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Energiewende weltweit100 Prozent Erneuerbare Energien bis 2050 sind möglich

Wind- und Solarpark
Schöne, neue Energiewelt: 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung bis 2050 ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig für Mensch und Umwelt. (Foto: pxhere / CC0 1.0)

Eine Energieversorgung mit 100 Prozent Erneuerbaren weltweit wäre bis 2050 möglich und zudem noch kostengünstiger als unser derzeitiges Energiesystem – so das Fazit einer sektorenübergreifenden stundenscharfen Simulation des globalen Energiesystems.

19.04.2019 – Die Energiewende in Deutschland wird schon seit Jahren politisch ausgebremst. Bis 2050 sollten Erneuerbare Energien 80 Prozent unserer Stromversorgung decken – da wäre mehr möglich, sagen Experten, und haben das nun in einer aktuellen Studie verdeutlicht. Es ist nicht die erste Untersuchung zu dem komplexen Thema, doch der Umfang der gesammelten Daten ist beachtlich: Viereinhalb Jahre lang haben die Forscher der Technischen Universität Lappeenranta (LUT) in Finnland gemeinsam mit dem deutschen Umweltnetzwerk Energy Watch Group daran gearbeitet. Die Modellierungsstudie simuliert eine vollständige weltweite Energiewende in den Bereichen Strom, Wärme, Verkehr und Meerwasserentsalzung bis 2050. Dabei unterteilten die Forscher die Erde in 145 Regionen und verglichen sowohl Wind- und Wetterverhältnisse als auch Standortdaten zu Infrastruktur sowie Wasservorkommen. Das Besondere: Sie nutzten keine Jahresdurchschnittswerte, sondern stundengenaue Wetterdaten eines Jahres. So wurde deutlich, wann bspw. Engpässe entstehen und wie man diese schnell ausgleichen kann.

Pariser Ziele könnten beschleunigt werden

Fazit der Wissenschaftler: Bis spätestens 2050 sei es möglich, die gesamte Energie zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen zu gewinnen – und zwar weltweit. Die Energiesicherheit bliebe dabei gewährleistet. Die Wende hin zu 100 Prozent Erneuerbaren Energien wäre mit dem heutigen, konventionellen fossil-nuklearen System wirtschaftlich Es wird gezeigt, dass die ganze Welt auf ein emissionsfreies Energiesystem umstellen kannkonkurrenzfähig, die Treibhausgasemissionen im Energiesystem könnten sogar noch vor 2050 auf null reduziert werden. „Es wird gezeigt, dass die ganze Welt auf ein emissionsfreies Energiesystem umstellen kann“, kommentiert Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group, die Ergebnisse. „Deshalb können und sollten alle politischen Kräfte weltweit viel mehr für den Klimaschutz tun als derzeit anvisiert.“ Dank des Modells und der umfangreichen Datenbasis könnten EWG und LUT nun auch nationale Pläne für den Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare Energien entwickeln, die exakt auf den jeweiligen Kontext der einzelnen Länder zugeschnitten sind. „Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass in allen Ländern die aktuellen Ziele des Pariser Klimaabkommens beschleunigt werden können und sollten", sagte Christian Breyer, Professor für Solarwirtschaft an der finnischen Universität LUT. Eine Wende hin zu 100 Prozent sauberen, Erneuerbaren Energien sei mit den heute verfügbaren Technologien realistisch.

Fridays for Future fordern Wende bis 2035

Die Studienergebnisse unterstützen die Forderungen der Fridays for Future und der Scientists for Future an die Bundesregierung. Sie fordern Maßnahmen, um bereits bis 2035 das globale Energiesystem auf 100 Prozent Erneuerbare Energien umzustellen und vollständig auf fossile Energien in allen Sektoren zu verzichten. Mit der Umsetzung starker politischer Rahmenbedingungen, bestätigt nun der Bericht, wäre eine Wende hin zu 100 Prozent Erneuerbaren Energien bereits vor 2050 möglich. Die dazu notwendigen Maßnahmen sind der Politik und Wirtschaft keineswegs neu – nur werden sie nicht umgesetzt: Die Förderung von Sektorenkopplung und privaten Investitionen, die im Idealfall durch feste Einspeisevergütungen angereizt werden, Steuerboni in verschiedenen Sektoren und rechtliche Privilegien bei gleichzeitiger Einstellung von Subventionen für Kohle und fossile Brennstoffe könnten die Energiewende wieder in Fahrt bringen.

