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Armut fördert Umweltschutz?

Um Ihr Einkommen aufzustocken sind immer mehr Menschen darauf angewiesen zusätzliche Einnahmen zu generieren, zum Beispiel durch das Sammeln von Pfandflaschen (Foto: <a href="https://flic.kr/p/4PPAJS" target="_blank">SPNR / flickr.com</a>, <a href="https
Um Ihr Einkommen aufzustocken sind immer mehr Menschen darauf angewiesen zusätzliche Einnahmen zu generieren, zum Beispiel durch das Sammeln von Pfandflaschen (Foto: SPNR / flickr.com, CC BY 2.0)

Ökostrom aus der Steckdose, Eier vom Bio-Bauern, sorgfältig getrennter Müll. Die Umwelt ist gerettet – und die Flugreise lässt sich mit guten Gewissen antreten. Und die Bio-Eier werden im hybriden SUV nach Hause geschaukelt, wo 200 qm Wohnfläche warten, natürlich Pellet beheizt. Was geht da schief?

14.09.2016 – Die Antwort gibt eine aktuelle Studie, die das Umweltbundesamt (UBA) in Auftrag gegeben hatte: „Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen – auch wenn die Menschen sich ansonsten im Alltag umweltbewusst verhalten“, erläutert UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Doch gerade diese „Big Points“ würden die Ökobilanz der Bürger am stärksten beeinflussen. „Der Kauf von Bio-Lebensmitteln oder eine gute Mülltrennung wiegen das nicht auf“, so Krautzberger. Bringt also Umweltbewusstsein nichts für die Umwelt?

Die Grundlage für die Untersuchung waren sechs soziale Millieus:

• Traditionelle Millieus: Sie umfassen höhere Altersgruppen (oft über 70 Jahre alt und im Ruhestand) mit unterschiedlichem Bildungsniveau und Einkommen. Diese Menschen wünschen sich Stabilität, Sicherheit und Ordnung. Lebensmotto: „Hoffentlich bleibt alles so, wie es ist.“

• Gehobene Milieus: Das sind mittlere und höhere Altersgruppen (40 bis 70 Jahre), die über eine höhere Bildung und größere Einkommen verfügen. Diese Menschen sind leistungs- und erfolgsorientiert, ihre Maßstäbe heißen „Machbarkeit“ und „wirtschaftliche Effizienz“. Lebensmotto: „Auf das Erreichte stolz sein und es genießen.“

• Kritisch-kreative Milieus: Zu diesem Personenkreis zählen unterschiedliche Altersgruppen, die eine mittlere oder höhere formale Bildung haben. Das Einkommen kann eine sehr unterschiedliche Höhe erreichen. Diese Menschen gelten als aufgeklärt, weltoffen, tolerant und engagiert; sie gehen vielfältigen intellektuellen und kulturellen Interessen nach. Lebensmotto: “Die Dinge kritisch hinterfragen; verantwortlich und sinnvoll leben.“

• Bürgerlicher Mainstream: In ihm finden sich mittlere und höhere Altersgruppen (40 bis 70 Jahre) wieder. Eine mittlere formale Bildung herrscht vor, genauso wie ein mittleres Einkommen. Diese Menschen erleben sich als „Mitte der Gesellschaft“, ihr Leben prägt ein starkes Gemeinschaftsgefühl, verbunden mit einem deutlichen Preis-Leistungsbewusstsein. Es treten aber auch zunehmende Ängste vor einem sozialen Abstieg auf. Lebensmotto: „Dazugehören, integriert sein.“

• Einfache, prekäre Milieus: Hier sind wieder alle Altersgruppen vertreten, die eine niedrige formale Bildung und geringe Einkommen aufweisen. Ihre Teilhabe am Konsum und sozialen Leben ist stark eingeschränkt. Lebensmotto: „Über die Runden kommen, nicht negativ auffallen.“

• Junge Milieus: Das Alter in dieser Gruppe liegt unter 30 Jahren, ihre Mitglieder befinden sich oft noch in Ausbildung und sind von den Eltern abhängig. Als „Digital Natives“ sind sie mit neuen Technologien aufgewachsen, nehmen aber ihre Zukunft als unsicher und eigentlich nicht planbar wahr. Die Familie ist ein wichtiger Ruhepol. Lebensmotto: „Seinen Platz finden.“

Viel Geld – hoher Energieverbrauch

Um die Umwelteinstellungen dieser Milieus zu charakterisieren, wurden verschiedene Aspekte gebündelt: die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln oder Kleidern mit Öko-Siegel, die Ausstattung mit energieeffizienten Geräten und Leuchtmitteln, der Bezug von Öko-Strom oder der Vorsatz, Energie und andere Ressourcen einzusparen. Aus diesen Größen ermittelten die Wissenschaftler ein Durchschnittswert für alle Milieus – und stellten dann Abweichungen nach oben und unten fest, die sich bei den einzelnen Milieus messen ließen.

