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Akademik LomonossowRusslands schwimmendes Atom-Risiko in der Arktis

Das schwimmende Atomkraftwerk Akademik Lomonossow im Hafen von Murmansk.
Das schwimmende Atomkraftwerk Akademik Lomonossow im Hafen von Murmansk. (Foto: © Rosenergoatom)

33 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl startet Russland das nächste Atomexperiment mit ungewissem Ausgang: Das schwimmende AKW Akademik Lomonossow ist einsatzbereit. Es soll Energie für die Öl- und Gas-Förderung in der Arktis liefern.

29.04.2019 – Die Reaktoren sind hochgefahren, die Probefahrten in die Arktis absolviert. Die Akademik Lomonossow, das erste schwimmende Atomkraftwerk der Welt, ist nach zehnmonatigen Tests einsatzbereit, teilte das staatliche Atomunternehmen Rosenergoatom in der vergangenen Woche mit. Derzeit liegt das Schiff, das selbst nicht fahren kann, noch im Hafen von Murmansk.

Der Hafen ist die Heimatbasis der russischen Atomeisbrecher. Wie diese besitzt die Akademik Lomonossow zwei Atomreaktoren des russischen Typs KLT-40 mit insgesamt 70 Megawatt elektrische Leistung. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches deutsches AKW kommt auf eine Leistung von 1.400 Megawatt.

Reise durchs Nordpolarmeer

Experten rechnen damit, dass die Akademik Lomonossow im August oder September ihre Reise durch die Arktis zu ihrem Bestimmungsort antreten wird. Vom äußersten Nordwesten Russlands wird das schwimmende Atomkraftwerk dann mitten durch den arktischen Ozean in den äußersten Nordosten geschleppt. 5.000 Kilometer durch die Arktis.

In der gut 4.000 Einwohner zählenden Stadt Pewek an der Tschaunbucht in der Ostsibirischen See soll erst einmal festgemacht werden. Die Akademik Lomonossow ersetzt dort kurz vor Alaska das derzeit nördlichste Atomkraftwerk der Welt und das einzige, das auf Permafrostböden steht. Das AKW Bilibino mit drei Reaktoren und insgesamt 36 Megawatt Leistung wurde in den 1970er Jahren gebaut und soll Ende 2021 abgeschaltet werden.

Hohe Kosten für wenig Leistung

480 Millionen US-Dollar hat das schwimmende AKW gekostet, schätzt die gut informierte und in Russland aktive norwegische Umweltorganisation Bellona. Für gerade einmal 70 Megawatt elektrische Leistung. Die Bezeichnung unwirtschaftlich ist wohl noch schmeichelhaft gewählt.

Neue Atomreaktoren, z.B. in Finnland, kosten pro Megawatt nur ein Drittel bis die Hälfte. Und bereits solche Reaktoren sind auf dem Strommarkt nicht wettbewerbsfähig und werden von Regierungen stark subventioniert.

Energie für Öl- und Gasbohrungen

Russland will aber nicht nur den Energiebedarf der kleinen Stadt Pewek decken. Es geht auch um Öl- und Gas, die wichtigsten Stützen der russischen Wirtschaft. Die staatlichen Energiekonzerne planen eine Ausweitung ihrer Förderung in der Arktis, Akademik Lomonossow kann dafür ein Baustein sein. Bewährt sich die Technik, sollen weitere schwimmende Reaktoren folgen. Zunächst soll das schwimmende AKW nur einige Förderplattformen im offenen Meer versorgen, teilte die russische Nachrichtenagentur RIA mit.

Außerdem versucht der russische Staat sein Konzept in alle Welt zu verkaufen, die Atomwirtschaft hofft auf einen Zukunftsmarkt. Bisher allerdings erfolglos, trotz zahlreicher öffentlichkeitswirksamer Versuche und mehr Transparenz ist das schwimmende AKW ein Ladenhüter. Im Oktober vergangenen Jahres luden Rosenergoatom und die staatliche Atombehörde Rosatom sogar einen der schärfsten Kritiker zur Inspektion der Akademik Lomonossow ein: Die Umweltorganisation Bellona.

Kaum Infrastruktur im Falle eines Unfalls

Diese ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken und betont weiterhin die enormen Gefahren schwimmender Atomreaktoren. Die Akademik Lomonossow ist der rauen arktischen See ausgesetzt mit all ihren Gefahren von riesigen Wellen, Stürmen und Tsunamis. Von ihren Befestigungen losgerissen, würde das schwimmende AKW unkontrolliert umhertreiben, denn selbst manövrieren kann das Schiff nicht.

Sollte es zu einem Unfall kommen, gibt es in der Arktis keine Infrastruktur, die man zur Prävention oder Rettung im Falle einer nuklearen Katastrophe nutzen könnte, warnen Experten. Bellona hat zudem ein weiteres, gravierendes Problem ausgemacht: Das verbaute Notfallsystem zur Kühlung der Reaktoren reiche nur für 24 Stunden aus. Ob in dieser kurzen Zeit rettende Hilfe eingetroffen ist, darf bezweifelt werden. Selbst der routinemäßige Austausch von Brennelementen sei kompliziert. cw