Blackout bleibt aus

Kritiker und Verhinderer der Energiewende mit einem 100-prozentigen Umstieg auf Erneuerbare warnen unermüdlich davor, dass damit die Energiesicherheit nicht mehr gewährleistet sei und zitieren immer wieder gerne die Gefahr eines Blackouts: Ohne fossile Energieträger wie Kohle und Gas oder Atomenergie würden wir vor allem an Tagen ohne Sonne und Wind im Dunkeln sitzen.

Wie der Energiemix aussehen könnte ohne die Rund-um-die-Uhr-Energieversorgung zu gefährden hat indes ein Hochleistungscomputer errechnet. Die Ergebnisse machen deutlich, welcher Energiemix in der jeweiligen Region zum Erfolg führt. In Deutschland etwa könnte der Großteil der Energie aus Wind- und Solarenergie gewonnen werden, der Rest aus Wasserkraft, Biomasse und Geothermie.

Die Umstellung auf 100 Prozent Erneuerbare Energien macht laut Studie eine umfassende Elektrifizierung in allen Energiesektoren notwendig. Die gesamte Stromerzeugung würde dann das Vier- bis Fünffache der Stromerzeugung von 2015 ausmachen, der Stromverbrauch im Jahr 2050 über 90 Prozent des Primärenergiebedarfs betragen. Wind- und Solarenergie stellten laut dieser Rechnung bis 2050 rund 96 Prozent der gesamten Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien, die nahezu ausschließlich aus dezentraler lokaler und regionaler Erzeugung stammen. Um die fluktuierende Wind- und Sonnenenergie zu speichern, werden laut Studie synthetische Kraftstoffe zunehmend eine Rolle spielen, etwa Wasserstoff.

Nachhaltig wirtschaftlich

Den Aspekt der Wirtschaftlichkeit haben die Forscher in ihrer Studie mitberechnet. Kritiker der Energiewende und Bestandswahrer sprechen von hohen Kosten und Verlust von Arbeitsplätzen beim Umstieg von Kohlekraft auf Erneuerbare Energien oder vom Verbrennungsmotor auf Elektroantriebe. Die Forscher widerlegen das anhand von Zahlen: Die Anfangsinvestitionen wären zwar hoch, man rechne mit über 67.000 Milliarden Euro weltweit. Bis 2050 gerechnet würden die Kosten dann aber sinken. Die Energiekosten für ein vollständig nachhaltiges Energiesystem sinken dabei laut Studie von ca. 54 Euro/MWh im Jahr 2015 auf 53 Euro/MWh im Jahr 2050. Noch gar nicht einberechnet sind die nachhaltigen Folgeschäden für Mensch, Natur und Umwelt, wenn weiterhin fossil gefördert und verbrannt wird.

In der Übergangsphase von der fossilen Energieversorgung hin zur erneuerbaren müsse man auch mit unerwarteten Kosten rechnen, das gelte vor allem für die Industrieländer, sagen Ökonomen. Der deutsche Atomausstieg ist auch deshalb teuer, weil Interessengruppen – große Energiekonzerne, die jahrzehntelang Spitzengewinne eingefahren haben – jetzt Entschädigung verlangen und ausgekauft werden müssen; das gleiche Spiel beim Kohleaussteig. Hier geht es nicht vornehmlich um die wegfallenden Arbeitsplätze, sondern um Profitmaximierung der Konzerne.

Ein zu 100 Prozent erneuerbares Stromsystem könnte weltweit 35 Millionen Menschen beschäftigen, schätzen die Forscher. Die rund 9 Millionen Arbeitsplätze im weltweiten Kohlebergbau aus dem Jahr 2015 würden bis 2050 komplett eingestellt und durch mehr als 15 Millionen neue Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbare-Energien-Branche kompensiert. Die Arbeitsplätze im Stromsektor würden sogar wachsen, weltweit bis 2050 um 15 Millionen Stellen.

Energiewende muss wieder auf den Verhandlungstisch

Die Studie mache schließlich deutlich, so die Wissenschaftler, dass eine vollständige Energiewende machbar und sogar wirtschaftlich rentabel ist – jetzt kommt es einzig und allein auf den politischen Willen an. Und der lässt zu wünschen übrig. Die Wissenschaftler haben ihre Studie denn auch den Fridays for Future-Demonstranten gewidmet – damit die Energiewende wieder auf den Verhandlungstisch kommt und das öffentliche Interesse und der Druck auf die Politik wächst. na