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Green Growth oder Degrowth

Konsensvorschlag zu nachhaltigem Wachstum vorgelegt

Innenraum der selbsterbauten Blockhütte im Wald des amerikanischen Philosophen Henri David Thoreau.
Der amerikanische Philosoph Henri David Thoreau lebte zwei Jahre lang autark in seiner selbstgebauten Blockhütte bei Concord am Walden-See. Sein Experiment machte damals deutlich, dass sechs Wochen Lohnarbeit im Jahr ausreichend sein können, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Die verbleibende Zeit nutzte er zum Nachdenken, Schreiben und um die Natur zu erkunden. (Foto: Namlhots - [1] Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0)

In einem neuen Gutachten machen Wirtschaftsforscher deutlich, dass weder Green Growth noch Degrowth als alleinige Strategie für umweltpolitisches Handeln ausreichen. Sie skizzieren einen weiteren Weg mit einem „vorsorgeorientierten Postwachstum“.

08.11.2018 – Das Konzept von Grünem Wachstum oder Green Growth und sein Gegenteil, das Konzept Degrowth, sorgen in Wissenschaft und Gesellschaft für heftige Debatten – breit akzeptierte Antworten dazu gibt es bislang nicht. Wie aber entkommen wir der Zerstörung unserer eigenen Umwelt und Natur, dem Klimawandel und seinen Folgen, welche Stellschrauben sind notwendig – und können wir immer weiterwachsen?

Green Growth-Befürworter sehen in stetigem Wirtschaftswachstum eine Bedingung für den Erhalt gesellschaftlichen Wohlstands mit gleichzeitiger Minderung von Umweltbelastungen; die Gegner dagegen sehen stetiges Wachstum als ein grundsätzliches Problem, das weitere Umweltbelastungen bewirkt und beschleunigt. Fakt ist: Unser zukünftiges Wohlergehen hängt davon ab, ob es gelingen wird, die ökologischen Grenzen des Planeten einzuhalten. Immer mehr Konsum, immer mehr Ressourcen- und Energieverbrauch, auch wenn er „grün“ ist, immer mehr Menschen und gleichzeitig immer weniger Artenvielfalt. Die Alternative wäre ein Ende des Wachstums oder gar ein Schrumpfen. Was würde das für wohlhabende Volkswirtschaften wie Deutschland bedeuten, und wer setzt die Regeln zu einem solchen System?

Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen Das Projektteam empfiehlt, durch ökonomische Instrumente dafür zu sorgen, dass „Preise die ökologische Wahrheit sagen“. Die Umweltpolitik war bislang nicht in der Lage, den Ressourcenverbrauch vom wirtschaftlichen Wachstum ausreichend zu entkoppeln. Im Zuge einer stärkeren Digitalisierung der Wirtschaft als auch Effizienzsteigerungen entstand die Hoffnung, den Umweltverbrauch radikal zu reduzieren – doch die Ergebnisse sind ernüchternd. Es brauche nun eine Politik der Suffizienz, sagen die Experten, die einen ressourcenarmen und gleichzeitig beziehungsreichen Lebensstil einfacher macht.

Ökologische Grenzen einhalten

Wissenschaftler des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und des Wuppertal Instituts für Umwelt, Klima, Energie haben nun untersucht, wie sich ausbleibendes Wirtschaftswachstum auf die Stabilität wichtiger gesellschaftlicher Systeme wie etwa der Renten- und Krankenversicherung, Sozialversicherungen und der Arbeitswelt, die bislang stark wachstumsabhängig sind, auswirken würde. In der Publikation vom Umweltbundesamt schlagen die Wirtschaftsforscher eine Art Kompromiss vor, eine „vorsorgeorientierte Postwachstumsposition“: Die sei zunächst einmal ergebnisoffen, weder explizit für, noch gegen Wachstum.

Ende des politischen Stillstands notwendig

Es geht den Forschern auch darum, einen neuen Konsens in der Nachhaltigkeitsdebatte zu bilden – dafür sehen sie das Potenzial in ihrem Gutachten. „Die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Deutschen Bundestages endete im Jahr 2013, ohne dass sie hinreichende politische Impulse auslösen konnte“, sagt Projektleiter Ulrich Petschow vom IÖW. „Daher haben wir vor allem analysiert, welche politischen Handlungsoptionen es gibt, damit wertvolle Zeit nicht weiter ungenutzt verstreicht. Denn für unseren Planeten ist nichts schädlicher als Stillstand aufgrund politischer Meinungsverschiedenheiten.“ Das Projektteam rät der Politik zu einem vorsorgeorientierten Vorgehen: Wachstumsabhängigkeit müsse möglichst gemindert und so der Wachstumsvorbehalt abgeschwächt werden, der ambitionierte umweltpolitische Vorschläge bisher oft ausbremse. Damit würde auch die politische Handlungsfähigkeit wieder in die Gänge kommen.

Vorsorgen statt nachbessern

Das Gutachten stellt Forderungen an die Politik:

  • Die ökonomischen Rahmenbedingungen müssten wirksamer gestaltet werden, indem umweltschädliche Effekte von Produktion und Konsum insbesondere durch marktbasierte Instrumente verinnerlicht werden.
  • Es sollten „Pfade der gesellschaftlichen Entwicklung ausgelotet“ und dabei „Experimentierräume“ für nachhaltige Lebensstile gefördert werden, wozu bspw. gemeinwohlorientierte Initiativen zählen, die ein Teilen von Gegenständen ermöglichen. Damit könnte ein gesellschaftlicher Wertewandel in Gang gesetzt werden.
  • Potenziale für eine wachstumsunabhängigere Gestaltung gesellschaftlicher Institutionen sollten frühzeitig identifiziert und nutzbar gemacht werden. Im Blick haben die Forscher vor allem die Arbeitswelt und Sozialversicherungssysteme, ebenso wie Kranken- und Rentenversicherungssysteme. Dafür haben sie im Gutachten entsprechende Vorschläge formuliert.

Wachstumsdebatte in die Breite tragen

Gesellschaftliche und gemeinschaftliche Beteiligung sowie Verantwortung sind wichtige Bausteine auf einem solchen Weg. Egal ob wir jetzt handeln und gegensteuern oder nicht: Wir werden in Zukunft weitaus weniger verbrauchen können, denn die unbegrenzte Verfügung über Nahrung, Energie, grenzenlosen Konsum und Vergnügungen für einen Teil der Menschheit wird in diesem Umfang nur noch eine kurze Zeit möglich sein. Ein bewusster Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft wird aber weitaus weniger schmerzvoll sein als ein plötzlich erzwungener – oder gar gewaltsamer. Bei der Kampagne genug – Es ist Zeit zu handeln können bspw. Interessierte mit anderen Beteiligten in Dialog treten, um sich gemeinschaftlich auf den Weg zu einem umweltgerechten Lebenswandel zu machen. Ziel der Kampagne ist es, „gemeinsam zu handeln, ohne dabei die Qualität des eigenen Lebens aus dem Blick zu verlieren.“ na


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