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Film und FernsehenFilmbranche muss grüner werden

Filmset mit Wohnzimmerausstattung und Scheinwerfern
Bei der Produktion eines Filmes werden mehr Emissionen verursacht als man denkt.   (Foto: Jan60 auf Wikimedia / CC BY-SA 4.0)

Bei der Produktion eines Filmes werden viele Ressourcen wenig nachhaltig verbraucht. In Eigeninitiative hat die Filmbranche ein freiwilliges grünes Label entwickelt und setzt damit einen Akzent. Doch es gibt noch viel Luft nach oben.

14.02.2022 – Wenn in diesen Tagen die Berlinale ein Schlaglicht auf das internationale Filmschaffen wirft, steht auch eine Branche im Fokus, die mehr Emissionen zu verantworten hat als manch einer annimmt. Bei der Herstellung eines Filmes geht es klimatechnisch hoch her: Dieselgeneratoren laufen über Tage und erzeugen Strom für Catering, Garderobe, Makeup- und Aufenthaltswagen. Der Strom wird auch für leistungsstarke Scheinwerfer gebraucht, um die jeweilige Szene gut auszuleuchten.

Zudem wird viel gereist in der Branche. Ganze Karawanen setzen sich in Bewegung, um an einen Drehort zu gelangen. Das Filmteam, aber auch Material für Ausstattung und Technik fahren quer durchs Land – oder reisen sogar per Flugzeug in andere Länder. Bei Spielfilmen kommt hinzu, dass ganze Sets binnen weniger Tage aus zusammengetackerten Spanholzplatten gebaut werden – die nach Drehende meist zusammen mit anderen Ausstattungsgegenständen in großen Müllcontainern landen.

Für eine große Hollywood-Produktion ist eine CO2-Menge von über 1.000 Tonnen die Regel, aber auch 3.000 bis 4.000 Tonnen sind möglich.  Ein europäischer Kinofilm mit 600 bis 1.000 Tonnen und ein deutscher Fernsehfilm mit mehr als 100 Tonnen sind schon bescheidener – könnten aber mit etwas mehr Anstrengungen weit darunter liegen.

Emissionsrechner für Filme sehr verschieden

Birgit Heidsiek, die bereits seit zehn Jahren die Fachzeitschrift Green Film Shooting herausgibt und in diversen Gremien der Filmbranche zum Thema Nachhaltigkeit mitarbeitet, verortet in der CO2-Berechnung bereits die erste kritische Lücke: „Es gibt diverse unterschiedliche CO2-Rechner und leider noch kein standardisiertes Werkzeug.“ Manch ein Rechner lässt gar das Catering unberücksichtigt. Deshalb seien die Angaben der verschiedenen Produktionen kaum vergleichbar.

Heidsiek nennt drei große Baustellen, wo beim Filmdreh mehr für weniger Emissionen getan werden könnte: Die Mobilität, die Energie und den Abfall. Sie bedauert, dass es immer noch keine Standards gibt, nach denen ein Film als „grün“ klassifiziert werden kann.

Nationale Filmförderung bekommt Nachhaltigkeitskriterien

Immerhin beschloss im Mai letzten Jahres der Bundestag eine Novelle des Filmfördergesetzes, die seit 2022 gilt – neben anderen Neuerungen sind Fördermittel nun an nachhaltige Standards geknüpft. Die Produktionen müssen im Förderfall ihre CO2-Emissionen nachweisen und wirksame Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit ergreifen. Genaue Vorgaben gibt es bis dato nicht – die Filmförderanstalt (FFA) arbeitet an einer Richtlinie. Die Kriterien dafür werden in einem Reallabor getestet, das seit Juli letzten Jahres läuft. Hier prüfen echte Filmproduktionen die Machbarkeit bestimmter Maßnahmen.

Mit dem Gesetz werden allerdings nur all jene Produktionen erreicht, die staatliche Fördermittel von der FFA erhalten. Für Produktionen von privaten Fernsehsendern oder Streaming-Diensten sowie Werbefilme gelten diese Standards nicht. Bisher gibt es auch keine rechtlichen Auflagen für die Öffentlich-Rechtlichen, ebenso kein übergreifendes Gremium, das Nachhaltigkeit strategisch für alle Sender steuert oder dem Beitragszahler gegenüber Rechenschaft ablegen muss. So berichtet es das Medienmagazin Zapp.

