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Ukraine-KriegUkraine ans Europäische Stromnetz angeschlossen

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Europa sichert die Stromversorgung in der Ukraine. (Bild: blickpixel / pixabay)

Die Europäische Union hat die Ukraine kurzfristig an das Europäische Stromnetz angeschlossen. Die Sicherung der Stromversorgung ist auch ein politisches Zeichen der Solidarität. Technisch könnte die Notsynchronisation für Europa auch Risiken bergen.

21.03.2022 – Am vergangenen Mittwoch hat der europäische Verband für die Zusammenarbeit der Übertragungsnetzbetreiber für Strom Entso-e die Ukraine an das Europäische Stromnetz angeschlossen. Ziel der Europäischen Union ist, die Energieversorgung in der Ukraine zu sichern. Politisch setzt die EU ein klares Zeichen der Solidarität mit der Ukraine. Allerdings birgt die Notsynchronisation auch Risiken für das Europäische Netz.

Stromnetze synchronisieren

Der Anschluss von Ukraine und Moldawien an das kontinentaleuropäische Netz war bereits seit längerer Zeit geplant, allerdings sollte die Synchronisierung erst 2023 erfolgen. Entso-e prüfte seit 2017 die Voraussetzungen und Kompatibilität des ukrainischen Stromnetzes mit dem der EU. So waren eine Reihe notwendiger Maßnahmen zur Synchronisierung der Stromnetze bereits umgesetzt und ein Notanschluss letztendlich möglich.

Bis dahin befand sich die Stromversorgung der Ukraine in einem Inselbetrieb und war mit keinem Hauptnetz verbunden. Zuvor war die Ukraine regulär mit dem russischen Verbundsnetz synchronisiert. Für einen Netztest koppelte sich die Ukraine am 24. Februar von den Netzen Russland, Belarus und der EU ab. An gleichen Tag marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Der autonome Betrieb des ukrainischen Stromnetzes sollte zwei Tage dauern, wurde durch den Krieg jedoch notwendigerweise aufrechterhalten.

Das nationale Energieunternehmen der Ukraine, Ukrenergo, gibt an, dass die Kraftwerksblöcke ukrainischer Kernkraftwerke, Wärmekraftwerke, Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und Wasserkraftwerke bereits in den Vorjahren getestet und Modelle zur Synchronisation der Netze erstellt wurden. Noch nicht umgesetzte technische Anpassungen würden nachgeholt, sobald dies möglich sei. Bis dahin habe Entso-e alternative Lösungen zu einer regulären Synchronisierung der Stromnetze gefunden. Entso-e erklärte, es seien Maßnahmen ergriffen worden, um die betrieblichen Risiken so weit wie möglich zu begrenzen. Eine durchgehende Überwachung der Situation und Entwicklung der Lage in der Ukraine seien vorgesehen und geeignete Schritte geplant. Einzelheiten zu den Maßnahmen und alternativen Lösungen könnten aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden.

Versorgung sichern

Die Aufnahme der Ukraine in das Europäische Verbundnetz ist auch politisch ein bedeutender Schritt, der das Land stärker an die EU bindet. Anfang März unterzeichnete die ukrainische Regierung einen Beitrittsgesuch zur Aufnahme in die Europäische Union. Die Europäische Kommission ermöglichte die Notsynchronisierung auf Antrag der Ukraine auf einem Sonder-Energieministerrat in Brüssel am 28. Februar. Vor dem Hintergrund des russischen Kriegs gegen die Ukraine einigten sich die Mitgliedstaaten auf den Anschluss. Seitdem arbeitete Entso-e an der technischen Umsetzung.

"Dies ist ein historisches Ereignis, das heute mehr als nur eine Garantie für die Entwicklung des ukrainischen und europäischen Energiesektors ist. Nach dem Krieg wird diese Synchronisierung sowohl der Ukraine als auch Europa weitreichende Möglichkeiten eröffnen, den Strommarkt zu entwickeln, auf erneuerbare Energiequellen umzusteigen und die Energiesicherheit Europas zu stärken", sagte Volodymyr Kudrytskyi, Vorstandsvorsitzender von Ukrenergo. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf Twitter, „Ich begrüße den wichtigen Schritt, der heute unternommen wurde, damit in diesen dunklen Zeiten das Licht brennt und die Häuser warm bleiben“.

Der nun umgesetzte Notanschluss ermöglicht ausschließlich Stromlieferungen, um das ukrainische Netz auch dann stabil zu halten, wenn Kraftwerke oder systemkritische Infrastruktur beschädigt werden. Ein Stromhandel findet zurzeit nicht statt. Die Synchronisierung des ukrainischen Stromnetzes mit dem kontinentaleuropäischen Netz sei eine strategische Initiative zur Stärkung der Energieunabhängigkeit und Sicherung der Energieversorgung sowie ein starker Ausdruck der Solidarität in diesen schweren Zeiten, sagte eine Kommissionssprecherin. Auswirkungen auf das Europäische Stromnetz könnten nicht ausgeschlossen werden.

Die Gefahr von Stromausfällen eindämmen

Der Notanschluss stellt eine erhebliche technische Herausforderung dar, die sich auch auf Europas Stromnetz auswirken könnte. Neben technischen Schwierigkeiten könnte das Ausmaß benötigter Strommengen und die Netzsicherheit zum Problem werden. Die Ukraine erzeugt über die Hälfte ihres Stroms mit Atomenergie. Das ukrainische AKW Saporischschja und die Atomruine Tschernobyl gehörten zu den ersten Angriffszielen russischer Truppen. Der Stromverbrauch ist zwar nach Angaben der Ukraine seit Beginn des Krieges zurückgegangen. Bräche die stabile Grundlast von Saporischschja weg, müssten trotzdem etwa 30 Millionen zusätzliche Verbraucher mit Strom versorgt werden. Potenziell könnten Stromausfälle auch auf Europa übergreifen. Es bestehe ein hohes Ansteckungspotenzial für das gesamte synchrone Netz, so Experten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu ebendiesem Thema in einer Studie von Ende letzten Jahres.

Eine Störung des ukrainischen Stromsystems mit weitreichenden Blackouts wurde in den vergangenen Wochen zunehmend wahrscheinlicher. Russische Truppen griffen nach der Einnahme von Europas größtem Atomkraftwerk  weiter gezielt die Strominfrastruktur an. Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte im Februar in Brüssel zudem gefordert, dass die Cybersicherheit der Netzsynchronisation geprüft werden müsse. Russland hatte bereits 2015 und 2017 gezielt und erfolgreich das ukrainische Stromnetz mit Schadprogrammen angegriffen. Seit dem russischen Einmarsch meldet die Ukraine zudem vermehrt Cyberattacken. Durch die Kontrolle über das AKW Saporischschja haben russische Truppe nun auch entsprechenden Zugriff vor Ort. Austrian Power Grid (APG) bestätigte eine umfassende Prüfung der Risiken und der Cybersicherheit. Dem Betreiber zufolge können die Stromsysteme umgehend entkoppelt werden, falls es zu großen negativen Rückwirkungen kommen sollte. Julia Broich

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