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Longship CCSDer norwegische Irrweg

Technologiezentrum Mongstad (TCM)
Das Technologiezentrum Mongstad (TCM) ist die weltweit größte Anlage zum Testen von Technologien zur CO2-Abscheidung und liegt an Norwegens Westküste. (Foto: Technology Centre Mongstad)

Wozu CO2-Emissionen reduzieren, wenn man sie auch einfach unterirdisch speichern kann? Genau das plant die norwegische Regierung im großen Stil und investiert jetzt Milliarden in die hochumstrittene CCS-Technologie. Warum das ein Irrweg ist.

08.10.2020 – Langschiffe wurden von den Wikingern hauptsächlich für militärische Zwecke verwendet. Sie waren schnell, ließen sich auch im flachen Gewässer fahren und passten selbst unter tiefe Brücken hindurch. „Longships“ gelten als Meilenstein für die Seefahrt – kann da das gleichnamige Projekt zur Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff (Carbon Capture and Storage, CCS) mithalten? Zumindest bezeichnet es Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg schon jetzt als einen „Meilenstein für die Industrie- und Klimabemühungen der Regierung“, das zu Emissionssenkungen führen werde.

Worum es beim Projekt „Longship“ geht: Ende September gab die norwegische Regierung bekannt, dass sie mit ihrem CCS-Projekt die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung als wichtige Maßnahme für den Klimaschutz etablieren wird. Dafür sollen 16,8 Milliarden Kronen (umgerechnet 1,55 Milliarden Euro) investiert und neben der Reduzierung von CO2-Emissionen auch neue Technologien entwickelt werden.

2.800 Meter unter dem Meeresboden

Begonnen wird mit der Abscheidung von Kohlenstoff zunächst in einer Zementfabrik im südnorwegischen Brevik. Anschließend will die Regierung eine Müllverbrennungsanlage in Oslo sowie das Transport- und Lagerprojekt „Northern Lights“ von Equinor, Shell und Total finanzieren. Dadurch soll das verflüssigte CO2 von den Auffanganlagen zu einem Terminal im Westen des Landes transportiert und mittels Rohrleitungen in ein leeres Erdgasreservoir mehr als 2.800 Meter unter dem Meeresboden gepumpt werden.

Abgesehen von den hohen Kosten, die unter anderem durch den enormen Energieaufwand für Kohlenstoffabscheidung, Transport und Speicherung entstehen, gehen laut dem Umweltbundesamt von der Technologie erhebliche Risiken für die menschliche Gesundheit und Umwelt aus. Sobald es bei der Speicherung zu Unfällen kommt, das CO2 also ungewollt entweicht, können Schäden entstehen.

Große Risiken für die Umwelt

Bei der Kohlenstoffspeicherung unter dem Meeresboden, wie Norwegen es plant, sind es vor allem Risiken für das Grundwasser und den Boden, die der Wissenschaft Kopfschmerzen bereiten. Kommt es erst einmal zu einem CO2-Leck, können Schadstoffe freigesetzt und das Grundwasser sowie die Böden verseucht werden.

Von oberirdischen Anlagen geht zugleich eine Gefahr für Flora, Fauna, Landschaft und die Biodiversität aus. Das Umweltbundesamt rät deshalb zu einer effektiven Überwachung – die derzeit jedoch technologisch nicht zur Verfügung stehe. Weitere Forschung sei deshalb unbedingt nötig.

Deutschland ist CCS nicht abgeneigt

Schon im Mai vergangenen Jahres hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Rede auf dem Petersberger Klimadialog erneut eine Diskussion über die Speicherung von Kohlenstoff in Schwung gebracht. Klimaneutralität bedeute nicht, dass gar keine Treibhausgasemissionen mehr ausgestoßen würden, so Merkel. Mann müsse schlichtweg auch „alternative Mechanismen“ finden, um diese zu speichern oder zu kompensieren.

Wenige Monate später äußerte sich auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier in seiner Industriestrategie 2030 zu dem Thema CCS. Demnach sei die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid in tief liegenden Gesteinsschichten „erforderlich“. Große europäische Offshore-Potenziale stünden zur Verfügung, wofür „entsprechende Kooperationen vor allem mit Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien erforderlich“ seien.

Wir warnen ausdrücklich davorDa Norwegen jetzt tatsächlich ernst macht und sein Carbon Capture and Storage-Projekt „Longship“ startet, könnte zukünftig auch deutsches CO2 aus der Industrie unter die Nordsee gepresst werden. „Wir warnen ausdrücklich davor, gefährliche, teure und unerprobte Technologien wie die Speicherung von CO2 unter der Erde als Klimaschutz zu betrachten“, sagt BUND-Chef Hubert Weiger. Die Sicherheit von unterirdischen Lagerstätten sei nicht ausreichend erforscht und die Klimaerwärmung könnte weiter angeheizt werden, sollten ungewollt große Mengen Kohlendioxid austreten.

Weniger ist mehr

„Je länger die Welt mit ambitionierten Maßnahmen zum Klimaschutz wartet, desto entscheidender wird die Bedeutung von CO2-Entnahme-Technologien für das 1,5-Grad-Ziel“, sagt Sabine Fuss vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), die als Leitautorin am IPCC-Sonderbericht mitgeschrieben hatte. Eine entschiedene und erheblich schnellere Einsparung von Treibhausgasemissionen könne jedoch die Abhängigkeit von diesen Technologien verringern.

Die Klimawissenschaftler vom MCC sind der Meinung, dass die CO2-Speicherung grundsätzlich angestrebt werden muss – aber eben so wenig wie möglich. Sie warnen deshalb, dass diese negativen Emissionen als eine Art Wunderwaffe im Kampf gegen die globale Erhitzung angesehen werden könnten. Sie sollten stattdessen nur mit Vorsicht in eine Gesamtstrategie eingebunden werden. jk


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