Die Filmförderungslandschaft wirkt durch ihre föderale Struktur wie ein Katalysator für mehr Reisen, mehr Drehorte, mehr Emissionen. Denn hat eine Produktion Fördermittel eines Bundeslandes ergattert, müssen diese auch im jeweiligen Bundesland ausgegeben werden. So zieht denn die Karawane für ein paar Tage in ein anderes Bundesland, um dort Autos, Catering und Beleuchtung zu mieten – häufig obwohl ein gleichwertiger Drehort ganz in der Nähe verfügbar wäre. Diese strukturelle Schwäche des Fördersystems ist den Akteuren bekannt. Sie wollen sie überwinden.

Der Dieselgenerator am Set

Birgit Heidsiek konstatiert immer noch einen Mangel an Planung, Know-how und umweltschonenden Produktionsmitteln. „Die Generatoren laufen häufig den ganzen Tag, obwohl das nicht immer notwendig ist. Ein Verbrauch von mehr als 100 Liter Diesel pro Tag ist keine Ausnahme“, erzählt sie. Es gebe zwar bereits Hybridgeneratoren, die Strom in einer Batterie speichern und nur zum Nachladen Diesel verbrennen, jedoch gab es bislang nur Prototypen dieser Generatoren, jetzt kommen sie zunehmend auf den Markt. Die beste Lösung sei, den Strom aus dem örtlichen Netz zu beziehen   – wo immer das möglich ist.

LED für den Filmdreh

Beim Thema Energie am Filmset stehen auch die Scheinwerfer im Rampenlicht. Die diversen Szenen so auszuleuchten, dass eine bestimmte Tageszeit und Lichtstimmung erzeugt wird, ist ein essenzielles Gestaltungsmittel. Dafür werden leistungsstarke Leuchten genutzt. Sie durch LED zu ersetzen ist in vielen Fällen möglich, für manche Szenen aber nicht ideal, wie Beleuchter Thomas von Klier erzählt: „Mit den jetzigen LEDs ist es schwierig bis unmöglich, bestimmte Schattenwürfe zu erreichen. Und Schatten sind ja im Film ein wichtiges Stilmittel. Die LEDs sind als Lichtquelle schlichtweg zu groß, um scharfe Schatten zu erzeugen.“ Wenn im Film eine Sonne erzählt werden soll, kommt das Licht dafür fast immer von sehr leistungsstarken Lampen im Bereich von ca. 4.000 – 24.000 Watt, die von einem Dieselaggregat oder aus dem Festnetz gespeist werden.

„HMI-Tageslichtscheinwerfer haben im Gegensatz zu Halogen-Glühlicht einen besseren Wirkungsgrad, da nicht so viel Energie als Abwärme verloren geht“, erzählt von Klier weiter. Doch bei der Wahl der Mittel werde in der Regel viel zu wenig auf den Energieverbrauch geachtet.

Von Klier sagt aber auch: „Wenn jetzt ein Gesetz rauskäme, dass beim Film nur LED verwendet werden müssten, wäre der Aufschrei groß. Aber jeder würde es verstehen und gutheißen und es würde die Entwicklung der Technik puschen.“ Einige herausragende Produkte gäbe es bereits – allerdings seien diese teuer und nur in kleinen Serien hergestellt.

Filmausstattung endet zu oft im Müll

Heidsiek von Green Film Shooting betont das Potenzial, das im Umgang mit Ausstattung und Abfall liegt. Nicht nur Essensverpackungen, Becher und Catering-Zubehör würden weggeworfen, sondern auch riesige Mengen Ausstattungsutensilien. „Ein Filmapartment muss eingerichtet werden. Das erfordert: Möbel, Gardinen, Teppiche, Dekoartikel. Es wird viel gekauft und nach dem Dreh entsorgt. In einen Fundus zu fahren und sich Dinge auszuleihen, ist mit Zeitaufwand verbunden und mitunter teurer als ein Einkauf in der örtlichen Modekette oder im Baumarkt. Zumal geliehene Requisiten in den Fundus zurückgebracht werden müssen.“

