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LNG-InfrastrukturProtest gegen Megaterminal für Flüssigerdgas auf Rügen

Seebrücke im Ostseebad Sellin auf Rügen
Vor der Küste der Insel Rügen soll ein schwimmendes LNG-Terminal entstehen – für die Insel ein Projekt mit katastrophalen Folgen. (Foto: PxHere / CC0 1.0)

Auf Rügen formiert sich Widerstand gegen ein Offshore-Terminal für Flüssigerdgas. Die Planungen für das Terminal laufen, RWE soll es bauen. Die Kapazität könnte ein Vielfaches des Umschlagsvolumens von Wilhelmshaven und Brunsbüttel betragen.

24.02.2023 – Die Bewohner und Bewohnerinnen, aber auch die Kommunalpolitikerinnen auf Rügen sind fassungslos. Die Pläne der Bundesregierung zum Aufbau eines weiteren Offshore-Terminals für Flüssigerdgas greifen tief in das Leben der Menschen und in die Natur der Insel ein. Sollten die Pläne realisiert werden, entstünde vor der Küste der Ostseeinsel das größte fossile Projekt Europas.

Inzwischen formiert sich Widerstand. Die Bürgerinitiative Lebenswertes Rügen ruft für Sonntag, 26. Februar 2023 zu einer Protestveranstaltung im Ostseebad Baabe auf. „Wir erwarten von der Bundes- und Landespolitik, dass die Interessen Rügens und der Bevölkerung ernst genommen werden. Also: Kein LNG vor Rügen, weder im Greifswalder Bodden, noch vor den Ostseebädern oder in Mukran!“, fordert Stefanie Dobelstein, Sprecherin der Bürgerinitiative.

Aber auch die Bürgermeister haben sich zusammengeschlossen und suchen den Dialog mit der Landes- und Bundespolitik. „Das Vorhaben der Bundesregierung in all seinen Facetten und mit seiner Wucht wird zu einer außergewöhnlichen Zäsur für die Insel Rügen“, heißt es in einem gemeinsamen Statement.

Am Donnerstag haben 34 Bürgermeister der Insel einen gemeinsamen Aufruf gegen das Vorhaben gestartet. In einer Petition bitten sie Freunde der Insel Rügen um Unterstützung, damit die Bundesregierung die offenkundig überstürzten Pläne aussetzt und in einen breiten Dialog mit allen Interessengruppen tritt.

Mit Blick auf die Einzelheiten des Vorhabens äußern die Kommunalpolitiker:innen erhebliche Zweifel, ob Standort, Umfang und Vorhaben als Ganzes verhältnismäßig und gerechtfertigt sind. Durch die Inbetriebnahme des privatwirtschaftlich betriebenen LNG-Terminals in Lubmin Mitte Januar 2023 komme es jetzt schon infolge des erhöhten Schiffverkehrs zu nicht übersehbaren Auswirkungen auf der Insel.

Für den Fall der Realisierung des Vorhabens auf Höhe der Osteebäder Sellin und Baabe kämen langfristig signifikante Konsequenzen auf die Insel Rügen zu. Selbst erste zurückhaltende Einschätzungen stellen eine besorgniserregende Prognose mit irreparablen Schäden in Aussicht, die über die Zerstörung des Ökosystems hinausgehen. Auch ein aktuell zur Diskussion stehender Alternativstandort auf der Insel würde hieran nichts ändern.

Preise für LNG bilden sich am Weltmarkt und werden nicht von Anzahl deutscher Terminals beeinflusst

Weiter heißt es: „Die von der Politik geäußerten Einschätzungen hinsichtlich der Notwendigkeit des Vorhabens werden insgesamt sehr kritisch gesehen. Angesichts der in Europa bereits jetzt schon weitreichend zur Verfügung stehenden LNG-Terminal-Infrastruktur bescheinigen gutachterliche Einschätzungen, dass keine weiteren Kapazitäten benötigt werden. Auch das Argument, dass es infolge eines weiteren Terminals zu einer sich positiv entwickelten Preisbildung für Deutschland kommen würde, ist weitreichend von der Fachwelt widerlegt: Der LNG-Preis bildet sich am Weltmarkt, nicht durch die Anzahl deutscher Terminals. Neue Terminals sind einerseits teuer, das Geld fehlt dann andernorts, zum Beispiel bei energiereduzierenden Maßnahmen. Andererseits sind der Bau und Betrieb von LNG-Terminals extrem klima- und umweltschädlich.“

Die Insellage verschärft die Probleme, die mit den geplanten Infrastrukturprojekten einhergehen. Anders als bei den anderen LNG-Standorten verbindet die Insel Rügen nur eine Straßenbrücke mit dem Festland. Weiterer LKW-Verkehr spitzt die ohnehin schon schwierige Verkehrslage zu. Bereits seit einigen Tagen liegt im Hafen Mukran ein LNG-Schiff zum Umschlag bereit. Das Gas soll per LKW über die Insel aufs Festland rollen. Diese parallele Entwicklung besorgt Bürger, Tourismusverantwortliche und Kommunalpolitiker zusätzlich.

