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Energetische GebäudesanierungEU plant eine Renovierungswelle

Gebäuderuine, früher ein Kulturhaus
Europas kulturelles Erbe, stark sanierungsbedürftig: Öffentliche Gebäude und Kulturstätten sollten im Fokus einer Sanierungswelle stehen. (Foto: Pixabay / Free License)

Mit Blick auf die Energie- und Ressourceneffizienz im Gebäudesektor hat die EU-Kommission eine neue Strategie für eine „Renovation Wave“ vorgestellt. Die Renovierungsquote in der EU soll in den nächsten zehn Jahren mindestens verdoppelt werden.

19.10.2020 – Im Hinblick auf die geplante Anhebung des EU-Treibhausgasreduktionsziels kommt auch der Gebäudebereich wieder verstärkt in den Blick der EU. Damit das von der EU-Kommission im September 2020 vorgeschlagene Ziel bis 2030 erreicht werden kann, muss Europa die Treibhausgasemissionen von Gebäuden um 60 Prozent, deren Energieverbrauch um 14 Prozent und den Energieverbrauch für Heizung und Kühlung um 18 Prozent senken. 75 Prozent des europäischen Gebäudebestands gelten als energetisch sanierungsbedürftig. Die Sanierungsrate von derzeit einem Prozent pro Jahr müsste auf mindestens drei Prozent ansteigen.

Die EU-Kommission hat daher die Initiative Renovation Wave angekündigt, um die Energie- und Ressourceneffizienz im Gebäudesektor zu optimieren. Es gelte nicht nur CO2-Emissionen in Europa zu verringern, sondern auch die Lebensqualität der Gebäudenutzer zu verbessern, die Digitalisierung zu fördern sowie vermehrt Baustoffe wiederzuverwenden und zu recyceln. Bis 2030 könnten 35 Millionen Gebäude saniert und bis zu 160.000 zusätzliche „grüne Arbeitsplätze“ im Baugewerbe geschaffen werden, so das formulierte Ziel der Initiative.

Das Wort Renovierung ist dabei etwas unglücklich gewählt. Denn eine energetische Ertüchtigung des Altbaubestands verlangt nicht nur eine optische Reparatur, sondern mindestens eine Sanierung, also die Beseitigung von Schäden oder vielmehr eine Modernisierung –eine Verbesserung des ursprünglichen Zustandes. Dafür braucht es vor allem vorausschauende und nachhaltige Planung und gut geschultes Fachpersonal.

Wärmewende einleiten

Laut EU können es sich rund 34 Millionen Europäer nicht leisten, ihre Wohnung ausreichend zu heizen. Die Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz diene daher auch zur Bekämpfung von Energiearmut. Mit gut gedämmten Häusern und einer effizienten Heizung ließen sich Energiekosten senken. „Schnelle CO2-Einsparerfolge lassen sich durch den Austausch alter Heizkessel durch neue CO2-arme Technologien erreichen“, kommentiert Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, die Wärmewende-Initiative. So habe bspw. die Umstellung von Öl-Heizungen auf Gas-Brennwertheizungen und Wärmepumpen ein Treibhausgas-Minderungspotenzial von rund 40 Prozent.“ Der BDEW plädiert zudem, Biomethan und „grünen“ Wasserstoff zu fördern. Die Potenziale der vorhandenen Gas- und Wärmenetzinfrastruktur könnten mit klimaneutralen Gasen weiter gehoben werden, meint Andreae. „Erhebliche Mengen an CO2 können so gerade in urbanen Ballungsräumen eingespart werden.“ Voraussetzung für eine Elektrisierung des Wärmesektors und Herstellung von Wasserstoff wäre allerdings ein massiver Ausbau Erneuerbarer-Energien, wenn der Strom nicht aus fossilen Kraftwerken kommen soll. Sonst geht die Rechnung nicht auf. Ein Blick auf Frankreich macht das deutlich: Die Mehrzahl der meist ungedämmten Häuser wird elektrisch beheizt – mit subventioniertem Atomstrom.

Gebäudenutzung im Wandel?

