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Foto: Andreas Endermann

Meinung 19.10.2020

Nachhaltigkeit bleibt ein Begriff mit Erklärungsbedarf

Private Anleger investieren zwar zunehmend in „Nachhaltige Anlagen“. Doch es könnten noch viel mehr sein. Mangelndes Wissen und fehlende Information hindern sie daran. Dabei können auch private Investitionen ein entscheidender Hebel zu einer ökologisch und sozial gerechten Klimawende sein.

Dr. Silvio Schmidt, Senior Sustainability Analyst bei Ökoworld


Meinung 19.10.2020

Nachhaltigkeit bleibt ein Begriff mit Erklärungsbedarf

Private Anleger investieren zwar zunehmend in „Nachhaltige Anlagen“. Doch es könnten noch viel mehr sein. Mangelndes Wissen und fehlende Information hindern sie daran. Dabei können auch private Investitionen ein entscheidender Hebel zu einer ökologisch und sozial gerechten Klimawende sein.

Foto: Andreas Endermann

Dr. Silvio Schmidt, Senior Sustainability Analyst bei Ökoworld



19.10.2020 – Nicht erst seit diesem Jahr sagen immer mehr private Anleger nicht nur, dass ihnen Nachhaltigkeit bei der Geldanlage wichtig sei. Sie tun es auch, zumindest in Teilen. Laut dem Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG) stiegen die nachhaltig ausgerichteten Privatinvestitionen in Deutschland im Jahr 2019 um 96 Prozent. Und auch auf der Angebotsseite boomen nachhaltige Finanzprodukte. Nahezu jeder Fondsanbieter hat nach eigenen Angaben zumindest ein „grünes“ Produkt. Doch die gerade erschienene Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) zeigt, dass nur die wenigsten Anlegerinnen und Anleger überhaupt sagen können, was sie genau unter „Nachhaltigen Anlagen“ verstehen.

So definieren lediglich 14 Prozent der Befragten den Begriff „nachhaltige Kapitalanlage“ inhaltlich korrekt. 48 Prozent kennen den Begriff nicht einmal. Dabei können Befragte mit guten generellen Kenntnissen zu Geld- und Kapitalanlagen dreimal häufiger etwas mit dem Begriff anfangen als diejenigen mit schlechten Kenntnissen. Es besteht also weiterhin Aufklärungsbedarf, sollen sich Nachhaltigkeitsaspekte stärker in der Kapitalanlage verbreiten. Dabei spielt auch die generelle Finanzbildung eine Rolle.

Unter dem Titel „Wie halten es die Anleger mit der Nachhaltigkeit?“ hat das DIA im März 2020 in einer repräsentativen Studie 3.066 Personen ab 16 Jahren befragt. Die Umfrage ermittelte, inwieweit Nachhaltigkeitsaspekte bei Anlageentscheidungen bereits eine Rolle gespielt haben und unter welchen Bedingungen Anleger bei künftigen Investitionen die Faktoren Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environment, Social, Governance - ESG) berücksichtigen würden.

Die DIA-Studie zeigt: Ein geringes Wissen zu „Nachhaltigen Kapitalanlagen“ beeinflusst nachvollziehbar die Nachfrage nach diesen. Immerhin ist mit 37 Prozent für die meisten das mangelnde eigene Wissen der Grund dafür, bislang nicht in derartige Anlagen zu investieren.

Zudem verbindet fast jeder Zweite mit „Nachhaltigen Kapitalanlagen“ vor allem Umweltaspekte. Diese sind 44 Prozent der Befragten wichtig. Soziale Aspekte, wie beispielsweise den Ausschluss von Kinderarbeit nennen 32 Prozent. Auf eine gute Unternehmensführung legen gar nur 24 Prozent Wert. Aber nachhaltiges Investieren darf nicht auf Erneuerbare Energien, Klimaschutz oder den sparsamen Umgang mit Ressourcen beschränkt sein. Genauso sollte die Einhaltung der Menschenrechte oder die Vermeidung von Korruption dazugehören. Denn wie nachhaltig ist der neue Solarpark in einem Entwicklungsland, wenn die lokale Bevölkerung dort nicht an seinem Erfolg beteiligt, sondern stattdessen zwangsumgesiedelt wird?

