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Energiegenossenschaften: Chancen mit neuen Geschäftsmodellen

Wie können Energiegenossenschaften erfolgreich den Wandel in die Zukunft vollziehen? In der aktuellen Studie „Geschäftsmodelle für Bürgerenergiegenossenschaften“ werden Wege aufgezeigt. (Foto: © BBEn)
Wie können Energiegenossenschaften erfolgreich den Wandel in die Zukunft vollziehen? In der aktuellen Studie „Geschäftsmodelle für Bürgerenergiegenossenschaften“ werden Wege aufgezeigt. (Foto: © BBEn)

Mit den Ausschreibungen für Erneuerbare Energien legt die Politik auch der Bürgerenergie gerade Steine in den Weg. Eine aktuelle Studie identifiziert künftige Geschäftsmodelle von Energiegenossenschaften. Energieeffizienz, Nahwärme Plus und E-Mobilität stellen sich dabei als lohnenswert heraus.

24.03.2014 – Wärme, Strom und umweltschonende Elektro-Mobilität zusammenbringen: Das ist das Konzept der Weilerwärme eG. Die Energiegenossenschaft aus Pfalzgrafenweiler im Schwarzwald zeigt, wie Energiegenossenschaften sich entwickeln können, in dem sie ihre Geschäftsfelder diversifizieren. Die Genossen der Weilerwärme arbeiten an einem nachhaltigen und umweltschonenden Gesamtkonzept in der Energiegewinnung und -versorgung. 2007 hat die Weilerwärme mit dem Bau eines Nahwärmenetzes begonnen und versorgt mittlerweile über 80 Prozent der Haushalte im Ort. Eine 99 kWp-Anlage versorgt im Sommer, wenn das Gas-BHKW nicht läuft, Strom über das eigene Netz an gemeindeeigene Gebäude wie Rathaus, Sporthallen und Sozialstation. 2014 hat die Energiegenossenschaft ihr ambitioniertes Carsharing Konzept WeilerMobil gestartet. Aktuell gehören zur Fahrzeugflotte zehn elektrisch betriebene Autos sowie sechs E-Bikes. Ende 2015 hatte das Projekt WeilerMobil mehr als 150 registrierte Nutzer. Dieses Jahr soll sich der Betrieb wirtschaftlich selbst tragen.

Chancen durch neue Geschäftsmodelle

„Durch die rechtlichen Veränderungen in den letzten Jahren gibt es eine grundlegende Verunsicherung. Nach wie vor sind viele Energiegenossenschaften sehr vorsichtig mit neuen Projekten“, sagt Verena Ruppert, Geschäftsführerin des Landesnetzwerks Bürgerenergiegenossenschaften Rheinland-Pfalz e. V. Wie können Energiegenossenschaften erfolgreich den Wandel in die Zukunft vollziehen? Welche aktuellen und zukünftigen Handlungsmöglichkeiten haben sie? Dies zu ermitteln war Ziel der Studie Geschäftsmodelle für Bürgerenergiegenossenschaften, die von der Energieagentur Rheinland-Pfalz und dem Landesnetzwerk Bürgerenergiegenossenschaften Rheinland-Pfalz e. V. in Auftrag gegeben wurde.

Das Netzwerk Energiewende Jetzt e.V., die 100 prozent erneuerbar stiftung und. StoREgio Energiespeichersysteme e.V haben dafür in einer ausführlichen Markterfassung und Experteninterviews zukunftsfähige Geschäftsmodelle und Entwicklungstrends von Energiegenossenschaften identifiziert. Energiegenossenschaften können zu wesentlichen Akteuren einer dezentralen Energieversorgung mit erneuerbaren Energien werden. Von entscheidender Bedeutung für ihren Erfolg wird sein, wie gut sie neue Geschäftsmodelle umsetzen. Dies ist das Fazit der Studie, die Ende Februar 2016 veröffentlicht wurde.

Ökostrom liefern

Bei der Photovoltaik bieten Direktverbrauch, Pachtmodelle sowie Mieterstrom heute noch wirtschaftlich attraktive Möglichkeiten, günstig Ökostrom direkt vom Dach zu liefern. Eine Reihe von Energiegenossenschaften haben Projekte der PV-Direktlieferung umgesetzt. Besonders bei Mieterstrommodellen gibt es derzeit nur vereinzelt Erfahrungen. Entdeckt haben Energiegenossenschaften hingegen das Geschäftsmodell Stromlieferung an Endkunden, bietet es doch perspektivisch die Chance, sich zu einer Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft weiterzuentwickeln. Die Stromlieferung ist für einzelne Genossenschaften jedoch nur mit Kooperationspartnern zu realisieren. Die Bürgerenergie Bayern e.V. kooperiert beispielsweise bei „bavariastrom“ mit dem Grünstromwerk, einer Tochter der Naturstrom AG. Bei der Dachgenossenschaft Bürgerwerke eG erschließen sich inzwischen mehr als 50 Energiegenossenschaften gemeinsam das Feld der Stromlieferung und regionalen Direktvermarktung. Der Schlüssel für den Erfolg liegt im Vertrieb. Die ist für viele Genossenschaften Neuland.

