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Stresstest StromnetzAtomausstieg verschoben

AKW
Die Energiekrise in Deutschland trägt seltsame Blüten: Nun schlägt der grüne Klimaschutzminister Robert Habeck vor, zwei AKW als Stromreserve für den Winter vorzuhalten. (Bild: Qubes Pictures / pixabay)

Die Bundesregierung will zwei AKW über den Winter als Notreserve für das Stromnetz behalten. Umweltorganisationen kritisieren den Vorschlag als energiepolitisch unsinnig und sehen den Atomausstieg gefährdet.

07.09.2022 – Im Hinblick auf die sich verschärfende Energiekrise in Europa ließ die Bundesregierung die Versorgungssicherheit des Deutschen Stromnetzes zum zweiten Mal in diesem Jahr überprüfen. Die Atomenergie stand dabei besonders im Fokus. Obwohl ihr Beitrag gering ist, kocht die Atomdebatte erneut hoch.

Stromnetz im Stresstest

Die zweite Sonderanalyse der Stromsituation für den kommenden Winter wurde von den vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW von Mitte Juli bis Anfang September durchgeführt. Grund hierfür waren die anhaltende Dürre und entsprechend niedrige Wasserstände im Sommer, der Ausfall französischer Atomkraftwerke, die weitere Reduzierung der gelieferten Gasmengen aus Russland sowie die insgesamt angespannten Strommärkte.

Der Stresstest ergab, dass stundenweise Stromausfälle im Winter zwar sehr unwahrscheinlich sind, jedoch nicht vollständig ausgeschlossen werden können. Um mehr Sicherheit zu schaffen, wird empfohlen, Biogas weiter voranzutreiben, Reservekraftwerke zu nutzen und Transportkapazitäten im Stromnetz zu verbessern. AKW könnten grundsätzlich einen Beitrag leisten, um die Stromsituation in kritischen Momenten beherrschbarer zu machen, heißt es in den Empfehlungen. Mögliche Engpässe sind in Süddeutschland am wahrscheinlichsten, wo die Windkraft über Jahre blockiert wurde.

AKW in Reserve

Der deutsche Atomausstieg sollte Ende des Jahres vollendet werden und die letzten drei verbleibenden AKW vom Netz gehen. Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck kündigte Anfang der Woche an, zwei der drei verbleibenden AKW – Isar 2 und Neckarwestheim – bis April 2023 als Einsatzreserve bereit halten zu wollen. Habeck begründete seine Entscheidung mit der Ausnahmesituation im kommenden Winter und betonte, es werde am Atomausstieg, wie er im Atomgesetz geregelt ist, festgehalten.

„Neue Brennelemente werden nicht geladen und Mitte April 2023 ist auch für die Reserve Schluss. Die Atomkraft ist und bleibt eine Hochrisikotechnologie und die hochradioaktiven Abfälle belasten zig nachfolgende Generationen. Mit der Atomkraft ist nicht zu spielen. Eine pauschale Laufzeitverlängerung wäre daher auch im Hinblick auf den Sicherheitszustand der Atomkraftwerke nicht vertretbar. Mit der Einsatzreserve tragen wir den Risiken der Atom-Technologie und der Sondersituation im Winter 22/23 Rechnung.“ Geregelt werden soll dies über eine dritte Novelle des Energiesicherungsgesetzes.

Atomkraft ist keine Lösung

Die Entscheidung traf auf Kritik von allen Seiten: CDU und CSU sowie FDP pochen auf einen regulären Weiterbetrieb bis mindestens 2024, während sich die Grüne Basis und andere Umwelt- und Klimaschützer auch von der Laufzeitverlängerung über den Winter enttäuscht zeigten. Atomkraft-Befürworter werfen Habeck vor, die Strompreislage nicht zu berücksichtigen. Umweltverbände wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH), der Naturschutzbund Deutschland (NABU), Robin Wood, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Germanwatch sowie Forscher des Öko-Instituts zeigten sich hingegen empört, dass Habeck mit der Bereithaltung der AKW den hart errungenen Atomausstieg gefährde.

NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger kritisierte: “Die jahrelang ausgebliebenen Sicherheitsüberprüfungen in den deutschen Atomkraftwerken sprechen nicht für einen sicheren Betrieb – auch nicht als Reserve. Der Blick nach Frankreich zeigt, dass die dortigen Atomkraftwerke aufgrund besorgniserregender Korrosion derzeit abgeschaltet sind. Wir haben zudem erst in jüngster Zeit intensiv Erfahrungen gemacht, wie unzuverlässig Atomkraft ist. Sie ist auf reichlich Kühlwasser aus unseren Flüssen angewiesen. Diese führen in der aktuellen Dürre wenig und zu warmes Wasser.” Ganz ähnlich äußerten sich auch der Bundesgeschäftsführer der DUH, Sascha Müller-Kraenner und BUND-Vorsitzender Olaf Bandt. Robin Wodd wies darauf hin, dass im Atomkraftwerk Neckarwestheim 2 im Juni dieses Jahres bereits zum sechsten Mal in Folge gefährliche Korrosions-Risse nachgewiesen wurden.

Germanwatch forderte die Bundesregierung auf, statt auf Atomkraft auf Erneuerbare zu setzen. Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der NGO, betonte: „Es braucht jetzt ein großes Paket an Maßnahmen und öffentlichen Investitionen, damit wir im nächsten Winter in einer ganz anderen Situation sind. Dieses Paket muss Energieeinsparungen, Wärmepumpen, Erneuerbare Energien und beschleunigten Netzausbau in den nächsten Monaten voranbringen. Dazu sollten beispielsweise staatliche Abnahmegarantien für Windkraftanlagen, Wärmepumpen und ein verbindliches Energieeffizienzgesetz gehören. Während der Stresstest zeigt, dass ein Weiterbetrieb der Atomkraftwerke kaum einen Beitrag zur Energiesicherheit leisten würde, lässt sich mit Erneuerbaren Energien und Energieeinsparungen eine tatsächlich sichere, bezahlbare und nachhaltige Energieversorgung erreichen.“ jb


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