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Nach FischsterbenDie Oder braucht keinen Ausbau

Wasserarm der Oder mit Wiesen
An der Oder auf der Länge des Nationalparks hat der Fluss viel Platz, um sich im Winter auszubreiten. Ein Ausbau der Oder würde das Ökosystem verändern. (Foto: Bärbel Doering auf Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Die Umweltkatastrophe an der Oder stellt den Ausbau des Flusses in Frage. Das Projekt beruht auf einem deutsch-polnischen Regierungsabkommen von 2015 und hat eine lange Vorgeschichte. Jetzt gewinnen die Argumente der Kritiker an Gewicht.

25.08.2022 – Das massenhafte Fischsterben an der Oder ist eine menschengemachte Katastrophe. Wie schwer die Schäden sind und wie lange eine mögliche Erholung des Ökosystems dauern wird, ist schwer zu sagen. Mit der Katastrophe sind auch die Ausbau-Arbeiten am Fluss ins Blickfeld geraten, ihr Einfluss auf das sensible Ökosystem des Flusses lässt das deutsch-polnische Projekt fragwürdig erscheinen.

Der Fluss, der auf rund 177 Kilometern Länge die Grenze zwischen Polen und Deutschland bildet, wird schon seit Jahrhunderten vom Menschen gezähmt. Ursprünglich ein Auen-Urwald mit Mücken und regelmäßigen großflächigen Überschwemmungen begannen im unteren Odertal die ersten Siedler vor mehreren Hundert Jahren mit einem System aus Kanälen, Schleusen und Deichen den Auen und Mooren landwirtschaftliche Flächen abzuringen. Besonders tief ist der Fluss nicht, schon deshalb mussten Kapitäne bei Niedrigwasser unfreiwillige Pausen einlegen.

Vor hundert Jahren begann der Buhnenbau - und wurde aufgegeben

Ab den 1920-er Jahren wurden in den Fluss hineinragende Steinwälle errichtet, um die Fließgeschwindigkeit zu erhöhen und die Schiffbarkeit auch bei Niedrigwasser zu verbessern. Dem Projekt war wenig Erfolg beschieden. 1941 wurden die Bauarbeiten eingestellt. Die Schifffahrt auf der Oder entwickelte sich längst nicht so wie erwartet – wegen dem Krieg und später wegen der Grenzlage.

Die Buhnen wurden vom Zahn der Zeit – dem Wasser und dem Eis im Winter – beschädigt und in Teilen hinweggespült, manche sind kaum noch wiederzufinden. Nach der Wende änderten sich die politischen Vorzeichen. Die Bundesrepublik erkannte die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze an, die beiden Länder nahmen freundschaftliche Beziehungen auf.

Das verheerende Oder-Hochwasser 1997 hatte gezeigt, wie verwundbar das Land hinter den Deichen ist. Besonders das Eis im Winter ist eine Gefahr. Stauen sich die Schollen, besteht höchste Hochwassergefahr. Deshalb müssen Eisbrecher mit wenig Tiefgang das Eis auf der Oder aufbrechen. Das hat auch immer gut geklappt, sowohl deutsche als auch polnische Schiffe waren im Einsatz.

Geplante Arbeiten sind mehr als Instandhaltung

Doch irgendwann stand die Forderung im Raum, die Eisbrecher bräuchten mehr Tiefe, dazu müssten die Buhnen instand gesetzt werden. Sachverständige und Behörden brüteten Jahre über Plänen, das Land am Fluss besser gegen Hochwasser zu schützen. Besorgte Anwohner und Umweltschützer glaubten das Vorhaben schon aufgegeben.

Aber 2015 war es dann so weit. Ein deutsch-polnisches Regierungsabkommen wurde geschlossen, das die Ertüchtigung der vorhandenen Bauwerke zum Hochwasserschutz beinhaltete. Zu erreichende Wassertiefen waren vorgegeben, die Arbeitsgruppen hatten dafür notwendige Regulierungs-, Umbau- und Abrissarbeiten definiert, auch höher und länger sollen die Steinwälle werden. Mit den Buhnen wird der Querschnitt des Flusses eingeengt, das Wasser fließt schneller und spült Sand vom Boden mit, der Fluss wird tiefer. Aber auch stellenweise Ausbaggerungen sind nicht ausgeschlossen. Vor allem deshalb reden die Umweltschutzverbände von einem Ausbau und nicht von einer Instandhaltung.

Sascha Maier, Gewässerexperte des BUND, beschreibt die mit dem Ausbau einhergehenden Gefahren: „Es steht zu befürchten, dass sich der Fluss unkontrolliert eingräbt. Damit sinkt dann auch der Grundwasserspiel, weil dieser sich am tiefsten Punkt des Flusses orientiert.“ Zudem wirbeln die Arbeiten Sedimente auf, die das ohnehin durch Hitze und Niedrigwasser gestresste Ökosystem noch mehr belasten.

