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Ende der SteinkohleMit teuren Trippelschritten in Richtung Kohleausstieg

Luftaufnahme eines Kohlekraftwerks
Das Steinkohlekraftwerk Moorburg von Vattenfall hat 2015 in Hamburg den Betrieb aufgenommen – und geht nun bereits am 1. Januar 2021 wieder vom Netz. (Foto: Dirtsc / commons.wikimedia.org / CC BY-SA 3.0)

Die Bundesnetzagentur hat die Ergebnisse der ersten Auktion zur Stilllegung von Steinkohlekraftwerken veröffentlicht. Die klare Überzeichnung zeigt: Der Kohleausstieg könnte viel schneller gehen, die Zahlung von Stilllegungs-Prämien ist fraglich.

02.12.2020 – Damit der im Juli 2020 beschlossene Ausstieg Deutschlands aus der Kohleverstromung in geordneten Bahnen, effizient und kostengünstig verläuft, wurden per Gesetz klare Zielkorridore für die verbleibende Kraftwerksleistung definiert. Dafür führt die Bundesnetzagentur nun in den nächsten Jahren insgesamt sieben Ausschreibungen durch, um nach und nach die Stilllegung deutscher Steinkohlekraftwerke zu erreichen.

Dabei funktionieren die Kohle-Ausschreibungen ganz anders als die seit vielen Jahren durchgeführten Ausschreibungen für Windenergie an Land: Die Betreiber können sich auf Stilllegungs-Prämien bewerben, für die sie ihre klimaschädlichen Kohlemeiler vorzeitig abschalten. Es geht also nicht um den Bau neuer Kraftwerkskapazitäten. Die Bundesnetzagentur schaut dann einerseits auf den Gebotswert und andererseits auf das Verhältnis der verlangten Zahlung zu der voraussichtlich bewirkten CO2-Reduzierung.

Erste Ausschreibungsrunde deutlich überzeichnet

Mit Spannung wurden demnach die Ergebnisse der ersten Ausschreibungsrunde nach dem sogenannten Kohleverstromungsbeendigungsgesetz (KVBG) erwartet. Die Resonanz sei sehr gut gewesen, teilt die Bundesnetzagentur mit. Angesichts der schlechten Wirtschaftlichkeit von Kohlekraftwerken im Vergleich zu Erneuerbaren-Energien-Anlagen ist das wenig überraschend. Die ausgeschriebene Menge von vier Gigawatt wurde deutlich überzeichnet, es waren also noch mehr Betreiber zum Abschalten ihrer Kohlemeiler bereit.

Einen Zuschlag erhielten am Ende elf Gebote mit einer Gebotsmenge von insgesamt 4.788 Megwatt – etliche weitere Kraftwerke hatten sich ebenfalls beworben. Immerhin lag der durchschnittliche Zuschlagswert „nur“ bei 66.259 Euro pro Megawatt – und damit deutlich unter dem Höchstpreis von 165.000 Euro pro Megawatt. Insgesamt belaufen sich damit die Kosten der ersten Trippelschritte in Richtung Kohleausstieg auf 317 Millionen Euro.

„Offensichtlich ist der Druck unter den Betreibern groß, weil ihre Kohlemeiler bereits unrentabel sind oder es bald werden“, sagt Sönke Tangermann, Vorstand des Ökoenergieanbieters Greenpeace Energy. „Der Staat vergoldet den Betreibern also die Abschaltung von Kraftwerken, die sich wirtschaftlich ohnehin nicht mehr richtig rechnen.“

Kohlekraftwerk Moorburg wird stillgelegt

Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), kann den Zuschlägen der ersten Steinkohle-Ausschreibung zur Stilllegung von Kraftwerken auch etwas Positives abgewinnen: „Es ist ein positive Nachricht für den Klimaschutz, dass auch das Kraftwerk Moorburg in Hamburg und das RWE-Kraftwerk in Hamm nun stillgelegt werden.“ Schon vor der Inbetriebnahme der zwei Kraftwerke habe der BUND auf die fehlende wirtschaftliche Perspektive hingewiesen, der zähe „Kampf gegen diese Klima-Killer“ habe sich ausgezahlt.

