TOP-THEMA
Europawahl




2000-Watt-GesellschaftNachhaltig leben muss hip werden

2000-Watt-Gesellschaft
Bekenntnis zur 2000-Watt-Gesellschaft an der Fassade eines neuen Wohngebäudes in Zürich. (Foto: © Martin E. Walder / commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Der Energie- und Ressourcenverbrauch eines Menschen ist weltweit höchst unterschiedlich – in Hinblick auf den Klimawandel ist das ungerecht. Gleich viel Energie und Ressourcen für alle, lautet deshalb das Credo der 2000-Watt-Gesellschaft. Wie aber lässt sich das gesellschaftlich verankern?

24.06.2019 – In der Klimadebatte werden wir zunehmend mit Zahlen konfrontiert: Wie viel CO2-Emissionen müssen wir einsparen um die Pariser Klimaziele zu erreichen, wie groß ist der eigene CO2-Fußabdruck? Nun also wieder eine Zahl: 2.000 Watt. Diese mit Leben zu füllen ist das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft. Ein Watt ist zunächst einmal die physikalische Einheit für Dauerleistung. Ein menschliches Herz erbringt bspw. Eine Dauerleistung von 1-2 Watt, arbeitet der Mensch schwer, muss er bereits 200 Watt Leistung aufbringen. Im Vergleich zur Maschine: 1.000 Watt bringt etwa ein Staubsauger.

2.000 Watt, so haben Forscher an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich schon vor einigen Jahren errechnet, entsprachen weltweit im Durchschnitt in etwa dem Pro-Kopf-Leistungsbedarf im Jahr 1990. Bei der Berechnung der Leistung wurden alle Energieformen – von Strom über Heizung, Konsum, bis zum Spritverbrauch des Autos oder Flugreisen – berücksichtigt. Daraus entstand ein Zielwert: Um den Klimawandel und den Raubbau von Ressourcen innerhalb eines für die Umwelt vertretbaren und sozialverträglichen Rahmens zu begrenzen, stünden jedem Erdenbürger hochgerechnet 17.500 Kilowattstunden pro Jahr zu, was der kontinuierlichen Leistungsaufnahme von eben 2.000 Watt entspräche.

Deutschland oder die Schweiz sind heute jedoch eine 6500-Watt-Gesellschaft, ein US-Amerikaner bringt im Durchschnitt sogar fast das Doppelte auf die Klimawaage. Jeder von uns West- und Mitteleuropäern verbrauche demnach drei Mal so viel Energie, wie es die weltweiten Energiereserven zulassen und wie es von der Umweltbelastung her vertretbar wäre. Und nur weil Menschen in ärmeren Ländern deutlich weniger Energie verbrauchen, können wir uns in den Industriestaaten diese hohen Werte leisten.

Gut leben mit weniger Energie?

Anhand dieser Zielvorgaben entwarfen die Wissenschaftler die Vision einer global gerechten Energieverteilung: Jedem Menschen auf der Erde soll die gleiche Menge Energie und Ressourcen zur Verfügung stehen. Energie und Ressourcen sparen – das verbinden die meisten Menschen allerdings mit Verzicht. Die Forscher der ETH Zürich behaupten jedoch ganz optimistisch, dass zwei Drittel weniger Energieverbrauch möglich sind und das nicht weniger Lebensqualität mit sich bringen müsse.

Man fängt da an, wo es am wenigsten weh tut: Erneuerbare Energien konsequent nutzen und erschließen, Rohstoffe und Energie effektiver nutzen, etwa durch spritsparende Autos oder energieeffiziente Haushaltsgeräte, umweltfreundliche Produktionsprozesse und kurze Lieferwege bevorzugen. Wenn wir den Energiebedarf für unsere öffentliche Infrastruktur reduzieren – vom Straßennetz bis zum städtischen Gebäude – geht schon viel. Und wenn dazu noch jeder Einzelne auf einen ressourcenschonenden Lebensstil achtet – vom Konsum bis hin zur Mobilität – ist noch mehr gewonnen. „Nutzen statt besitzen“ ist eine Devise.

Zürich machte den Anfang

Das Konzept besticht durch seinen ganzheitlichen Ansatz. Um den Energieverbrauch nachhaltig zu reduzieren, verfolgt die 2000-Watt-Gesellschaft drei Strategien: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz: Alle drei müssen gleichzeitig verfolgt werden. Wie aber bringt man die Mehrheit der Bürger dazu, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, auf viele Wohnquadratmeter zu verzichten, regionale Produkte zu essen oder in den Schweizer Bergen statt im Himalaya wandern zu gehen? Energiesparend leben muss hip werden, lautet das Credo der 2000-Watt-Städte. Kommunikation und Aufklärung sind in entscheidendes Thema bei der 2000-Watt-Bewegung.

