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Atomkraft – Nein Danke!Frankreichs ältester Atommeiler Fessenheim endgültig vom Netz

iniendiagramm zur Stromproduktion des AKW Fessenheim in den Jahren 1977 bis 2010.
Es ist vorbei – in Fessenheim wird kein Atomstrom mehr produziert. Liniendiagramm zur Stromproduktion des AKW Fessenheim in den Jahren 1977 bis 2010. (Foto: Hungchaka / Wikimedia Commons / CC0 1.0)

Nach einem jahrelangen, grenzüberschreitenden Streit ist Frankreichs ältestes Atomkraftwerk Fessenheim final stillgelegt. Der Rückbau wird noch lange dauern. Umweltschützer fordern nun auch die Abschaltung des maroden AKW Lingen, doch RWE blockiert.

02.07.2020 – An diesem Montag, eine Stunde vor Mitternacht, war es endlich soweit: Das älteste französische Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass ist für immer vom Netz gegangen – nach 43 Betriebsjahren. Deutsche und französische Atomkraftgegner, die seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten gegen die Atomkraft am Oberrhein kämpfen, trafen sich einige Stunden zuvor in Breisach am Rhein und feierten: Es war ein langer Kampf gegen den Energieerzeuger EDF, der das älteste und störanfällige AKW im Elsass betreibt und die französische Politik, die immer wieder die Abschaltung erfolgreich verzögert hatte.

Der Rückbau des AKW wird voraussichtlich um die 20 Jahre dauern. Bevor dieser überhaupt beginnt, werden die Brennelemente noch mindestens drei Jahre in Fessenheim lagern – erst dann sollen sie ins französische La Hague abtransportiert werden. Umweltschützer und Anwohner sind empört – denn bis dahin bestehe weiterhin die Gefahr, dass diese Brennelemente außer Kontrolle geraten könnten – zumal die Abklingbecken in Fessenheim schlecht gesichert seien, kritisieren die AKW-Gegner.

Atomkraft? – Nein Danke! – es geht weiter…

Trotz zahlreicher Proteste einer trinationalen Anti-Atombewegung am Oberrhein – Schweiz – Frankreich - Deutschland – ging das AKW Fessenheim 1977 in Betrieb. Immerhin konnte der Bau einiger weniger Atommeiler in den 1970er-Jahren von der Protestbewegung verhindert werden. Die Anti-Atomkraft-Bewegung erfuhr dann erst mit Tschernobyl 1986 und 2011 nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima wieder Auftrieb und auch das mittlerweile marode AKW Fessenheim geriet erneut ins Visier.

Nach langen Protesten und Störfällen versprach Frankreichs damals amtierender Präsident Francois Hollande im Jahr 2012, das AKW Fessenheim bis 2016 zu schließen. Doch dann knüpfte die Regierung die Stilllegung des einen an die Inbetriebnahme eines anderen Atomkraftwerks in der Normandie – doch das AKW Flamanville blieb eine desaströse Dauerbaustelle.

Präsident Emmanuel Macron hat nun die Abschaltung Fessenheims endgültig und ohne Bedingungen beschlossen. Der zu großen Teilen staatliche Energiekonzern EDF ist mächtig und hatte sich bis heute erfolgreich gegen die Schließung gewehrt. Die hohe finanzielle Entschädigung, die der Konzern nun kassiert, darf nun der Steuerzahler aufbringen.

Lingen muss auch vom Netz, RWE-Chef lehnt ab

Nach der AKW-Abschaltung ist vor der AKW-Abschaltung: Während Fessenheim nun (fast) Geschichte ist, kämpfen zur gleichen Zeit Anti-Atomkraft-Initiativen aus dem Emsland, der Grafschaft Bentheim und dem Münsterland sowie der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) für die Schließung des ebenso maroden AKW Lingen. Während der RWE-Hauptversammlung am vergangenen Freitag in Essen kritisierten sie scharf die Aussagen von RWE-Chef Rolf-Martin Schmitz. Der hatte laut BBU auf Fragen des Dachverbands Kritischer AktionärInnen u. a. geantwortet, dass er eine Abschaltung des 32 Jahre alten Atom-Reaktors Lingen 2 (Emsland) vor dem letzten gesetzlich möglichen Datum, dem 31. Dezember 2022, ablehne. „Dabei machte er aus einer Kann-Bestimmung im Atomgesetz eine angebliche Verpflichtung des Energiekonzerns RWE zum Weiterbetrieb bis Ende 2022“, berichtet der BBU. Damit lehne der RWE-Chef auch eine Förderung der Energiewende durch eine frühere AKW-Stilllegung ab.

Gewinn geht auch hier vor Sicherheit

In ihren Befürchtungen bestätigt wurden die Anti-Atomkraft-Initiativen durch die Aussage von Schmitz, RWE habe bei der AKW-Revision im Mai trotz erneut entdeckter „Wanddickenschwächungen“ tatsächlich nur „4.561 Prüfungen von Heizrohren“ in den vier Dampferzeugern vorgenommen. Bei insgesamt rund 16.500 Heizrohren mache dies gerade einmal einen Umfang von etwas mehr als 25 Prozent aus. Die Initiativen hatten gefordert, dass aus Sicherheitsgründen sämtliche Heizrohre überprüft werden müssten, nachdem schon im Jahr 2019 zwei Wanddickenschwächungen aufgetreten waren, die zu gravierenden Rissen und Löchern führen können.

Zudem bestätigte der RWE-Chef, dass die Probleme an den Heizrohren dieselbe Ursache hätten wie im AKW Neckarwestheim. In Lingen sei die Ausprägung aber „deutlich geringer“, Nachprüfungen für das AKW Lingen lehnte er jedoch ab. In Neckarwestheim hingegen werden vom Betreiber alle Heizrohre überprüft. Unerfreulich sei zudem auch die Aussage von RWE-Chef Schmitz, dass bei der nächsten AKW-Revision im Jahr 2021 nochmal 52 neue Brennelemente eingesetzt werden sollen. Dadurch wird noch mehr Atommüll anfallen.

 „RWE verspielt mit den jetzigen Aussagen und Ankündigungen des Vorstandsvorsitzenden Schmitz eine weitere Chance, sich in punkto AKW-Sicherheit und Energiewende vom alten Kurs abzusetzen“, mahnt Alexander Vent vom Bündnis AgiEL (AtomkraftgegnerInnen im Emsland). Das Bündnis fordert die sofortige Stilllegung des alternden Atomkraftwerks im Emsland.“

Mit Jodtabletten gegen den Störfall

Alle Städte in der Region müssten wegen des Atomkraftwerks in Lingen und seiner Altersprobleme massenhaft Jodtabletten für die Bevölkerung vorhalten, berichten die Atomkraftgegner. Der RWE-Chef bestätigte am Freitag in Essen, dass sich RWE an den Kosten dafür nicht beteilige. „Ein verantwortungsvoller Konzern würde eine solche Gefahrenlage gar nicht erst schaffen“, so Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen. „Das Atomzeitalter geht auch für RWE und das Emsland zu Ende. „Deshalb sollte RWE es nicht erst zum Störfall kommen lassen und sich jetzt von der Atomenergie verabschieden.“ na