Als weiteren Anlass für die Initiative nennt die EU-Kommission auch die Auswirkungen der COVID-19-Krise: Durch Bewegungseinschränkungen und Home Office seien Gebäude, ihre Bedeutung für unseren Alltag und ihre Schwachstellen in den Fokus gerückt. Während der gesamten Pandemie habe sich das tägliche Leben von Millionen Europäern in ihrem Heim abgespielt: „In Europa sollen Beleuchtung, Heizung oder Kühlung der eigenen vier Wände kein Luxus sein, der verheerende Folgen für die Finanzen oder den Planeten hat“, meint der für den europäischen Grünen Deal zuständige Exekutiv-Vizepräsident Frans Timmermans. „Durch die Renovierungswelle werden die Gebäude in denen wir arbeiten, leben und lernen, verbessert. Gleichzeitig werden unsere Auswirkungen auf die Umwelt verringert und Tausende von Arbeitsplätzen für die Menschen in Europa entstehen. Wir brauchen bessere Gebäude, wenn uns an einem besseren Wiederaufbau gelegen ist.“

Es geht also auch um ein Ankurbeln der durch den Lockdown beschädigten europäischen Wirtschaft. Die Kommission will auch prüfen, wie die Haushaltsmittel der EU neben den Einnahmen aus dem EU-Emissionshandelssystem (EU-EHS) zur Finanzierung nationaler, auf einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen zugeschnittener Energieeffizienz- und Energiesparprogramme eingesetzt werden könnten.

Mit der Initiative wolle man zahlreiche Hindernisse beseitigen, versprach Kadri Simson, EU-Kommissarin für Energie, „aufgrund derer Renovierungen derzeit noch kompliziert, teuer und zeitaufwändig sind und viele dringende Vorhaben nicht in Angriff genommen werden.“ Dafür wolle die Kommission „bessere Möglichkeiten zur Messung des Nutzens von Renovierungen“ vorschlagen. „Mindestnormen für die Gesamtenergieeffizienz, mehr finanzielle Unterstützung der EU und technische Hilfe werden Finanzierungen durch grüne Hypotheken begünstigen und die Nutzung Erneuerbarer Energien für die Wärme- und Kälteerzeugung fördern.“ Das solle für Eigentümer, Mieter und Behörden entscheidende Verbesserungen bringen.

Dekarbonisierung – Energiearmut bekämpfen – Öffentliche Gebäude zuerst sanieren

Im Rahmen der Strategie hätten nun Maßnahmen in drei Bereichen Priorität: Die Dekarbonisierung der Wärme- und Kälteerzeugung, die Bekämpfung von Energiearmut und Maßnahmen für Gebäude mit der geringsten Energieeffizienz sowie die Sanierung öffentlicher Gebäude wie Schulen, Krankenhäuser und Verwaltungsgebäude. Es soll strengere Vorschriften, Standards und Informationen in Bezug auf die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden geben, um Renovierungen im öffentlichen und privaten Sektor attraktiver zu machen. Darunter fielen etwa aktualisierte Vorschriften für Energieeffizienzausweise und eine etwaige Ausweitung der Renovierungsanforderungen für den öffentlichen Sektor. Mehr Unterstützung der nationalen und lokalen Behörden bis hin zu Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen sind angedacht. Ein wichtiger Punkt, denn schon heute fehlen qualifizierte Arbeitskräfte im Baubereich, das Wissen beim Thema energetische Bestandssanierung ist noch viel zu gering. Zudem fehlt der Nachwuchs – in den nächsten zehn Jahren werden viele Fachkräfte und mit ihnen viel Erfahrung einfach verschwinden. In den osteuropäischen Ländern sind Sanierungsraten als auch Fachwissen und geschulte Fachkräfte in diesem Bereich noch verschwindend gering.

Teil der Strategie sei zudem eine Marktausweitung für nachhaltige Bauprodukte und -leistungen, mit der Integration neuer Werkstoffe und naturbasierter Lösungen sowie einer Überarbeitung der Rechtsvorschriften über die Vermarktung von Bauprodukten und Zielvorgaben für Wiederverwendung und Verwertung.

In der Theorie klingt einiges vielversprechend. In der Praxis sieht es oft so aus, dass viele Sanierungswillige keine Kredite erhalten, Bauherren als auch Kommunen verlieren sich im Förderdschungel, Behörden arbeiten zu langsam, bürokratische Hürden bremsen und lassen flexible und individuell auf das Gebäude und den jeweiligen Sanierungsfall zugeschnittene Lösungen oft nicht zu, Fachpersonal fehlt oder wird nicht hinzugezogen.

