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Japan„Energiewende“ mit Atom- und Kohlestrom

Das japanischen Kernkraftwerk Mihama
Block 3 des japanischen Kernkraftwerks Mihama soll noch in diesem Jahr wieder hochgefahren werden. (Foto: Alpsdake / commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Industrieland und Technologie-Pionier: Japan hätte beste Voraussetzungen für eine zügige Energiewende. Bis 2030 gehen 114 Kohlemeiler vom Netz, man will emissionsfrei werden. Doch die Sache hat einen Haken.

04.08.2020 – Es klingt nach echtem Fortschritt: Bis zum Jahr 2030 will die japanische Regierung 114 seiner 140 Kohlekraftwerke schließen. Es sei ein großer Schritt hin zu einer emissionsfreien Gesellschaft, betont Umweltminister Shinjiro Koizumi. Anschließend sollen weitere Punkte des nationalen Energieplans umgesetzt werden. Dafür strukturiert Japan seine Energieversorgung bis 2050 komplett um – und setzt trotzdem auf veraltete Technologien. Alte Atomkraftwerke werden wieder hochgefahren, neue Kohlemeiler gebaut – jedoch kaum Erneuerbare-Energien-Anlagen.

Dabei hat Japan im Jahr 2016 das Pariser Klimaabkommen ratifiziert und sich damit zur Einhaltung verbindlicher Klimaziele verpflichtet. Allen Versprechen zum Trotz plant die Regierung den Bau von 22 neuen Kohlekraftwerken mit einer Leistung von mehr als zehn Gigawatt. Trotz der Stilllegung von 114 alten Meilern würde der Kohlestrom-Anteil damit bis 2030 nur geringfügig sinken – und immer noch mehr als ein Viertel der gesamten Erzeugung ausmachen.

So entsteht an der Küste von Yokosuka, rund 100 Kilometer südlich von Tokio, ein gigantisches Kohlekraftwerkt, das mit seiner enormen Stromproduktion das eine oder andere Atomkraftwerk alt aussehen lässt. Zusammen mit Chubu Electric Power baut der Stromkonzern Tokyo Electric Power (Tepco) zwei Kraftwerksblöcke, die zusammen ab 2024 stolze 1,3 Gigawatt pro Jahr ins Netz einspeisen sollen.

Wiedereinstieg in die Kernenergie

Zusätzlich sieht der japanische Energieplan einen deutlichen Ausbau der Kernenergie vor – das Reaktorunglück von Fukushima scheint längst vergessen. Vor zwei Jahren waren noch vier AKWs am Netz, bis 2050 wird sich das wohl wieder ändern: Dann soll der Anteil an der Stromerzeugung von heute sechs Prozent auf 22 Prozent angehoben werden. Dafür will die japanische Regierung viele der 54 alten Atommeiler wieder hochfahren, die 2011 zur Sicherheitsüberprüfung schrittweise abgeschaltet wurden.

Was dagegen sehr überschaubar bleibt ist der Ausbau Erneuerbarer Energien. In den nächsten Jahren soll der Anteil von Wasserkraft, Photovoltaik und Windenergie an der japanischen Stromerzeugung zwar steigen, jedoch nur in sehr geringem Maße. Insgesamt könnten regenerative Erzeugungskapazitäten bis 2030 etwa 22 bis 24 Prozent am Strommix ausmachen. Das entspricht gegenüber dem Jahr 2018 einem Zuwachs von fünf bis sieben Prozent.

Warum Kohle?

Wieso will die japanische Regierung ausgerechnet an der Kohleenergie festhalten? Dafür gibt es tatsächlich mehrere Erklärungen: Einerseits ist die Atomkraft in der Bevölkerung verständlicherweise nicht gerade sehr beliebt und der Widerstand gegen einen Wiedereinstieg dementsprechend groß. Dieser äußert sich zwar nicht wie hierzulande durch Proteste, dafür aber durch zahlreiche Klagen gegen die AKW-Betreiber. Damit könnte der Kohlestromanteil 2030 doch noch höher ausfallen als derzeit geplant.

Andererseits betonen japanische Politiker immer wieder, dass es dem Land schlichtweg an Energieressourcen mangelt. Man sei komplett von Wasser umgeben und habe praktisch keine andere Wahl, als auf fossile Energieträger zu setzen.

Eine weitere Erklärung für den Bau neuer Kohlekraftwerke beruht auf einem industriepolitischen Motiv der japanischen Regierung. Schließich finanziert und unterstützt Japan seit Jahren neue Kohlekraftwerke im Ausland im großen Stil. Es ist perfektes Marketing für die Unternehmen, wenn ein Industrieland wie Japan selbst auf die sogenannten „Clean-Coal-Kraftwerke“ setzt. Diese erreichen einen Wirkungsgrad von mehr als 40 Prozent, teilweise sogar über 50 Prozent und senken dadurch die CO2-Emissionen – zumindest im Vergleich zu herkömmlichen Meilern. Schließlich stoßen auch die neusten Kohlekraftwerke mit dem höchstmöglichen Wirkungsgrad noch immer Kohlenstoffdioxid aus.

Kohledioxid einfach speichern

Um das Problem mit den CO2-Emissionen kümmert man sich in Japan ebenfalls auf seine ganz eigenen Weise. Mittels unterschiedlicher CCS-Technologien („Carbon Capture and Storage“) soll das klimaschädliche Kohlendioxid aufgefangen im Boden gespeichert werden. Auch eine Wiederverwertung – zum Beispiel in biologisch hergestellten Treibstoff oder Zement – wird derzeit erforscht. Mit Hochdruck will die Regierung damit eine Technologie vorantreiben, die hierzulande höchst umstritten ist.

Derzeit sind sämtliche CCS-Verfahren aufgrund hoher Kosten jedoch weit von einer kommerziellen Nutzung entfernt. Technisch ist die Speicherung von CO2-damit möglich, jedoch ökonomisch schlichtweg nicht sinnvoll. Daher bräuchte es hohe Subventionen der japanischen Regierung. Spätestens an dieser Stelle, muss sich die Regierung in Japan fragen, ob sie weiter auf Kohleverstromung setzen will, nur um das Kohlendioxid für viel Geld wieder herauszufiltern.

Umweltexperten erwarten in den nächsten Jahren eine Kehrtwende der japanischen Regierung bei der Energiepolitik. Tatsächlich ist es ökologisch und ökonomisch nicht mehr sinnvoll, weiter auf eine veraltete Technologie wie die Verstromung von Braun- und Steinkohle zu setzen. Auch sollte spätestens nach dem Reaktorunglück in Fukushima deutlich geworden sein, welche Risiken mit der Kernenergie einhergehen. Irgendwann muss sie also kommen, Japans echte Energiewende. jk


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