Die Bevölkerung will nun einen Volksentscheid erzwingen. Die Weltgemeinschaft hat ihre Hilfe für den Regenwald bereits verweigert.

17.04.2014 – Der Yasuní-Nationalpark im Regenwald Ecuadors zählt zu den Hot-Spots der weltweiten Biodiversität,  kein anderes Gebiet der Erde hat eine höhere Artenvielfalt. Auf einem einzigen Hektar im südamerikanischen Regenwald gibt es mehr Baum- und Buscharten als in ganz Nordamerika. Doch die Idylle ist in Gefahr: Die ecuadorianische Regierung lässt dort bereits nach Öl bohren. Eine Ausweitung der Ölförderung ist beschlossene Sache.

Für das südamerikanische Land steht viel auf dem Spiel. Entweder wird die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt im Amazonas-Gebiet im Osten des Landes geschützt oder dort nach Erdöl gebohrt. Für das arme Land im Westen des südamerikanischen Kontinents eine verheißungsvolle Chance. Denn im Boden unter dem Yasuní-Nationalpark werden mindestens 800 Millionen Barell Öl vermutet. Nach langem Zögern und einer zehnstündigen Debatte segnete das Parlament im Oktober 2013 den Plan von Präsident Rafael Correa ab, die Genehmigungen zur Ölförderung in dem geschützten Amazonas-Gebiet auszuweiten.

In angrenzenden Regionen des Yasuní-Nationalparks, mitten im Amazonas-Regenwald, werden schon seit 1967 Ölquellen ausgebeutet – zum Teil mit schwerwiegenden Folgen. Immer wieder geschehen Unglücke, Öl-Pipelines bersten und das „schwarze Gold“ verseucht große Gebiete. Im Mai 2012 kam es beispielsweise gleich zu zwei Unfällen im unmittelbaren Einflussgebiet des Nationalparks. Durch ein Leck an einem Ventil im Cononaco-Ölfeld des ecuadorianischen Ölkonzerns Petroecuador liefen große Mengen Öl in die Flüsse Quehuiparo, Shiripuno und Cononaco. So gelangte das Öl auch in den Nationalpark und in besonders geschützte Gebiete indigener Bevölkerungsgruppen. Da die dort lebendende Bevölkerung und indigenen Siedler von den Flüssen, dem Wasser und der Natur leben, gefährden solche Öl-Unfälle massiv ihre Existenz.

Indigene Völker sind in Gefahr

Denn nicht nur die Tier- und Pflanzenwelt im Yasuní-Nationalpark und den angrenzenden Regenwaldgebieten ist einzigartig. Auch die Bewohner sind es. Zahlreiche indigene Gruppen leben in den Tiefen des Regenwaldes. Das Gebiet im Osten Ecuadors ist die Heimat zweier indigener Völker, der Kichwa und der Huaorani. Sie leben verstreut in Gruppen mitten im Regenwald, meist entlang der Flüsse. Der erste nicht kriegerische Kontakt mit protestantischen Missionaren wurde erst vor 60 Jahren hergestellt. Zwei indigene Gruppen der Huaorani verweigern jeden Kontakt mit der Außenwelt. Sie haben sich in die zona intangible, die für sie eingerichtete unantastbare Zone, im Hochlandwald des Gebietes zurückgezogen und leben isoliert.

In den vergangenen Jahren ist es jedoch vermehrt zu Zwischenfällen gekommen. Die nomadischen, indigenen Krieger greifen Siedler und Holzfäller an, die in ihre Territorien vordringen. Die verstärkte Ausbeutung der Erdöl-Vorkommen im und um den Yasuní-Nationalpark wird auch an ihnen nicht spurlos vorrübergehen. Weitere Auseinandersetzungen und Kämpfe sind zu erwarten.