Den Anfang machte 2008 die Stadt Zürich: 76 Prozent der Zürcher Stimmbevölkerung sprachen sich damals für die Sparziele beim Energieverbrauch aus: Das Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft wurde in der Gemeindeordnung festgeschrieben. Die Roadmap gliedert die Maßnahmen in fünf Richtungen: Konsum, Siedlung, Gebäude, Energieversorgung und Mobilität. Über hundert Gemeinden in der gesamten Schweiz haben sich der Idee der 2000-Watt-Gesellschaft bereits angeschlossen.

Aus Umweltbewusstsein wird Umwelthandeln

Auch deutsche Städte rund um den Bodensee – Singen, Überlingen, Friedrichshafen, Radolfzell und Konstanz, folgten bald der Idee. Im Projekt „Wir im Quartier“ hat eine Gruppe von Konstanzer Bürgern für einige Monate den Alltagstest gemacht – im Sinne von 2000-Watt-Leben. Gemeinsam lässt sich der innere Schweinhund besser überwinden, ein wichtiges Fazit. Aus Umweltbewusstsein wird Umwelthandeln – ohne dass man gleich das ganze Leben komplett auf den Kopf stellen muss.

Es gibt keine Doktrin, gegenseitige Ermutigung zählt – um gemeinsam in der direkten Nachbarschaft Ansatzpunkte für einen alltäglichen energiebewussten Lebensstil zu finden und den auszuprobieren. In gemeinsamen Informationskampagnen demonstrieren die Städte energiesparende Alternativen und transportieren damit die Überzeugung, dass „ein bisschen weniger von allem deutlich mehr Lebensqualität für alle bedeuten kann“ und, entgegen allen Unkenrufen, auch kleine Dinge große Wirkung zeigen können.

Bilanz nach zehn Jahren

Wie sieht es aber denn nun zehn Jahre später beim Vorreiter Zürich aus? Ein Zürcher Bürger liegt laut Angaben der Stadt nun bei knapp unter 3.900 Watt. Im Vergleich steht die restliche Schweiz bei ca. 4.900 Watt. Enttäuschung stellte sich allerdings bei der Reduktion von CO2-Emissionen ein – hier habe man das angestrebte Ziel bei weitem noch nicht erreicht, berichtet die Initiative. Der Weg bleibt das Ziel.

Die ersten zertifizierten 2000-Watt-Areale sind entstanden, die sich durch energieeffiziente Gebäude und Mobilitätsangebote vor der Tür auszeichnen. Innovative Konzepte zum Heizen und Kühlen im Quartier helfen, den Energieverbrauch pro Person drastisch zu reduzieren. Es haben sich Genossenschaften gegründet, die neue Ideen für das urbane Leben, bei Gewerbe- und Wohnkonzepten, im Außenraum oder bei der Selbstorganisation entwickeln und vorleben. Der städtische Stromversorger bietet seinen Privatkunden nur noch Ökostrom an und fördert die lokale Solarenergieproduktion. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs mit Lösungen für eine sinnvolle Kombination von Fuß-, Fahrrad-, Tram-, Bus-, Bahn- und Autoverkehr wird vorangetrieben. 60 Prozent aller zurückgelegten Kilometer bewältigen Zürcher heute per pedes, auf dem Rad oder mit öffentlichem Verkehr.

Ein gut ausgebauter öffentlicher Verkehr hat in den beteiligten Städten zu einer Halbierung des Primärenergieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen im Bereich Mobilität geführt. Eine große Herausforderung sieht man auch bei der Kreislaufwirtschaft, ein Appell an die Wirtschaft: Langlebige Produkte zu schaffen, die repariert, bei Bedarf getauscht und am Ende im Sinne von Urban Mining recycelt werden können.

Die Politik muss mitmachen

Ohne große Wohlstandseinbußen ist das Ziel nicht zu erreichen, monieren die Kritiker der Initiative. Ist es bald verboten, Kaffee und Bananen zu importieren, wegen der schlechten CO2-Bilanz? Wo setzt wer die Grenzen? Zudem wäre die Verteilung ungerecht: Manche müssen pendeln, können sich kein Elektroauto oder eine energetische Gebäudesanierung leisten. Wenn aber Fahrradfahren plötzlich hip wird, SUVs verpönt sind, vegetarisch essen zum Normalfall wird und wenn die Energieversorgung des Gebäudes mit Solarenergie auf dem Dach mehr Prestige bringt als die Kloschüssel von Philippe Starck im Bad, dann ist auch der Weg zu einem Wertewandel in der Gesellschaft frei. Das richtige Maß finden, aber ohne Verbote.

Die Kommunen können viel, doch Unterstützung und wegweisende Vorgaben müssen auch seitens vom Bund und den Kantonen kommen, sagen die Macher – bspw. eine CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe. Städte, die den Weg der 2000-Watt-Gesellschaft gehen, können den Energieverbrauch nicht von heute auf morgen drastisch reduzieren und schon gar nicht den weltweiten Klimawandel im Alleingang stoppen. CO2-Emissionen und Energieverbrauch jedoch schrittweise zu senken und das salonfähig zu machen, wäre bereits ein großer Schritt auf dem Weg dorthin. Nicole Allé