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Europas strahlendes ErbeAtommüll gammelt in unsicheren Zwischenlagern

Demo-Aktion: Ein Atommüll-Fass (eine Attrappe) auf einem Fahrradgepäckträger
Mindestens haltbar bis 18.09.202010: Leider kein Witz. Unser strahlendes Erbe bleibt uns noch viele Generationen erhalten. Aktion auf einer Anti-Atom-Demo in Berlin. (Foto: Christopher Bulle / Flickr / CC BY 2.0)

Zeitbombe Atommüll: Der World Nuclear Waste Report warnt vor Sicherheitsrisiken. In Europa ist hoch radioaktiver Abfall in Zwischenlagern deponiert, die nicht für eine dauerhafte Aufbewahrung geeignet sind. Doch sichere Endlager sind nicht in Sicht.

15.11.2019 – Die Endlagerung von hochradioaktivem Atommüll stellt Regierungen weltweit vor immense Herausforderungen. Während die Atommüll-Berge weltweit wachsen und in Deutschland der Atomausstieg längst beschlossen ist, hat Europa immer noch nicht genug von der Atomkraft: Es werden weiterhin Atomkraftwerke geplant und gebaut. Dabei hat rund 70 Jahre nach Beginn des Atomzeitalters kein Land der Erde eine nachhaltige Lösung für das strahlende Erbe der Atomkraft gefunden.

Der Nuclear Waste Report 2019 für den europäischen Raum zeichnet eine verstrahlte Zukunft: Demnach lagern Zehntausende Tonnen abgebrannter Brennstäbe in Zwischenlagern, die nicht für eine dauerhafte Aufbewahrung ausgelegt sind. Der aktuell erschienene Bericht gibt einen Überblick über unser verstrahltes Erbe mit seinen technischen, logistischen sowie finanziellen Risiken.

Die Autoren des Berichts warnen vor einem hohen Sicherheitsrisiko für Mensch und Umwelt. Es geht um 60.000 Brennstäbe allein in Europa, die Slowakei und Russland sind noch nicht einmal in die Rechnung mit einbezogen. Frankreich mit seinen 58 Atomreaktoren ist mit 25 Prozent des hoch radioaktiven Abfalls Spitzenreiter in der EU, in Deutschland fallen 15 Prozent an. Der verbrauchte Brennstoff macht laut Aussage der Studienautoren zwar nur einen geringeren Teil des Atommülls aus, sei aber aufgrund seiner hohen sowie langlebigen Radioaktivität und der Hitzeentwicklung besonders problematisch. Dazu kämen 2,5 Millionen Kubikmeter an leicht- bis mittelradioaktiv verstrahltem Abfall. Mit dem Abbau alter Kernkraftwerke dürften europaweit weitere 1,4 Millionen Kubikmeter anfallen.

Das Problem zu verdrängen ist hochgefährlich

Wohin damit? Atommüll-Endlager sind nicht in Sicht. Das einzige und erste seiner Art befindet sich in Finnland und wird in den nächsten fünf Jahren bestückt. Deshalb werden die hochradioaktiven Abfälle in Zwischenlager gebracht und damit in die Zukunft abgeschoben, warnt Marcos Buser, einer der Autoren des Berichts – „in einer Art und Weise, die wirklich gefährlich ist.“

Im Gegensatz zu Deutschland, wo 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz genommen werden sollen, bleibt etlichen europäischen Ländern die Atomkraft noch lange erhalten. In Russland, Frankreich oder Finnland werden neue Reaktoren projektiert oder Laufzeiten alter Meiler verlängert, etwa in der Schweiz oder auch in Schweden.

In Deutschland beginnt der Suchprozess nach einem Endlager gerade wieder von vorn. Vor der Jahrhundertwende rechnet wohl niemand mit einem Ergebnis für ein geeignetes Endlager. Doch so viel Zeit bleibt eigentlich nicht. Denn die auf Zeit gebauten Zwischenlager stoßen bald an ihre Kapazitätsgrenzen. Zudem zeigt sich in Deutschland bereits, dass viel mehr radioaktiver Müll als prognostiziert entsorgt werden muss.

Die Abschiebung von Atommüll in andere Länder und schwer zugängliche Regionen ist daher beliebt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis in die 1980er-Jahre, versenkten europäische Staaten Fässer mit Atommüll im Atlantik und Ärmelkanal. Nach offiziellen Angaben enthalten sie schwach- bis mittelradioaktiven Abfall aus der Atomindustrie, Experten vermuten dabei auch hochradioaktiven Müll. Die Fässer lassen sich nie mehr bergen, viele davon sind verrostet und geben den radioaktiven Inhalt in die Meere. Auch in Deutschland rosten Atommüll-Fässer vor sich hin. Im Bundesland NRW lagern auf dem Gelände der Urananreicherungsanlage Gronau Fässer mit abgereichertem hochgiftigen Uranhexafluorid unter freiem Himmel. Die sollen jetzt nach Russland abgeschoben werden.

Wirtschaftlich unsinnig

Die Regierungen der EU-Mitgliedsaaten gehen unterschiedliche Strategien, um das Problem Atommüll in den Griff zu bekommen. Das betrifft die Suche nach einem Endlager, die Klassifizierung der strahlenden Abfälle, auch die Festlegung von Sicherheitsstandards ist unterschiedlich. Das erschwert die Bewertung.

Die Kosten für die Stilllegung, Lagerung und Entsorgung von Atommüll werden von den nationalen Regierungen meist unterschätzt, warnt der Bericht. Unkalkulierbare Risiken könnten zu großen Kostensteigerungen führen. Zudem werde das Verursacherprinzip häufig nicht konsequent von den Regierungen angewendet – obwohl es gesetzlich verankert ist. So blieben massive Kosten am Steuerzahler hängen. Auch die deutsche Bundesregierung macht es den AKW-Betreibern einfach. Die Konzerne erhalten nicht nur eine Entschädigung für den Atomausstieg, sie werden auch ihren Müll billig los.

Energiewende beschleunigen

Europas Atommüllproblem mache einmal mehr deutlich, so ein Fazit der Studienautoren, dass die Energiewende schnell vorangetrieben werden müsse – mit einem zügigen Ausbau Erneuerbarer Energien, die die fossilen Energieträger ersetzen und auch Atomkraft überflüssig machen. na