Zukunftsmodell Elektromobilität

Elektromobilität ist von Energiegenossenschaften noch weitgehend unerschlossen, so die Studie. Dabei ist die Partnerschaft von Erneuerbaren Energien und dem Verkehrssektor naheliegend. Die Batterien von Elektro-Autos können überschüssigen, dezentral erzeugten Strom von Erneuerbaren Energien speichern und so beispielsweise die Mittagspitze in der Erzeugung von Solarstrom dämpfen.

Gerade in ländlichen und touristischen Regionen haben Energiegenossenschaften Chancen für E-Mobilitätsprojekte, wie das Projekt Weilermobil in Pfalzgrafenweiler im Schwarzwald zeigt. Als Einstieg sind Scooter-Ladestationen oder auch Pedelec-Verleihangebote leichter zu realisieren.

Energieeffizienz: Die zweite Säule der Energiewende erschließen

Eine wachsende Zahl an Energiegenossenschaften möchte mit Contractingmodellen das Thema Energieeffizienz erschließen. Auch wenn das Potential groß ist, es ist nicht leicht zu heben. Das Geschäftsmodell ist personalaufwändig, die Genossenschaften brauchen einen langen Atem bei der Akquise der ersten Projekte, müssen technisches wie kapitalrechtliches Know-how aufbauen. Und sie sind für den Betrieb und die Verwaltung der Contracting-Projekte verantwortlich.

Nahwärme plus

Die Versorgung mit Nahwärme ist ein interessantes Geschäftsmodell für Energiegenossenschaften. Zwischen 2012 und 2014 sind 70 neue genossenschaftliche Nahwärmenetze entstanden. „Nahwärme-Genossenschaften“ können ihre Geschäftsfelder gut mit Photovoltaik, Stromlieferung bis hin zu Elektromobilität erweitern. Die Studie beleuchtet einige „Nahwärme plus“-Konzepte: Die Nutzung industrieller Abwärme, bio-solare Nahwärme, Nahwärme- und Breitband-Versorgung bis hin zu Quartierslösungen.

Stärken nutzen

Die Studie ermittelte drei Trends, mit denen sich Energiegenossenschaften entwickeln können. Die Diversifizierung ihrer Geschäftsbereiche, Kooperationen sowie die weitere Professionalisierung hin zu Hauptamtlichkeit.

Zwar bedeutet das Erneuerbare Energien Gesetz 2014 (EEG 2014) eine energiewirtschaftliche Zäsur durch die verpflichtende Direktvermarktung und das Ausschreibungsverfahren. Energiegenossenschaften müssen sich nun in einem direkten Wettbewerb mit großen Energieunternehmen behaupten, die eine völlig andere personelle und finanzielle Ausgangssituation haben.

Trotzdem sehen die Autoren der Studie die Zukunftschancen für Energiegenossenschaften optimistisch. Wenn sich die Genossenschaften ihrer Stärken besinnen, können sie sich für diesen Wettbewerb gut rüsten, insbesondere wenn sie die genossenschaftliche Grundidee einer Erzeuger-Verbrauchergemeinschaft (Prosumer-Idee) effizient entwickeln.

Denn bei der Dezentralisierung der Energieversorgung weisen Energiegenossenschaften drei Stärken auf: Regionalität, Transparenz und Gemeinschaftlichkeit. Besonders die regionale Verankerung, die direkte Beziehung zu den Menschen in der Region und das aktive Mitgestalten der Mitglieder könnten zum wichtigen Vorteil im Wettbewerb werden. Rainer Lange, Netzwerk Energiewende Jetzt e.V., www.energiegenossenschaften-gruenden.de

Weitere Infos:

Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH (Hrsg.): „Geschäftsmodelle für Bürgerenergiegenossenschaften. Markterfassung und Zukunftsperspektiven“, 104 Seiten, Dezember 2015 (Stand rechtliche Situation)

Die Studie ist auf der Webseite der Energieagentur Rheinland-Pfalz abrufbar unter: www.energieagentur.rlp.de/fileadmin/user_upload/Buergerenergiegenossenschaften_Broschuere_160210_Small.pdf

Sowohl auf der Webseite der Energieagentur Rheinland-Pfalz als auch bei LaNEG sind ausführliche Experteninterviews, Praxisbeispiele und weiterführende Informationen zu rechtlichen Rahmenbedingungen von Energiegenossenschaften abrufbar.

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