Allerdings wird auch deutlich, wie überholt das Kohlegesetz ist und wie zweifelhaft die hohen Entschädigungszahlungen sind. Schließlich gehen direkt in der ersten Ausschreibungsrunde zwei neuere Steinkohlekraftwerke vom Netz gehen. Die deutliche Überzeichnung der Gebotsmenge zeige, „dass der Kohleausstieg deutlich schneller erfolgen kann. Hier muss eine neue Bundesregierung nachsteuern“, so von Broock.

Schließlich laufen nun etliche Steinkohlekraftwerke weiter, obwohl die Betreiber sie am liebsten jetzt schon stillgelegt hätten. Das ist schlecht für den Klimaschutz und das Erreichen der Klimaziele. „Das Ausschreibungs-System droht den Kohleausstieg – und den damit verbunden Klimanutzen – insgesamt zu verlangsamen“, urteilt Tangermann.

Lieber auf Millionenzahlungen spekulieren statt Kraftwerke abschalten

Schließlich haben Kraftwerksbetreiber in den nächsten Jahren einen großen Anreiz, ihre Steinkohlekraftwerke – auch wenn sie unrentabel und umweltschädlich sind – nicht abzuschalten. Sie spekulieren stattdessen lieber auf Millionenzahlungen und lassen die alten Meiler solange weiterlaufen, bis sie in einer Ausschreibung der Bundesnetzagentur endlich einen Zuschlag erhalten.

Trotzdem gab die EU-Kommission in der vergangenen Woche grünes Licht für die Steinkohle-Ausschreibungen in Deutschland. Darauf hatte die Bundesnetzagentur gewartet, bevor sie die Ergebnisse der ersten Ausschreibungsrunde veröffentlichen konnte. Die Kommission begründete ihre Entscheidung damit, dass das Verfahren eine größtmögliche Minderung von Emissionen zu geringsten Kosten ermögliche.

Bei der Braunkohle hat die Bundesregierung vorher festgelegte Entschädigungen mit den Kraftwerksbetreibern ausgehandelt, RWE und LEAG sollen für den Ausstieg 4,35 Milliarden Euro erhalten. Dazu hat die EU-Kommission hingegen ein Prüfverfahren eingeleitet.

Die Anlagen, die bei der diesjährigen Ausschreibung einen Zuschlag erhalten haben, dürfen bereits ab dem 1. Januar 2021 nicht mehr in das Stromnetz einspeisen. In den kommenden Jahren wird es bis zum Jahr 2026 jeweils eine weitere Ausschreibungsrunde geben. Grund genug für den einen oder anderen Kraftwerksbetreiber, sein eigentlich schon längst unwirtschaftliches Steinkohlekraftwerk noch etwas länger laufen zu lassen. Vielleicht lohnt sich die Geduld – und er wird für das Abschalten am Ende fürstlich bezahlt. jk


Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Jens Humrich 26.03.2021, 10:04:33

Es geht nicht um eine Abschaltung der Anlagen, sonder ein Vermarktungsverbot. Dürfen die Anlagen von RWE dann immer noch für den internen Bedarf genutzt werden?

energiezukunft 26.03.2021, 10:14:10

+3 Gut

Lieber Herr Humrich,

 

Die Anlagen mussten zum 01. Januar in eine Sicherheitsbereitschaft übergehen. Bis Juni wird überprüft, ob einzelne Kraftwerke weiterhin als Reserve vorhalten müssen. Ist dies nicht der Fall, müssen sie spätestens zum 01. Juli 2021 ganz abgeschaltet werden.

 

Mit besten Grüßen

die Redaktion


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