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Klimaneutrale Kreislaufwirtschaft

Nachwachsend, erneuerbar und zirkular

Forst mit Windkraftanlage in Finnland
Finnland hat große Wald- und Forstflachen und will bis 2045 klimaneutral werden. (Foto: Dierk Jensen)

Beim World Curricular Economy Forum in Japan diskutierten Experten, wie ein Wandel zu einer kreislauforientierten Wirtschaft aussehen könnte, um den Raubbau an der Umwelt und den Klimawandel zu stoppen. Finnland will die EU-Präsidentschaft nutzen, um das Thema auf europäischer Ebene voranzutreiben.

21.11.2018 – Manchmal gibt es Kooperationen, die überraschen. Ja, positiv überraschen. So wie die zwischen Japan und Finnland, die gemeinsam das World Curricular Economy Forum ausrichten. Im Oktober fand diese Veranstaltung zum dritten Mal statt, diesmal in der japanischen Metropole Yokohama. Dort beschworen Japaner wie Finnen, die dieses Forum ursprünglich initiierten, einen baldigen Wandel zu einer kreislauforientierten Wirtschaft, um den fortschreitenden Raubbau an der Umwelt und den Klimawandel zu stoppen.

Mehr als 1.000 Experten und Befürworter der Kreislaufwirtschaft aus allen Teilen der Welt waren in der japanischen Millionenstadt zusammengekommen, um über eine neue wirtschaftliche Kultur zu diskutieren, die den globalen Kollaps verhindern könnte. So machte Finnlands Umweltminister Kimmo Tiilikainen in Japan deutlich, dass die finnische Regierung ihre EU-Präsidentschaft im Jahr 2019 nutzen wird, um das Thema klimaneutrale Kreislaufwirtschaft auch auf europäischer Ebene weiter voranzubringen. „Wir brauchen etwas, was uns vorwärtstreibt, was unsere Ängste überwinden hilft und uns Handlungsfreiheit beschert“, appellierte denn auch Mikko Kosonen, Präsident der finnischen Innovationstiftung Sitra, die das Forum mitorganisiert, in Yokohama an die Weltgemeinschaft zum tiefgreifenden Wandel.

Finnland will klimaneutral werden

Schon seit geraumer Zeit promotet die finnische Stiftung im östlichsten Land des europäischen Westens und über dessen Grenzen hinaus einen neuen Wirtschaftsstil, der erneuerbar und nachwachsend ist und in Kreisläufen denkt und Weg von der Ölpipelinehandelt. „Wir streben an, ein Spitzenland der Kreislaufwirtschaft zu werden“, unterstreicht Umweltminister Kimmo Tiilikainen die Ambitionen seines Landes, das zwar fast so groß wie Deutschland ist, aber nur knapp 5,5 Millionen Einwohner zählt. So will Finnland bis zum Jahr 2045 klimaneutral sein und bis dahin schon große Schritte hin zu einer biobasierten und kreislauforientierten Wirtschaft vollzogen haben. „Weg von der Ölpipeline“, postuliert Tiilikainen.

Das klingt super, wenngleich auch im Land der tausend Seen, Saunen und imposanter Elche noch viel zu tun ist, um das selbstgesteckte Ziel Klimaneutralität tatsächlich zu erreichen. Zuzutrauen ist es Ihnen aber. Tja, wenn da nicht die Weit über 75 Prozent der Landesfläche ist bewaldetfinnische Atomwirtschaft wäre, die vier Atomkraftwerke am Start hat und überdies an einem fünften Reaktorblock seit vielen Jahren – unterstützt mit einem Kredit der Bayerischen Landesbank – baut und baut und baut und immer noch nicht fertig wird. „Kurzfristig ist die Nutzung von Atomstrom zur Minderung der CO2-Emissionen nötig, langfristig ist sie sicherlich nicht ideal“, räumt Tiilikainen kleinmütig ein. Aber unabhängig dieses Makels, welches gerne ausgeblendet wird, haben die Finnen etwas zu bieten, was für viele Länder dieser Welt unerreichbar ist: Weit über 75 Prozent der Landesfläche ist bewaldet. Und obwohl es in Finnland eine straff organisierte Forst- und Papierindustrie gibt und die vollautomatischen Erntemaschinen in fast allen Regionen ständig fleißig Bäume fällen, nimmt der Forst/Waldbestand nicht ab, sondern sogar zu.

So vermitteln es zumindest die Statistiken, so versichert es auch die finnische Holzwirtschaft, ebenso die finnische Politik. Angesichts dieses Szenarios ist klar, dass die finnische Variante der Bioökonomie zu großen Teilen auf holziger Biomasse basiert. Derzeit stammen rund 40 Prozent aller in Finnland hergestellten biobasierten Produkte aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz. Neue, innovative Produkte sollen hinzukommen. Und diese lassen sich nach ihrer Nutzung bzw. nach ihrer Lebenszeit wunderbar recyceln: ob nun energetisch oder stofflich, bestenfalls zurück in die Wälder, woher die Biomasse ursprünglich kommt. Ein Kreislauf schließt sich, der sich über 100 Jahre spannen kann.

Das sind Zeitläufte, die so gar nicht ins kurzfristige Profitdenken der globalen Finanzindustrie passen. Aber allein schon der Gedanke, dass die Finnen sich mehrheitlich gegen den wirtschaftlichen Kannibalismus der Gegenwart – im wahrsten Sinne des Wortes – „aufbäumen“ wollen, ist sympathisch. Vorausgesetzt allerdings, dass die zirkularen Parolen eben keine werbenden „Papiertiger“ sind. Wenn nicht, dann ist es umso mehr wohl ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet Donald Trump die Finnen für ihre forstwirtschaftliche Sorgfalt lobt. Dierk Jensen  


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