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Klimaziele in der LandwirtschaftWeniger Fleisch für gutes Klima

Wiener Schnitzel auf Teller
Schmeckt gut, ist aber klimaschädlich. (Foto: cyclonebill / Flickr / CC BY-SA 2.0)

Die Klima-Allianz Deutschland hat durchrechnen lassen, wie das Klimaziel 2030 im Bereich Landwirtschaft zu erreichen wäre. 70 Prozent der Agraremissionen verursacht die Tierhaltung. Weniger Fleisch- und Milchproduktion würde Boden und Klima helfen.

13.04.2018 – Im Landwirtschaftsministerium tut sich wenig. Die geplanten Maßnahmen von Agrarministerin Julia Klöckner zur Erreichung der Klimaziele im Bereich Landwirtschaft sind unkonkret und unzureichend, kritisiert die Klima-Allianz Deutschland und beruft sich dabei auf eine aktuelle Studie des Öko-Instituts zur Bewertung von Maßnahmenvorschlägen der deutschen Zivilgesellschaft – die zeigt, wie Deutschland das Klimaschutzziel 2030 im Bereich Landwirtschaft erreichen könnte.

Die größten Emissionen – vor allem Distickstoffmonoxid (Lachgas) und Methan – stammen laut Studie aus der Düngung landwirtschaftlicher Böden sowie aus der Verdauung der Wiederkäuer und der Wirtschaftsdüngerlagerung. „Die Emissionen aus der Tierhaltung machen einschließlich der Futterproduktion rund 70 Prozent aller Agraremissionen aus“, berichtet Gerald Wehde, Geschäftsleiter Agrarpolitik bei Bioland. „Nur mit einer Abstockung der Tierbestände können die Klimaziele in der Landwirtschaft erreicht werden“, kommentiert Wehde das zentrale Ergebnis der Studie. Agrarministerin Klöckner schließe diese Option jedoch kategorisch aus. „Eine Reduktion des Konsums von Milch- und Fleischprodukten um ein Viertel brächte aber eine jährliche Einsparung von 7,8 Mio. Tonnen CO2“, erläutert Felix Domke, Leiter Politik von ProVeg Deutschland.

Der Einfluss der Konsumenten

Zwar ist laut Umfragen die Mehrheit der Deutschen gegen Massentierhaltung und Ferkelkastration oder Kükenschreddern – doch Marktdaten sagen etwas anderes: Der Fleisch-, Milch- und Eierkonsum in Deutschland ist gleichbleibend hoch und Fleisch wird vornehmlich an der Billigtheke gekauft. Was hierzulande nicht vertilgt wird kommt ins Ausland. „Steigende Exporte waren in den vergangenen Jahren der wichtigste Grund für wachsende Tierbestände und Emissionen“, sagt Tobias Reichert, Teamleiter Welternährung bei Germanwatch. „Daher muss ein deutlich verringerter Verbrauch von Fleisch und Milch mit reduzierten Exportmengen und weniger weggeworfenen Milch- und Fleischprodukten einhergehen.”

Weniger Fleischkonsum würde nicht nur dem Klima nützen, sondern auch der GesundheitDer Fleischkonsum in Deutschland liegt deutlich über den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und auch der Milchkonsum könnte sich laut DGE-Empfehlung aus ernährungsphysiologischer Perspektive noch reduzieren. Die DGE empfiehlt einen wöchentlichen Fleischkonsum von 300 bis 600 g pro Woche, das entspricht einem jährlichen Fleischkonsum von 15,9 bis 31,2 kg pro Person – knapp das Doppelte vertilgen die Deutschen im Durchschnitt, macht 60 kg Fleisch pro Kopf. Eine Halbierung des Fleischkonsums wäre daher ein tiefer Einschnitt in die Ernährungsgewohnheiten und daher unwahrscheinlich, so die Studie. Die landwirtschaftliche Produktionsmenge müsste demnach heruntergefahren werden, einmal um den heimischen Konsum zu reduzieren, aber auch die Exporte. Und schließlich müsste das Fleisch besser verwertet werden – statt nur die Filets zu verputzen, sollten wie früher alle genießbaren Teile eines Nutztieres verzehrt werden. Vielen Fleischkonsumenten würde dann der Appetit wahrscheinlich automatisch vergehen.

Pseudomaßnahmen des Landwirtschaftsministeriums

Doch statt auf eine Reduktion der Tierbestände setzt Klöckner auf zwei zentrale Instrumente, deren Wirkung sie laut Klima-Allianz zudem noch überschätze: die Düngeverordnung von 2017 sowie die Vergärung von Wirtschaftsdünger in Biogasanlagen. „Das Ministerium erwartet eine Einsparung von bis zu 3,5 Mio. Tonnen CO2 bis 2030 über die Senkung des Stickstoffüberschusses. Mit der bestehenden Düngeverordnung ist allerdings nur eine Einsparung von zwei Millionen Tonnen CO2 zu erwarten,” erläutert Wehde.

Durch die Vergärung von Wirtschaftsdünger in Biogasanlagen will das Ministerium zusätzlich bis zu 4 Mio. Tonnen CO2 einsparen. Das würde bedeuten, dass 70 Prozent des gesamten Aufkommens an Gülle und Mist in Biogasanlagen landen. Aktuell sind es 17 Prozent. „Die Annahmen Klöckners sind daher vollkommen überzogen, würden Millionen an Fördermitteln verschlingen und die Massentierhaltung manifestieren. Gülle über hunderte Kilometer zu den bestehenden Biogasanlagen zu transportieren kann nicht Sinn der Übung sein,” so Wehde.

Heimische Hülsenfrüchte zum Verzehr statt Soja-Tierfutter-Import

„Statt Schönrechnerei brauchen wir realistische Maßnahmen zur Absenkung der Stickstoffüberschüsse von heute 98 auf 50 kg Stickstoff pro Hektar“, fordern die Organisationen. Wichtigster Hebel wäre auch hier die deutliche Reduktion der Tierbestände, insbesondere in den viehstarken Gebieten, sagt Reichert. Diese Maßnahmen sollten durch mehr Ökolandbau, Leguminosen-Anbau auf mindestens 15 Prozent der gesamten Ackerflächen und die Einführung einer Stickstoffabgabe flankiert werden. Leguminosen (Hülsenfrüchtler wie etwa Erbsen, Bohnen oder Lupinen) binden Luftstickstoff und können somit zu einem gewissen Teil Mineraldünger ersetzen. Damit könnten langfristig die Lachgasemissionen aus den landwirtschaftlichen Böden gemindert sowie Stickstoffüberschüsse verringert werden. Zudem könnten bei steigendem Leguminose-Anbau Nährstoffkreisläufe besser geschlossen werden, da bei einer heimischen Eiweißversorgung weniger Nährstoffimporte aus den Tierfutterimporten anfallen. na