Darauf untersuchten die Wissenschaftler, wie hoch in diesen Milieus der Energieverbrauch ist – und vor allem, wie er mit Einkommen und Bildungsniveau zusammenhängt. Das Ergebnis: Je größer die Einkommen, desto höher der Verbrauch von Energie. „Das betrifft insbesondere die Bereiche Heizung, Kühlen/ Gefrieren, Kochen und Geschirrspülen, Beleuchtung, Alltagsmobilität sowie Urlaubsreise“, schreiben die Autoren der Studie. Und die Bildung? Auch sie hatte einen deutlichen Einfluss, aber anders als zu erwarten war: „Der Gesamtenergieverbrauch steigt auch deutlich mit dem Bildungsabschluss“, stellt die Studie fest.

Wie passt das alles zusammen?

Zuerst ergibt sich dieses Bild: Die kritisch-kreativen, gehobenen und traditionellen Milieus weisen „überdurchschnittlich weit verbreitete positive Umwelteinstellungen“ auf. Sie äußern die stärker ausgeprägte Absicht, den Verbrauch von Ressourcen zu senken. Auch sind überdurchschnittlich viele Menschen aus diesen Schichten der Meinung, bereits heute sparsam mit Ressourcen umzugehen.

Dafür lassen sich Ansätze erkennen: „Die Anteile der Ökostrom-Bezieherinnen und -Bezieher und derer, die Bio-Lebensmittel bevorzugen und/oder sich beim Kauf von Kleidung an ökologischen Standards orientieren, sind deutlich größer als in den anderen Milieus. Auch sind effiziente Geräte und Leuchtmittel in diesen Milieus weiter verbreitet als im Durchschnitt“, so die Wissenschaftler.

Einkommen schlägt Umweltbewusstsein

Wo ist der Haken? Selbst in kreativ-kritischen und gehobenen Milieus gibt es einfach zu wenige Menschen, die sich an „Energieeffizienz und Umweltschonung“ orientieren. Die Folge: „Die Einspareffekte reichen bei weitem nicht, um den vor allem in den gehobenen Milieus weit über dem Durchschnitt liegenden Verbrauch energetischer und stofflicher Ressourcen aufzufangen“, heißt es in der Studie. Einkommen schlägt Umweltbewusstsein – und treibt den Energieverbrauch nach oben.

Anders die Situation in den traditionellen Milieus: „Sparsamkeit ist tatsächlich ein hoher Wert in diesem Milieusegment“, halten die Wissenschaftler fest. Mit positiven Konsequenzen: Der Verbrauch energetischer und stofflicher Ressourcen liegt deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt – obwohl effiziente Geräte und Leuchtmittel wenig verbreitet sind, und nur eine sehr kleine Gruppe Ökostrom bezieht (Indikatoren für positive „Umwelteinstellungen“).

Wer schont aber wirklich die Umwelt?

Die Antwort fällt ernüchternd aus: Angehörige der einfachen, prekären Milieus verbrauchen im Vergleich die wenigsten Ressourcen. Und das, obwohl positive Einstellungen zur Umwelt „weit unter dem Durchschnitt“ zu finden sind. Nur wenige wollen Energie und andere Ressourcen einsparen; Bio-Lebensmittel und Kleidung mit Öko-Siegel spielen keine Rolle; energieeffiziente Geräte und Leuchtmittel werden kaum genutzt, und die Bezieher von Ökostrom sind in diesen Milieus am wenigsten vertreten. Fazit der Studie zum prekären Milieu: „Letztlich führt aber wohl der Mangel an finanziellen Mitteln zu einem ungewollt ressourcensparenden Lebensstil.“ Armut fördert Umweltschutz. Ingo Leipner

Frank am 04.01.2017

Wie kann man bitte von ungewollt ressourcensparend schreiben?

Die arme Schicht hat schlicht keine andere Wahl. Ökosiegel, energieeffiziente Geräte kosten nunmal auch mehr Geld.

Warum sollte sich diese Schicht um etwas kümmern, was sie nicht ändern können?

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