Die Bevölkerung wehrt sich

Unterdessen versuchen Umweltschützer und Bürgerrechtsaktivisten mit Hilfe der ecuadorianischen Bevölkerung die Ausweitung der Ölförderung zu verhindern. Die Initiative Yasunídos übergab dem Nationalen Wahlausschuss vergangene Woche 756.291 Unterschriften für einen Volksentscheid über die Erdölbohrungen im Nationalpark. Falls der Wahlausschuss mindestens 596.446 Unterschriften (fünf Prozent der Wahlberechtigten) anerkennt, steht dem Volksentscheid nichts mehr im Weg. Für die Prüfung sind 15 Tage vorgesehen, weitere 15 Tage später muss die Regierung einen Termin für die Volksabstimmung festlegen, die innerhalb von 60 Tagen stattfinden muss. Die ecuadorianische Regierung hatte im Vorfeld bereits erklärt, dass mindestens 30 Prozent der Unterschriften ungültig seien.

Für den Volksentscheid engagierten sich in den vergangenen Monaten zehntausende Freiwillige in dem südamerikanischen Land. Am 12. April zogen tausende Bürger gemeinsam mit Umweltschutzorganisationen und indigenen Verbänden vor den Nationalen Wahlausschuss und übergaben die Unterschriften. Die Yasunídos-Bewegung entstand nur wenige Tage nachdem Präsident Correa im August 2013 den Beginn der Erdölförderung im Yasuní-Nationalpark ankündigte. Nicht nur Umwelt-, Bürgerrechts- und Indigenenverbände protestierten. Vor allem die junge Generation, sowie Künstler und Intellektuelle rebellieren gegen die Pläne der Regierung.

Weltgemeinschaft verweigert Hilfe

Dabei war der ecuadorianische Präsident Rafael Correa einst selbst ein großer Verfechter des Verzichts auf Ölbohrungen im weltweit einzigartigen Nationalpark. Er war es der die 2007 gestartete Yasuní-ITT-Initiative maßgeblich unterstützte. Die ITT-Initiative  (benannt nach den drei dort entdeckten Ölquellen Ishpingo, Tiputini, Tambococha) sah vor, die riesigen Mengen Erdöl im Yasuní-Nationalpark zum Schutz von Natur und indigener Bevölkerung im Erdboden zu belassen. Für diese freiwillige Nicht-Ausbeutung der Ölquellen forderte Ecuador im Gegenzug von der Weltgemeinschaft einen Ausgleich in Höhe von 3,6 Milliarden US-Dollar – quasi einen solidarischen Ausgleichsbetrag für die Öl-Einnahmen. So sollten mindestens 50 Prozent des entgangenen Umsatzes abgedeckt und für die Entwicklung des südamerikanischen Landes genutzt werden.

Die innovative Idee erlangte zunächst große Aufmerksamkeit und stieß bei einigen Staaten auf Interesse. Denn der Verzicht Ecuadors auf die Ausbeutung der Ölquellen hätte ebenso die Emission von über 400 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre vermieden. Internationale Organisationen wie das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), die Europäische Union (EU) und auch der Deutsche Bundestag unterstützen das Projekt. Persönlichkeiten wie Prinz Charles, Michail Gorbatschow und die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Muhammad Yunus setzten sich dafür ein. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung befürwortete die Initiative öffentlich und stellte eine finanzielle Beteiligung in Aussicht. Mit dem Antritt von Dirk Niebel (FDP) als Entwicklungshilfeminister 2009 änderte sich dies allerdings schlagartig. 2010 lehnte die Bundesregierung eine finanzielle Unterstützung offiziell ab – offenbar aus Angst, es könnten weitere Staaten ähnliche finanzielle Forderungen stellen.

Präsident Correa gibt auf

Nach sechs Jahren gab Präsident Correa auf und wandte sich 2013 der Erdölförderung zu.  Gerade einmal 13,3 Millionen Euro, 0,37 Prozent des erwarteten Betrags, sei in den eingerichteten UNO-Treuhandfonds eingezahlt worden, kritisierte er. Er habe kaum eine andere Möglichkeit, als die Entwicklung seines Landes voranzutreiben.

Die Rettung des einzigartigen Naturgebiets scheint nun in den Händen der Bevölkerung Ecuadors zu liegen. Falls der Nationalen Wahlausschuss die Gültigkeit der Unterschriften bestätigt, werden sie über das Schicksal ihres Nationalparks und der dort lebenden indigenen Völker entscheiden. Umfragen zufolge könnte eine Mehrheit sich für den Erhalt des für die Erde einzigartigen Regenwaldgebietes und gegen die wirtschaftliche Ausbeutung entscheiden. Clemens Weiß

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