Trotz der breiten Aufklärung zum Thema gebe es in den Filmcrews immer noch zu wenig Bewusstheit für das Thema. Filmprofis seien stolz darauf, wenn an ihrem Set der Müll getrennt wird. Sie halten das für umweltbewusstes Produzieren. „Dass es eine Gewerbeabfallverordnung gibt, die auch für Filmproduktionen gilt und die Mülltrennung verpflichtend macht, wissen sie nicht. Dass ein Produktionsstudent davon in seiner Ausbildung erfährt, ist ebenfalls nicht garantiert.“

Freiwilliges Label Green Motion

Die Filmbranche hat sich selbst auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit gemacht. Inzwischen gibt es nicht nur Ausbildungsangebote zum Green Consultant – Menschen, die Filmproduktionen explizit zum Thema Nachhaltigkeit beraten – sondern auch ein Nachhaltigkeitslabel mit dem Titel „green motion“. Die Selbstverpflichtung zum ressourcenschonenden Umgang erfolgt freiwillig. Die formulierten Ziele sind: Umstellung auf LED-Scheinwerfer, mehr Bahnfahrten, umweltfreundlichere Fahrzeuge, vegetarisches Essen; Verzicht auf Dieselgeneratoren, Kurzstreckenflüge, Einweggeschirr; und die Erstellung eines CO2-Fußabdrucks sowie die Beratung durch einen Green Consultant.

Heidsiek begrüßt die Initiative, sieht aber noch Verbesserungsbedarf. Allerdings betont sie auch, dass die Menschen in der Branche lernen müssen. Gewohnheiten ändern, ist schwierig. Und die Strukturen müssten auch vorhanden sein.

Bereits in der Konzeptphase an Nachhaltigkeit denken

Davon berichtet auch Johannes Kaczmarczyk. Er ist Geschäftsführer der unabhängigen Filmagentur und Filmproduktion Pineroot aus Berlin. Er hat sein Unternehmen explizit als nachhaltige Filmagentur positioniert und produziert Werbe- und Imagefilme sowie Branded- und Social Media Content für Unternehmen, die selbst Wert auf den ökologischen Umgang mit Ressourcen legen. Er und sein Team denken bereits in der Konzeptphase an Nachhaltigkeit: „Wir schauen immer, was sich auch vor Ort umsetzen lässt, um Reisen zu vermeiden. Wenn beispielsweise im Film eine sommerliche Szene dargestellt werden soll, es jedoch gerade Winter ist, schlagen wir nicht automatisch eine Reise nach Teneriffa vor, sondern finden eine andere Lösung, die CO₂-Emissionen spart.“ Für einen Dreh am jeweiligen Drehort Elektroautos oder Lastenräder zu mieten, sei allerdings nicht immer möglich.

Die autofreie Anreise ist für das Team von Pineroot selbstverständlich. Kaczmarczyk selbst reiste schon mehrfach per Zug und Sackkarre mit Licht- und Kameratechnik zu Dreharbeiten, von Berlin nach Frankfurt am Main und sogar bis nach Norditalien. Er zog dabei viel Aufmerksamkeit auf sich – und Hilfsbereitschaft.

Auf die Frage, wo wichtige Stellschrauben für weniger Emissionen beim Filmemachen zu finden sind, antwortet er: „Ich denke tatsächlich, es fängt im Kleinen an, man muss auf allen Ebenen beginnen. Wir müssen anfangen und uns immer weiter verbessern. Gewohnheiten zu ändern, braucht Zeit.“ Für sein Unternehmen ermittelt er bereits konsequent alle nicht vermeidbaren Emissionen und kompensiert sie.

Dogma war schon weiter

Die Dogma-Regeln – 1995 aus künstlerischen Erwägungen aufgestellt – kamen unbeabsichtigt dem Nachhaltigkeitsgedanken sehr nahe: Gedreht werden sollte ausschließlich an Originalschauplätzen, herbeigeschaffte Requisiten, künstliche Beleuchtung und Spezialeffekte wurden nicht akzeptiert. Mit diesen reduzierten Stilmitteln wollte eine Gruppe von Regisseuren der zunehmenden Wirklichkeitsentfremdung im Kino entgegenwirken. Inzwischen ist Dogma Geschichte. Vielleicht haucht die Branche dem Konzept neues Leben ein, diesmal mit dem Credo für mehr grüne Wirklichkeit. Die Möglichkeiten, Emissionen beim Filmemachen zu vermeiden, sind genauso bunt und vielfältig wie die Filmprojekte. Petra Franke


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