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LandwirtschaftIn Bangladesch ziehen die Felder aufs Wasser

Pflanzen wachsen auf einer Erdschicht, die im Wasser schwimmt
Schwimmende Gärten gibt es in Bangladesch schon seit Jahrhunderten. Sie erobern immer mehr Gebiete im Land, weil Monsunregen länger dauern und weite Landstriche unter Wasser stehen. (Foto: Welthungerhilfe)

Immer mehr Bauern in Bangladesch ziehen ihr Gemüse in schwimmenden Gärten heran. So reagieren sie auf die stärkeren und längeren Monsunzeiten im Norden. Im Süden des Landes hingegen versalzen die Wasserarme, die schwimmenden Gärten verschwinden.

21.11.2020 – Weltweit kämpfen Bauern gegen die Folgen des Klimawandels, aber auch mit den Folgen jahrzehntelanger Monokulturen. Wie beim Agroforst in Europa gibt es auch in Asien alte Anbaumethoden, die neu entdeckt und weiterentwickelt werden. In Bangladesch sind es die schwimmenden Gärten, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen.

Wasser ist in Bangladesch allgegenwärtig. Hunderte Flüsse mit unzähligen Nebenarmen durchziehen das Land. Das Flussdelta von Ganges, Brahmaputra und Meghna im Süden des Landes ist das größte der Welt. Hier bauten die indigenen Einwohner bereits vor vielen Hundert Jahren Gemüse auf dem Wasser an. Auf kleinen Ballen, die auf dem Wasser schwimmen, fühlen sich die Pflanzen wohl.

Anfang der 2000er Jahre wurde die Idee auch in den Norden getragen, wo weite Teile des Landes während des Monsuns über mehrere Monate unter Wasser stehen. NGOs haben diesen Trend unterstützt, die lokalen Landwirtschaftsbehörden haben ihn aufgegriffen und gefördert. Besonders in den tiefer gelegenen ländlichen Regionen im Nordosten und den Flussinseln der Jamuna, die ihre Form und Lage in der Strömung ständig verändern, ist die Ernährungssituation angespannt. Seit 2014 ist die Welthungerhilfe in der Region aktiv.

Alle Gegebenheiten vor Ort zusammen denken und verbinden

Philippe Dresrüsse leitet die Programme der Organisation in Indien und Bangladesch. Er erzählt: „Wir setzen auf den Ansatz ‚Sustainable Integrated Farming System‘, der auf agrarökologischen Prinzipien basiert. Dabei betrachten wir den Produktionsprozess als eine Einheit, der in das natürliche, soziale und kulturelle Umfeld eingebettet ist. Wir verbinden mehrere Subsysteme miteinander und kreieren damit ein in sich geschlossenes und funktionierendes Ökosystem.“ Pilotprojekte wurden erfolgreich mit Bauern in Nepal, Bangladesch und Indien umgesetzt – unterscheiden sich aber je nach Region und den Gegebenheiten vor Ort.

„In den Nutrition Smart Villages verknüpfen wir Landwirtschaft, den Erhalt der natürlichen Ressourcen, Klimawandel und soziale Aspekte. So können wir auch die Welt verändern“, ist Dresrüsse überzeugt. Denn die Dörfer entwickeln nicht nur eigene Lösungen, sondern tragen ihr Wissen auch weiter, dienen als Beispiel für Nachahmer.

Schwimmende Gärten brauchen weniger Dünger und Pestizide

Für die schwimmenden Gärten werden Rohstoffe verwendet, die vor Ort vorhanden sind. Aus Hyazinthen werden Matten gewoben, die zu Flößen verbunden auf dem Wasser schwimmen. Wasserhyazinthen wachsen und wuchern in der Region extrem, müssen zum Teil aufwendig zurückgedrängt werden. In den schwimmenden Gärten finden sie eine nutzbringende Verwendung.

Bambusstäbe und Wasserhyazinthen werden zu einem Floß verflochten. Aus Schichten von Schlamm und Erde entstehen so fruchtbare Beete, die auf der Wasseroberfläche schwimmen.  Das schöne dabei: Die Aufbereitung des Ackers und des Floßes wird gemeinsam von Männern und Frauen geleistet. Auch das ist ein wichtiger Aspekt.

Die Pflanzen holen sich ihre Nährstoffe direkt aus dem Wasser, Dünger wird gar nicht oder viel weniger gebraucht. Weil es auf dem Wasser weniger Insekten und Schädlinge gibt, entfällt auch der Einsatz von Pestiziden. Einzig die Enten picken mitunter zu viel in den Gärten herum. Ein unschlagbarer Vorteil ist das gute Pflanzenwachstum: Die Erträge der schwimmenden Felder sind zehnmal höher als auf der gleichen Fläche an Land. Spinat, Okra, Kurkuma, Kartoffeln und Amarant gedeihen hervorragend.

Mittlerweile sind schwimmende Gärten weit verbreitet, auch weil der Anfang für die Bauern einfach ist. Nur wenige Ressourcen werden gebraucht, das Material ist vorhanden. „In der schweren Monsunzeit ist das eine wichtige Nahrungsquelle für viele Familien und immer öfter wird nicht nur für den Eigenbedarf angebaut, sondern die Produktion ausgeweitet, Setzlinge oder das Gemüse verkauft“, berichtet Dresrüsse.

Abschied von der Monokultur

Auch in Indien und Bangladesch gab es in den 60-er Jahren einen Wandel hin zur Monokultur, der heute viele negative Folgen zeigt. In Bangladesch beispielsweise wird auf einem Großteil der Felder Reis angebaut. Viele Pestizide werden in großen Mengen und unkontrolliert eingesetzt, was wiederum Auswirkungen auf die Ökosysteme hat. Oft haben die Kleinbauern nur zwei, drei Hektar Land. Mit den Monokulturen sind sie stark abhängig von schwankenden Marktpreisen, müssen Samen und Pestizide kaufen und haben mitunter selbst kaum etwas zu essen. Für Dresrüsse sind schwimmende Gärte einer von vielen erfolgreichen Wegen, die die Landwirtschaft beschreiten kann.

Er sieht aber auch mit Sorge auf die Gebiete im Süden Bangladeschs. Dort drückt der steigende Meeresspiegel das Süßwasser der Flüsse zurück ins Land. Schwimmende Gärten in Küstennähe müssen deshalb immer öfter aufgegeben werden, weil das Wasser zu salzhaltig ist. pf


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