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Atommüll-EndlagerFinnland hält Atomkraft jetzt für Klimaschutz

Atomkraftwerk Olkiluoto im Südwesten Finnlands
Atomkraftwerk Olkiluoto im Südwesten Finnlands: Nebenan soll in fünf Jahren im weltweit ersten atomaren Endlager für hochradioaktiven Abfall. mit der Einlagerung ausgedienter Brennstäbe begonnen werden. (Foto: Hannu Huovila / TVO /Wikimedia Commons / CC BY 3.0)

Nachdem die Finnen ihr Atommüll-Problem mit einem „sicheren“ Endlager für gelöst halten, steigt die Zustimmung zur Kernenergie. Sogar manche Grünen-Politiker sehen in der Atomkraft einen unvermeidbaren Baustein im Kampf gegen die Klimakrise.

24.10.2019 – Wohin mit dem Atommüll? Diese Frage stellt sich seit Jahrzehnten und wird immer dringlicher. Während die Generation Anti-Atom-Kraft in die Jahre kommt und nun den jungen Klimaaktivisten Rückendeckung gibt, nutzt die Atomlobby ihre Chance und schiebt Klimaschützern, die sich explizit auf die Wissenschaft berufen, pseudowissenschaftliche Argumentationen unter, um die scheinbare Notwendigkeit von Atomkraft zu untermauern.

Neben Sicherheitsrisiken und Umweltbelastung gilt die ungeklärte Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle als eine der großen Schwächen der Atomenergie. In Finnland wird ein seit Millionen Jahren stabiler Felsuntergrund nun zum atomaren Endlager: auf der Halbinsel Olkiluoto im Südwesten Finnlands, wo auch das Atomkraftwerk steht. 6.500 Tonnen Atommüll können dann rund 400 Meter unter der Erde deponiert werden.

2016 begannen die ersten Bohrungen, in fünf Jahren sollen Container mit den ersten eingelagerten Brandstäben in dicken Stahl- und Kupferschichten verpackt ihre ewige Ruhe finden. Der Felsuntergrund sei weit mehr als 100 Millionen Jahren stabil, sagen Experten, da werde sich auch in naher Zukunft nichts bewegen. Die Diskussion um Atommüll hält Finnland damit für beendet. Atomkraft spiele eine immer noch wichtige Rolle vor dem Hintergrund der Klimadebatte, sagt die finnische Regierung. Neue Reaktoren sind geplant.

CO2-Reduktion versprochen – Regierung unter Zugzwang

Erstes Atommüll-Endlager, leistungsstärkstes Atomkraftwerk, erstes klimaneutrales Land – Finnland sucht nach Superlativen. 2035 soll das Land klimaneutral sein, das hat die Regierung angekündigt und sieht damit bei der Fridays-for-Future-Bewegung als auch im politischen europäischen Kontext erstmal gut aus. Finnland muss daher CO2 reduzieren und zwar schnell, denn das Land will die erste Industrienation werden, die frei ist von fossilen Energien. Doch der Anteil von Öl am Gesamtenergieverbrauch Finnlands betrug 2018 noch 22 Prozent, Kohle kam auf 8 Prozent, Gas und Torf auf jeweils 5. Diese 40 Prozent seines Energieverbrauchs müsste Finnland also bis 2035 ersetzen oder ausgleichen.

Da gibt es einmal die Wälder, sie dienen als CO2-Senke, zudem kann Holz als klimaneutraler Brennstoff eingesetzt werden – das wiederum allerdings häufig zulasten der Ökosysteme. Ideen gibt es auch im urbanen Raum, im Stadtviertel Kalasatama von Helsinki wird der Weg zur Klimaneutralität schon beschritten. Strom und Wärme werden aus Solarenergie und Erdwärmepumpen gewonnen. Unter der Innenstadt von Helsinki befindet sich das Kraftwerk Esplanade, in dem Seewasser für Kühlsysteme verwendet und anfallende Prozess-Abwärme genutzt wird, um damit sowohl Fernwärme als auch Fernkälte mittels Wärmepumpen bzw. Kältemaschinen zu erzeugen. Windenergie spielt im nationalen Energiemix Finnlands dagegen kaum eine Rolle.

Versprechen der Klimaneutralität bis 2035 macht Atomenergie attraktiver

15 Prozent des finnischen Stroms stammt aus Atomkraft. Da liegt die Atomenergie als vermeintlicher Klimaretter nahe, denn damit lässt sich auf der CO2-Rechnung viel einsparen. Man brauche die Atomenergie, denn Industrie und die langen Winter fressen viel Strom, so das Argument der Politik. Man wolle nicht abhängig von Energieimporten sein.

Selbst einige Grünen-Politiker in Finnland befürworten den verstrahlten Weg, manche bezeichnen die Atomkraft als „grüne Energie“. Bei der Energiegewinnung aus Erneuerbaren Energien sehen viele Politiker keine Technologie in Sicht, die das Problem der Energiespeicherung lösen könnte. Die meisten Finnen seien mit der radioaktiven Form der Stromgewinnung einverstanden, 70 Prozent der finnischen Bevölkerung sind laut Umfragen für die Nutzung der Kernenergie. Neue Reaktoren sind im Land geplant: Der dritte Reaktor des AKW Olkiluoto soll bereits nächstes Jahr ans Netz gehen und auch noch der leistungsstärkste der Welt werden.

Doch wer einmal über den Tellerrand der Atomkraft schaut, muss nicht nur die damit verbundenen Sicherheitsrisiken, verheerende Umweltzerstörung – die auch Generationen in 10.000 Jahren noch zu tragen haben – sehen, sondern auch eine Technik, die nicht mehr rentabel ist und in Zeiten des Klimawandels zu einem Hochsicherheitsrisiko wird sowie den Teufelskreis Klimaerwärmung mit vorantreibt – und nicht etwa zu dessen Lösung beiträgt. Finnlands Klimaschützer sollten sich nicht vor den Karren der Atomlobby spannen lassen. na