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Verlust der BiodiversitätNaturzerstörung begünstigt weitere Pandemien

Pestizideinsatz auf einer Palmölplantage in Ecuador
  Pestizideinsatz auf einer Palmölplantage in Ecuador: Mit der Abholzung des Regenwaldes zugunsten von Weiden oder Palmölplantagen werden Ökosysteme zerstört. Das befeuert den Klimawandel und begünstigt auch die Ausbreitung weiterer Pandemien, warnen Wissenschaftler. (Foto: Klaus Schenck / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Die Zerstörung von Natur und Umwelt erhöht das Risiko für den Ausbruch neuer Pandemien, warnen Wissenschaftler. Sie fordern Natur- und Artenschutz massiv zu starken sowie den Handel mit Wildtieren zu stoppen und den Fleischkonsum zu reduzieren.

05.11.2020 – Neue UN-Studien machen deutlich, dass Naturzerstörung durch den Menschen das Risiko für den Ausbruch weiterer Pandemien erhöht. Die Ursachen für das Entstehen von Pandemien seien dieselben, die auch zum Verlust biologischer Vielfalt und zum Klimawandel führen. „Die Naturzerstörung ist die Krise hinter der Krise“, kommentierte die deutsche Bundesumweltministerin Svenja Schulze in Berlin die Ergebnisse der aktuellen Berichts des UN-Biodiversitätsrats (IPBES) mit Blick auf die Corona-Pandemie. Die weltweite Intensivierung der Landwirtschaft sowie der Handel mit Wildtieren seien die entscheidenden Hebel.

Seit dem Ausbruch von SARS-CoV-2 wird über Zoonosen – also Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden – nicht mehr nur in Wissenschaftskreisen viel diskutiert. Als Quellen für die Entstehung von Zoonosen gelten Massentierhaltung, der Handel mit Wildtieren sowie der Verzehr von Wildfleisch und tierischen Produkten. Auf entsprechenden Tiermärkten, wie jenem in Wuhan, von dem das neuartige Coronavirus sich vermutlich ausgebreitet hat, treffen Arten aufeinander, die in der Natur nicht in Kontakt kommen.

Laut dpa-Bericht wurden im letzten Jahr allein in Deutschland rund 107.000 potenziell zoonotische Erkrankungen gemeldet. Die häufigsten Fälle gab es durch Campylobacter, Salmonellose und Borreliose, die vor allem durch Zecken übertragen wird. Träger von Campylobacter sind häufig Wild-, Nutz- und Haustiere. Auch HIV, Vogelgrippe, die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit und nun Covid-19 sind Beispiele für Zoonosen der jüngeren Vergangenheit.

Insgesamt sind mehr als 200 Krankheiten bekannt, die zu den Zoonosen gezählt werden. Laut der Fachzeitschrift Nature kommen bereits 60 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten von Tieren. Der Mensch infiziert sich entweder über den direkten Kontakt mit einem kranken Tier oder einem tierischen Produkt, etwa Milch, Eiern oder Fleisch. Rinder oder Geflügel dienen den Viren bei der Übertragung häufig als Zwischenwirt. Bei SARS-CoV-2 werden verschiedene Tierarten als Überträger auf den Menschen diskutiert, besonders eine Fledermausart oder der zur Pelzherstellung gezüchtete Marderhund.

Während Bundesumweltministerin Schulze fordert, den Handel mit Wildtieren zu stoppen und sich entscheiden für Natur- und Artenschutz einzusetzen, weisen Wissenschaftler auch auf die Fleischproduktion und den Fleischkonsum hin – der müsse sich dringend reduzieren. Während bspw. Regenwald niedergebrannt wird, um Weiden für die Rinderzucht oder Ackerflächen für Tierfutter zu schaffen, rücken die tierischen Waldbewohner auch dem Menschen immer näher. Zuchtvieh und Mensch kommen dabei immer häufiger mit Viren in Verbindung, die für die Wildtiere unproblematisch sind und sich erst durch engeren Kontakt schließlich auf Vieh und Mensch übertragen.

Auch die Beimischung von Palmöl zu Biosprit sollte eingestellt werden, so Schulze, denn zur Pflanzung von Palmölplantagen wird häufig Regenwald abgeholzt. Wegen mangelnden Schutzes des Regenwaldes steht vor allem Brasilien in der Kritik. Schulze wendet sich daher auch gegen eine Unterzeichnung des geplanten Mercosur-Freihandelsabkommens, das die Brandrodung des Regenwaldes weiter anheizen würde.

Nur die Spitze des Eisbergs

Wenn wir unsere gegenwärtige Lebensweise aber so fortsetzen wie bisher, müssten sich die Menschen nach Einschätzung des UN-Biodiversitätsrats darauf einstellen, dass Pandemien in Zukunft häufiger auftreten und noch mehr Todesfolgen nach sich ziehen werden. Die Zerstörung von Naturräumen werde dazu führen, dass wir in Zukunft zunehmend mit unbekannten Krankheiten konfrontiert werden. Einschränkungen wie jetzt könnten dann zum Alltag werden.

Im Global Virome Project, einer internationalen Initiative zur Erforschung von Viren, gehen Wissenschaftler davon aus, dass sich noch 1,7 Millionen unentdeckte Arten von Viren in Wildtieren tummeln. Davon könnte etwa die Hälfte auch für Menschen sowie Nutztiere gefährlich werden. Bis zu 850.000 Virenarten zirkulieren laut Studie bei Wildtieren, die ähnlich wie Covid-19 auf Menschen überspringen könnten.

Änderungen der Landnutzung seien für rund 30 Prozent aller neuartigen Krankheiten verantwortlich, hinzu käme der Faktor Klimawandel.  Artensterben und Naturzerstörung hätten ein nie dagewesenes Tempo erreicht, warnen die Forscher und mahnen eindringlich zu entschiedenen Maßnahmen, um den Artenverlust zu stoppen. Mit Medikamenten oder Impfungen sei der Ausbreitung der Zoonosen nicht beizukommen, sagen Experten. Der weltweite Warenverkehr und der Tourismus sorgen für eine schnelle, weltweite Verbreitung.

In einem Bericht des UNO-Umweltprogramms UNEP warnen Forscher denn auch davor, dass tierische Infektionskrankheiten in Zukunft noch viel häufiger auf den Menschen überspringen könnten – wenn wir weiterhin die Tierwelt ausbeuten und unsere Ökosysteme zerstören, so die düstere Prognose. Der Schutz von Regenwäldern und natürlichen Ökosystemen muss jetzt im Fokus internationaler Gesetze und Abkommen stehen, raten Wissenschaftler eindringlich. na