Die DUH fordert, das Gebot der Wirtschaftlichkeit bei Effizienzmaßnahmen zeitgemäß zu überdenken. Abwägungen der Wirtschaftlichkeit gelten weder für Brandschutz noch für Lärmschutz – sie dürften also auch beim Klimaschutz nicht länger als Vorwand dienen, die Effizienzstandards niedrig zu halten. Vielmehr müssten auch die gesamtwirtschaftlichen Vorteile von Sanierungsmaßnahmen in den Mittelpunkt rücken.

Ein Bauhaus für Europa

Um der Strategie mehr Glanz zu verleihen, plant die Kommission ein „europäisches Bauhaus“. Gegründet 1919 in Weimar vom Architekten Walter Gropius war es Kern der Bauhaus-Idee, Kunst und Handwerk zu verbinden und damit für jeden zugänglich zu machen. Produkte sollten in die industrielle Serienfertigung gehen, um den Alltag zu revolutionieren und eine bessere Welt zu gestalten. Unter dem europäischen Bauhaus versteht die Kommission nun „ein interdisziplinäres Projekt, dem ein Beratungsgremium aus externen Sachverständigen aus Wissenschaft, Architektur, Design, Kunst, Planung und Zivilgesellschaft vorstehen wird.“ Bis Sommer 2021 will die Kommission einen partizipativen Prozess zur gemeinsamen Gestaltung einleiten, bevor sie ein Netz von fünf Gründungs-Bauhäusern im Jahr 2022 in verschiedenen EU-Ländern einrichtet.

Denn bei der Renovierungswelle gehe es nicht nur darum, den vorhandenen Gebäudebestand energieeffizienter und klimaneutral zu gestalten, so die Strategen. Höhere Ziele werden angestrebt, nämlich eine umfassende Veränderung der Städte und der baulich gestalteten Umwelt auszulösen. „Sie kann eine Chance sein, einen zukunftsorientierten Prozess einzuleiten, mit dem Nachhaltigkeit und Ästhetik in Einklang gebracht werden. Wir wollen dafür sorgen, dass eine lebenswerte Umgebung für niemand ein Luxus ist sowie Leistbarkeit und künstlerischen Anspruch in einer nachhaltigen Zukunft wieder in Einklang bringen.“

Zurück in die Praxis

Die bisherigen politischen Maßnahmen und Finanzierungen hätten sich bereits positiv auf die Energieeffizienz von Neubauten ausgewirkt, berichtet die EU-Kommission – der Energiebedarf heute sei nur halb so hoch sei wie bei Gebäuden, die vor mehr als 20 Jahren errichtet wurden. In der EU sind allerdings 85 Prozent der Gebäude über 20 Jahre alt, und 85 bis 95 Prozent dürften 2050 noch bestehen. In Deutschland sind es vor allem die vielen Bauten der 1950er- bis 70-Jahre, die einen schlechten bis miserablen Energiestandard aufweisen. Hier besteht ein enormer Nachholbedarf an energetischer Optimierung – und zugleich an ästhetischer. Das könnte eine der ersten Aufgaben für das europäische Bauhaus werden.

Ein Fokus sollte aber auch auf Bürobauten liegen. Deren energetischer Zustand ist europaweit gesehen auf einem niedrigen Niveau. Hier spielt vor allem die Kühlung in den Sommermonaten eine zunehmende Rolle beim Energieverbrauch. Eigentümer von Gewerbebauten sind oft nicht bereit, energetisch nachzurüsten, weil das mit hohen Kosten verbunden ist und den Profit schmälert. Ebenso müssten Schulen verstärkt ins Visier rücken – in Deutschland herrscht hier ein Sanierungsstau, der teilweise staunen lässt: Das fängt bei maroden Sanitärräumen an und geht bis zu undichten Fenstern und veralteten Heizungsanlagen. Ein schlechtes Vorbild für die Sanierer von morgen.

Mitgliedstaaten verpflichten

Um Europas Gebäudebestand zu sanieren reicht eine europäische Initiative nicht aus. Die Mitgliedsstaaten müssen die „Renovierungswelle“ nun auch umsetzen. Mindesteffizienzstandards sind in allen Ländern gesetzlich verankert – doch es braucht jetzt stärkere Anreize. Bürokratie muss abgebaut, Wissen aufgebaut werden. Nachhaltige und möglichst ganzheitliche Konzepte für Gebäude und Quartierslösungen sind notwendig, ökologische und recycelbare Baustoffe sollten Pflicht werden. Zudem benötigen die Kommunen Unterstützung bei der Sanierung ihrer eigenen öffentlichen Gebäude mit einem einfacheren Zugang zu EU-Fördermitteln. na