Besonders hart wird es den Nationalpark Unteres Odertal treffen. Dort beherbergen große Überflutungsflächen einen der artenreichsten Lebensräume Deutschlands. Bleiben die regelmäßigen Überflutungen aus oder sinkt der Grundwasserspiegel wird das unausweichlich großflächig zur Veränderung der Flora und Fauna führen, Schäden an Ufern und unmittelbare Zerstörung von Lebensräumen inklusive. Die Auen und Moore an der Unteren Oder filtern zudem große Mengen Nährstoffe aus dem Flusswasser und sind deshalb von unschätzbarem Wert für das Ökosystem im Mündungsbereich des Flusses an der Ostsee. Dort würde eine noch stärkere Eutrophierung stattfinden.

Zwei kritische Stellen sind noch mehr gefährdet

„An zwei kritischen Stellen wird der Oder-Ausbau die Hochwassergefahr sogar noch verschärfen“, sagt Sascha Maier und verweist auf Berechnungen der Bundesanstalt für Wasserbau. An den Engstellen in Hohenwutzen und in Frankfurt (Oder) würde eine Hochwasserwelle wie 1997 zwischen 12 und 15 Zentimetern höher ausfallen, wenn die Baumaßnahmen mit höheren und längeren Buhnen so wie geplant umgesetzt würden.

Oder-Ausbau steht schon länger in der Kritik

Es gibt also viele Gründe, den geplanten Ausbau zu stoppen. Neben Umweltverbänden sind auch Politiker:innen aktiv. Sahra Damus, Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen in Brandenburg, engagiert sich seit mehreren Jahren gegen den Ausbau. Zunächst hoffte auch sie, die Pläne würden nicht verwirklicht. Seit zwei Jahren ist klar, dass die Würfel für den Ausbau gefallen sind. Seitdem wurden einige Aktionen und Informationsveranstaltungen auf die Beine gestellt.

Damus verweist auf die Position ihrer Partei: „Wir sind gegen den Ausbau der Oder, weil er zum einen kontraproduktiv für den Hochwasserschutz ist. Eigentlich bräuchte der Fluss mehr Raum und Überflutungsgebiete. Zum anderen gefährdet der Ausbau vorhandene artenreiche Lebensräume.“ Seit 2019 sind die Grünen in Brandenburg in Regierungsverantwortung und stellen mit Axel Vogel auch den Umweltminister. Vogel hat zunächst einen Widerspruch und dann Klage eingelegt gegen die auf polnischer Seite erfolgte Feststellung der Umweltverträglichkeit. Der Widerspruch wurde vor wenigen Tagen inhaltlich abgelehnt. Die gewonnene Klage der Umweltverbände hat erreicht, dass die polnische Umwelthörde den sofortigen Vollzug nochmals prüfen muss.

Auf polnischer Seite laufen die Flussbauarbeiten

Dennoch, der Ausbau auf polnischer Seite hat begonnen. So richtige Befürworter auf deutscher Seite kann Damus nicht ausmachen, aber auch keine lautstarken Unterstützer aus anderen politischen Lagern. Das ändert sich jetzt, nach der Umweltkatastrophe, die gerade zum massenhaften Sterben von Fischen, Muscheln und Schnecken geführt hat. „Jetzt sind viele Menschen aufgerüttelt und mehr Stimmen bekennen sich dazu, den Ausbau der Oder auf Eis zu legen, dem Fluss und seinen Bewohnern Ruhe zu gönnen, Lebensräume nicht zu zerstören“, sagt Damus. 

Sascha Maier vom BUND sieht die Bundesregierung in der Verantwortung, da das Abkommen auf höchster Ebene geschlossen wurde. „Falls jetzt nach dieser Katastrophe die Einsicht einkehrt, dass der Fluss eine Ruhe und Raum braucht und der Ausbau gestoppt werden soll, müsste das auch auf dieser Ebene vorangetrieben werden“, ist seine Überzeugung.

Ende Juli, Anfang August kam es in der Oder zu einem massenhaften Fischsterben, dessen Folgen für das Ökosystem schwerwiegend sind. Die Regeneration wird Jahre dauern, ohne dass garantiert ist, dass alle Arten überleben werden. Als Ursache gilt inzwischen das Toxin einer Alge, dass auf Kaltblüter wirkt. Die Algen haben sich infolge der hohen Temperaturen, des Niedrigwassers und der Einleitungen aus der Industrie sprunghaft vermehrt. Solche Szenarien sind immer wieder denkbar, auch an anderen Flüssen. An der Oder könnten auch die Ausbauarbeiten auf polnischer Seite zur Verschärfung des Problems beigetragen haben. Petra Franke


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