Terminal soll schon im Herbst 2023 in Betrieb gehen

Mitte Februar hatte das Ministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Tourismus und Arbeit des Landes Mecklenburg-Vorpommern die Pläne für das neue LNG-Terminal bekanntgegeben. Kurz darauf folgte eine Information der RWE an die Bürgermeister. Geplant sind eine 38 Kilometer lange Pipeline durch den Greifswalder Bodden sowie ein neues Offshore-Terminal für die Anlandung schwimmender Terminals für Flüssigerdgas (LNG). In einer ersten Ausbaustufe soll das neue Offshore-Terminal schon im Herbst 2023 den Betrieb aufnehmen. Nach Abschluss einer zweiten Ausbaustufe bis Herbst 2024 soll es eine Kapazität zum Import von jährlich bis zu 38 Milliarden Kubikmeter Gas haben und wäre damit das aktuell größte fossile Projekt Europas. Die 38 Milliarden Kubikmeter Gas entsprechen rund 80 Millionen Tonnen CO2, wenn das Gas verbrannt wird. Die extrem klimaschädlichen Methan-Emissionen aus der Vorkette sind dabei noch nicht berücksichtigt. Im LNG-Beschleunigungsgesetz ist ein solches Offshore-Terminal vor Rügen nicht vorgesehen, hatte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) informiert.

Die Pläne für das neue Offshore-Terminal vor Rügen seien völlig überdimensioniert, kommentierte Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH. Die geplanten Kapazitäten seien auch gemessen an den Projekten in Wilhelmshaven oder Brunsbüttel gigantisch. Dort haben die Terminalschiffe eine Kapazität von lediglich fünf bis 7,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Noch dazu gäbe es für das Projekt überhaupt keine Rechtsgrundlage. Im LNG-Beschleunigungsgesetz sei lediglich der Standort Lubmin genannt, von einer Ausweitung auf die Küste vor Rügen ist dort nicht die Rede.

„Der Bau des Offshore-Terminals wäre eine beispiellose Industrialisierung der Ostsee. Und dies in einem sowohl naturschutzfachlich als auch touristisch besonders sensiblen Gebiet. Kaum vorstellbar, dass vor einer solchen Industrieanlage noch Tourismus möglich ist. Eine hohe Belastung für Vögel und den Naturraum ergibt sich nicht nur aus dem Betrieb des Terminals, sondern auch durch die notwendigen umfangreichen Bauarbeiten. Dies gilt insbesondere für den Bau einer Offshore-Pipeline durch den besonders sensiblen Greifswalder Bodden. Hier drohen immense Schäden an ökologisch einmaligen Lebensräumen. Wir werden alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um diese gigantische Industrieanlage vor Rügen zu stoppen“

Hintergrund – Quelle DIW

Neben anderen Maßnahmen zur Energiesicherheit verhandelte die Bundesregierung seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine die Ausweitung von Erdgaslieferungen aus anderen Ländern, unter anderem als Flüssigerdgas (Liquified Natural Gas, LNG). Dafür wurde mit dem „LNG-Beschleunigungsgesetz“ die Grundlage für den zügigen Aufbau von LNG-Anlandekapazitäten geschaffen. Die deutsche Erdgaswirtschaft hat mit Unterstützung der Bundesregierung die Anmietung von schwimmenden LNG-Terminals (Floating Storage and Regasification Units, FSRU) vorangetrieben. Im Februar 2023 sind sechs FSRU-Terminals in Betrieb beziehungsweise in Vorbereitung (in Wilhelmshaven, Lubmin, Brunsbüttel, Stade und Rügen). Die vorgesehene Gesamtkapazität der schwimmenden LNG-Terminals beträgt mit 40 Milliarden etwa die Hälfte des deutschen Erdgasverbrauchs. Weitere rund 40 Milliarden Kubikmeter jährliche Anlandekapazität werden parallel an festen Terminalanlagen an Land (sogenannte Onshore-Terminals) geplant. Diese Planungen bestanden zwar schon seit einigen Jahren, aber die Investitionen hatten sich bisher nicht gelohnt. Die Fertigstellung der Onshore-Terminals wird für frühestens 2026 angegeben und dauert damit deutlich länger als die Anmietung von schwimmenden Terminals. pf
 

Gaby Dworschak am 26.02.2023

Eine völlig verfehlte Politik.Wie kann man in Zeiten des Klimawandels diese Form der Gasgewinnung gutheißen, indem man sie einkauft, obwohl Fracking hierzulande aus gutem Grund verboten ist. Nordstream reparieren und öffnen! Andere Handelspartner sind auch keine Heilige.

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