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Großbritanniens KlimakriseBrexit als Chance für eine nachhaltigere Landwirtschaft?

Mobile Fast Food Station in Großbritannien
All you can eat: Die britische Regierungspolitik der letzten Jahrzehnte zielte darauf ab, Lebensmittel immer billiger zu machen – mit schweren Folgen für die Gesundheit, Umwelt und das Klima. (Foto: Dave Crosby / Flickr / CC BY-SA 2.0)

Umweltschützer sehen im Brexit die einmalige Chance, das britische Ernährungs- und Landwirtschaftssystem auf einen nachhaltigen Weg zu bringen. Das britische Parlament zeigt sich einsichtig. Die Klimakrise verlange eine radikale Transformation.

18.07.2019 – Eine Kommission der britischen RSA (Royal Society for the encouragement of Arts, Manufactures and Commerce) sieht im Brexit eine Chance, den Weg der industrialisierten und subventionierten Agrarpolitik der EU zu verlassen und eine eigene, nachhaltigere Richtung einzuschlagen.  Die RSA ist eine britische Kultureinrichtung, die sich zur Aufgabe gemacht hat, eine Plattform für kritische Diskussionen und neue nachhaltige Ideen für das 21.Jahrhundert zu schaffen. Das britische Ernährungs- und Landwirtschaftssystem müsse radikal verändert und innerhalb der nächsten zehn Jahre nachhaltig gestaltet werden, so die Kommission.

Der britische Umweltminister Michael Gove begrüßte den Vorstoß. Der Bericht der Kommission empfiehlt, Landwirte dabei zu unterstützen, von einer intensiven Landwirtschaft zu einer ökologischeren Produktion überzugehen. Junge Menschen sollten innerhalb eines „National Nature Service“ die Möglichkeit erhalten, sich für den Naturschutz einzusetzen – und dabei lernen, wie jeder Einzelne der Klimakrise begegnen kann.

Landwirte sind bereit, jetzt brauchen sie schnelle, politische Unterstützung

Die Gesundheit der Menschen und der Erde und Natur seien untrennbar miteinander verbunden, heißt es im Bericht. Diese Beziehung sei in den letzten 70 Jahren jedoch nahezu zerstört worden. Den Bericht hat die Kommission gemeinsam mit Vertretern der Landwirtschaft, Unternehmen aus dem Bereich der Lebensmittelversorgung sowie verschiedenen Umweltorganisationen erstellt, dazu wurden u. a. Gespräche mit ein paar tausend Landbewohnern geführt.

„What we eat, and how we produce it, is damaging people and the planet“ (Sue Pritchard)

„Was wir essen und wie wir es produzieren, schadet den Menschen und dem Planeten“, mahnt Sue Pritchard, Direktorin der RSA Food, Farming and Countryside Commission. Billige Nahrungsmittel machen nicht nur krank, sondern zerstörten auch die Umwelt und tragen zur Klimakrise bei. Mit dem Austritt aus der EU und damit auch der EU-Agrarpolitik wäre es für Großbritannien nun die Chance, gemeinsam mit Unternehmen, Landwirten und Bürgern einen neuen Weg einzuschlagen.

Viele Landwirte seien überzeugt, so der Bericht der Kommission, in fünf bis zehn Jahren markante Veränderungen vornehmen zu können – wenn sie denn die richtige Unterstützung bekämen. „Die Landwirte sind außerordentlich anpassungsfähig“, glaubt Sue Pritchard, die selbst Biolandwirtin in Wales ist. Landwirte sollten sich als treibende Kraft fühlen und könnten einen Wandel herbeiführen. Sie müssten nun dringend Unterstützung erhalten, damit sich eine nachhaltige Landwirtschaft lohnt – denn ohne diese könne Großbritannien nicht überleben, warnen die Autoren des Berichts.

Die Kommission kritisiert die Regierungspolitik der letzten Jahrzehnte, die darauf abzielte, Lebensmittel immer billiger zu machen – und damit Fettleibigkeit und weitere Gesundheitsprobleme begünstigt habe. Die wahren und immensen Kosten dafür müsse die gesamte Gesellschaft tragen. Allein die Behandlung von Typ-2-Diabetes, einer ernährungsbedingten Krankheit, koste den britischen Staat jährlich rund 27 Mrd. britische Pfund.

Klimakiller industrielle Landwirtschaft – stattdessen Ökolandbau fördern

Aktuell sei die Landwirtschaft für über zehn Prozent der klimaschädlichen Gase in Großbritannien verantwortlich und trage massiv zur Zerstörung der Artenvielfalt bei. Die Häufigkeit der wichtigsten Arten wäre demnach seit 1970 um 67 Prozent zurückgegangen, 13 Prozent der Arten wären bereits vom Aussterben bedroht. Es sei daher dringend notwendig, den ökologischen Landbau und die Agroforstwirtschaft zu forcieren und zu unterstützen.

Die Kommission hat in einer Studie auch Empfehlungen zu einer nahrhaften wie umweltverträglichen Ernährungsweise gegeben. Diese ziele nicht – wie viele andere Studien – auf die Reduzierung von Fleischkonsum ab, so Pritchard. In den Regionen Großbritanniens, wo es ohnehin große Grasflächen gibt, wäre die ökologische Haltung von Rindern und Lämmern sogar empfehlenswert. Zudem empfiehlt die Studie aber auch den verstärkten Anbau und Verzehr von Nüssen und Hülsenfrüchten sowie Gemüse.

Motor der grünen Wirtschaft

Die Regierung müsse nun einen Plan entwickeln, so die Kommission, um die ländlichen Regionen und Gemeinden in den Mittelpunkt einer nachhaltigen Wirtschaft zu rücken. „Wir wissen“, kommentierte Umweltminister Gove den Bericht in den britischen Medien, „dass es im Interesse von Landwirten und Landbesitzern liegt, zu einem nachhaltigeren Modell überzugehen.“ Mit der Farm to Fork Kampagne, bei der die Qualität von Nahrungsmitteln von der Herstellung bis zum Teller der Verbraucher überprüft wird und gewährleistet werden soll, dass jeder Brite Zugang zu gesunden und nahrhaften Lebensmitteln hat und sich diese auch leisten kann, habe man bereits ein erstes Instrument an der Hand – so könnte man Landwirte fördern, die die ökologischen und nachhaltigen Qualitätsmerkmale erfüllen.

Der Vorstoß der RSA-Kommission wurde von vielen Politkern im Parlament erstmal positiv aufgenommen. Die Kommission schlägt nun vor, eine gemeinnützige Bank einzurichten, die Landwirte bei Investitionen in eine nachhaltigere Bewirtschaftung finanziert. Die politische Schlacht um den Brexit macht es den Landwirten indes nicht leichter, es herrscht große Unsicherheit. Die Kommission forderte den Umweltminister daher auf, bis Januar 2020 ein konkretes Ziel zu vereinbaren. Öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser könnten bereits jetzt dazu angehalten werden, vornehmlich nachhaltig erzeugte britische Lebensmittel zu kaufen. Ländliche Gemeinden, so müsse das große Ziel lauten, sollen zu einem Motor der grünen Wirtschaft in Großbritannien werden. na