Gleich nach dem geringen eigenen Wissen sind es fehlende Information und mangelnde Produkttransparenz, die einer Anlage in „Nachhaltige Produkte“ entgegenstehen. Immerhin für 34 Prozent der Befragten ein Hinderungsgrund. Dies erinnert an den Kauf von Bio-Lebensmitteln. „Bio“ finden die meisten zwar grundsätzlich gut. Doch passende Produkte und Anbieter auszuwählen ist in der Praxis nicht einfach. Denn „Bio“ ist nicht gleich „Bio“. Oft bleibt unklar, wie die Wirklichkeit hinter Siegeln oder vollmundigen Produktaussagen aussieht. Hinzu kommt die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Anbieters, wenn gleich neben den Bio-Produkten Billigstlebensmittel aus fragwürdigen Herstellungsbedingungen angeboten werden. Auch bei den „grünen“ Angeboten von Banken und Investmentgesellschaften sind Anleger, nicht überraschend, skeptisch. Lediglich für ein Drittel der Befragten sind das glaubhafte Anbieter, wenn sie in der Vergangenheit noch keine ausgewiesenen „Nachhaltigen Anlagen“ im Produktportfolio hatten. Vertrauen ist den Anlegern wichtig. Wären „Nachhaltige Investments“ zweifelsfrei als solche zu erkennen, würde sich fast jeder Zweite bei einer Neuanlage für diese entscheiden. Nahezu jeder Dritte würde bestehende Anlagen durch „Nachhaltige Anlagen“ austauschen.

Ökologisierung als Leitbild

Unsere Welt kann auch in Zukunft als überlebensfähiger Planet existieren, wenn wir als Menschen bewusst handeln und uns sozial, ökologisch und ethisch in unserer Um- und Mitwelt verhalten. Bei Ökoworld verstehen wir daher unter Nachhaltigkeit die „Ökologisierung der Wirtschaft“. Also etwas Konkretes zu tun für den Einklang von Ökonomie und Ökologie. Für das ökologische Gleichgewicht, die ökonomische Sicherheit und die soziale Gerechtigkeit.

Das bedeutet: keine Investition in Waffen, Erdöl, Chlorchemie, Atomkraft oder ausbeuterische Kinderarbeit, sondern ausschließlich ökologisch, sozial und ethisch wirtschaftende Unternehmen vor allem aus boomenden Branchen wie Gesundheit, umweltfreundlicher Transport, Energieeffizienz, Bildung, nachhaltiger Konsum und Wasserversorgung. Darüber hinaus wägt das hausinterne Sustainability Research Team im Rahmen einer umfassenden Unternehmensanalyse stets ab, ob das Unternehmen und seine Produkte geeignet sind, sich positiv auf Umwelt und Gesellschaft auszuwirken.

Zwei Beispiele: Ökoworld-Fonds investieren auch in Mobilfunkanbieter, die in Entwicklungsländern Services anbieten, um ihre Nutzer in den Finanzmarkt zu integrieren. Denn circa 2,5 Milliarden Menschen leben in einer Bargeld-Wirtschaft, in der sie mühsam Werte physisch bewegen müssen, in Form von Schmuck, Bargeld oder Vieh. Über eine verantwortungsvoll gestaltete finanzielle Inklusion eröffnen sich für viele dieser Menschen neue Chancen. Zudem investieren die Fonds nicht in Unternehmen, die Wasserrechte kaufen, um Wasser teuer weiterzuverkaufen, wohl aber in Unternehmen, die für eine effiziente Wasserversorgung sorgen. Denn Wasser ist ein Menschenrecht, und Geschäfte mit Menschenrechten sind für uns tabu.

Wenn Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage eine größere Verbreitung finden soll, sind Kenntnis und Verständnis von Geld- und Kapitalanlagen im Allgemeinen und insbesondere von nachhaltigen Finanzprodukten zentral. Dafür bedarf es einer fundierten und ehrlichen Beratung auf Augenhöhe, die auf die ethischen Wertvorstellungen der Kunden eingeht, diese ernstnimmt und den Nachhaltigkeitsansatz hinter den Produkten transparent erläutert. Die ab 2021 verpflichtende Abfrage der Anlegerziele zur Nachhaltigkeit darf nicht nur Pflichterfüllung sein. Genauso wäre es kontraproduktiv, konventionelle Produkte lediglich „grün anzustreichen“. Und es bedarf generell mehr Bildung zu Wirtschafts- und Finanzthemen – am besten bereits in den Schulen.