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KlimawandelAlarmierende Zahlen aus der Antarktis

Auch motorisierte Kreuzfahrtschiffe in der Antarktis beinträchtigen das Ökosystem der Region und tragen zum Klimawandel bei. (Foto: Alex Petrenko / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

3.800 Tonnen Eis gehen pro Sekunde in der Antarktis verloren, Tendenz steigend, warnen renommierte Wissenschaftler. Ob sich die katastrophalen Auswirkungen noch abmildern lassen, hängt von den Entscheidungen ab, die in naher Zukunft getroffen werden.

16.06.2018 – Mit Daten von 24 Satelliten nahm ein internationales Forscherteam in den vergangenen Jahren eine Rundumüberwachung des antarktischen Kontinents vor. Insgesamt 84 Wissenschaftler von mehr als 44 internationalen Organisationen – wie dem Alfred-Wegener-Institut und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung – analysierten die Dynamik der Antarktis. Das Ergebnis: 3 Billionen Tonnen Eis haben sich seit 1992 verflüssigt. Das sind 3.800 Tonnen Eis, die sich pro Sekunde in das Südpolarmeer verabschieden. Dies entspricht der anderthalbfachen Masse eines olympischen Schwimmbeckens oder ungefähr 150 Tanklastern, wie Josef Zens vom Geoforschungszentrum Potsdam in der Zeit bildlich darstellt.

Die größten Verluste verzeichnet dabei die Westantarktis. Besonders die Schelfeisregionen sind gefährdet und schmelzen teilweise von unten. Verlor die Region in den 1990er Jahren 53 Milliarden Tonnen, so stieg die jährliche Abnahme in den Jahren seit 2012 auf 159 Milliarden Tonnen an. Und nach neuesten Erkenntnissen ist auch die Ostantarktis stark gefährdet. Während früher der Zuwachs an Eismasse im Osten des Kontinents noch die Verluste im Westen ausgleichen konnte, wächst der Eisschild in der Ostantarktis inzwischen nur noch leicht und kann die großen Verluste in der Westantarktis nicht mehr kompensieren.  

Rasanter Anstieg des Meeresspiegels

Die Auswirkungen auf das weltweite Ökosystem und den Meeresspiegel könnten verheerend sein, sollten nicht sofortige Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen eingeleitet werden, warnen die Forscher. Zwischen 1992 und 2012 war die Antarktis für den Anstieg von 0,2 Millimeter pro Jahr verantwortlich, seit 2012 dann für 0,6 Millimeter pro Jahr – damit trägt die Antarktis derzeit zu einem Drittel der gegenwärtigen Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs bei. Künftig könnten die Eisverluste aus der Antarktis den globalen Meeresspiegelanstieg sogar dominieren, wie Thorsten Albrecht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung warnt.

Bislang galt die Arktis rund um den Nordpol als gefährdeter, die Antarktis hingegen als stabiles und aufgrund ihrer Größe auch träges System. Neue Messverfahren und Beobachtungsmöglichkeiten ändern diese Sichtweise jedoch. Dabei können die Forscher ebenfalls vergangene Entwicklungen nachvollziehen. Zum Ende der letzten Eiszeit hatte sich die Antarktis innerhalb weniger Jahrhunderte über 1.000 Kilometer zurückgezogen. Damals hob sich die Erdkruste entlastet vom Gewicht des Eises, wodurch sich wiederum Eismassen vom Landesinneren zum Meer schoben.         

Nur eine schnelle Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen kann etwas leisten Was die Westantarktis vor 10.000 Jahren jedoch rettete, sei heute nicht mehr möglich, führt Thorsten Albrecht aus. Die beschriebene Hebung des Bodens sei viel zu langsam, um einen gefährlichen Anstieg des Meeresspiegels in naher Zukunft verhindern. "Nur eine schnelle Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen kann dies leisten", so Albrecht.

Ein katastrophales Szenario möglich

Noch nimmt das Südpolarmeer mehr Wärme und Kohlendioxid auf als andere Ozeane und hilft den Klimawandel etwas zu verlangsamen. Doch schon bald könnte der südliche Ozean nicht mehr als Puffer dienen, befürchten die Wissenschaftler. Ein Teil des Forscherteams erstellte für das Jahr 2070 zwei mögliche gegensätzliche Szenarien.

Variante 1: Treibhausgase werden weiter wie bisher ungehindert in die Atmosphäre ausgestoßen. Der Meeresspiegel würde um 27 Zentimeter steigen, die Ozeane durch die erhöhte Wassertemperatur versauern und die Lufttemperatur um 3 Grad zunehmen.

Variante 2: Die Emissionen würden reduziert und reguliert, wie auf dem Weltklimagipfel 2015 beschlossen. Der Meeresspiegelanstieg würde nur 6 Zentimeter betragen, das Ökosystem des Meeres intakt bleiben und die Lufttemperatur nur um 0,9 Grad steigen.

Und die Bundesregierung unternimmt nichts

„Mal wieder zeigt sich deutlich, dass wir schnell und bestimmt handeln müssen, um die Zerstörung von komplexen, jahrhundertealten Ökosystemen zu verhindern“, meint Lisa Badum, klimapolitische Sprecherin der Grünen, im Angesicht der neuesten Forschungsergebnisse. Die Bundesregierung muss sich endlich für ambitioniertere Energie- und Klimaziele in der EU einsetzen, statt diese auszubremsen Für sie darf sich die Bundesregierung nicht mehr hinter Floskeln verstecken und muss international Initiative ergreifen. „Um unserer Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen gerecht zu werden, muss sich die Bundesregierung endlich für ambitioniertere Energie- und Klimaziele in der EU einsetzen, statt diese auszubremsen“, so Badum. Doch die Große Koalition um Wirtschafts- und Energieminister Altmaier blockiert derzeit in der EU zusätzliche Maßnahmen, um die Klimaziele von Paris für 2030 noch europaweit einzuhalten. mf


Kommentare

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Wolfgang Richter 16.06.2018, 14:08:45

+194 Gut Antworten

Tja, und wenn es dann aber alles falsch ist und die Antarktis eine deutliche Zunahme an Eismasse hat? Dies ist keine rhetorische Frage, dies sagt eine andere Studie bzw. sagen 2 Studien vom gleichen Autor aus.

Bereits 2015 hat der NASA-Glaziologe Zwally (et. al.) in einer Studie auf Basis von Satellitenmessungen bekanntgegeben, dass die Antarktis einen deutlichen Masse-Zuwachs zeigt:

https://www.nasa.gov/feature/goddard/nasa-study-mass-gains-of-antarctic-ice-sheet-greater-than-losses

 

Und nun hat Zwally bekanntgegeben, dass er dies mit einer neuen Studie, die in Kürze veröffentlich wird, bestätigt:

http://dailycaller.com/2018/06/15/antarctica-ice-sheets

 

Offensichtlich gibt es unter den Wissenschaftler keinerlei "Einigkeit" darüber, wie sich die Eismasse der Antarktis in den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelt hat.

Ich selbst traue den Satellitenmessungen von Dr. Zwally, die mit Radar durchgeführt wurden (und werden!) mehr als den Abschätzungen der im Artikel genannten vielen Wissenschaftler. Solche Radarmessungen sollten wohl viel genauer sein als die anderen Meßmethoden.


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