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100 Prozent Ökostrom sind machbarStrategien für eine naturverträgliche Energiewende

Photovoltaikanlagen auf einem Berliner Gebäudedach
Der Flächenverbrauch spielt bei der Planung des zukünftigen Stromsystems eine entscheidende Rolle. Die Nutzung von Dachflächen in den Städten zur Solarstromproduktion wird dabei immer relevanter. (Foto: Clemens Weiß)

Zwei Studien belegen, dass Deutschland genügend Fläche zur Verfügung steht, um seinen Strom vollständig erneuerbar und naturverträglich zu erzeugen. Die reale Flächenverfügbarkeit sollte dabei in der Planung des Stromsystems an Bedeutung gewinnen.

17.10.2018 –  Nach einem erneuten Weckruf durch den Weltklimarat IPCC werde die Handlungsdringlichkeit zu einer beschleunigten Energiewende immer deutlicher, betonte Michael Schäfer, Leiter Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF Deutschland, bei der Vorstellung der neuen Studie gestern in Berlin. Bei einem 2-Grad Anstieg der Temperatur werden 25 Prozent der heute lebenden Arten weltweit aussterben, bei einem 4-Grad-Anstieg wären es schon 75 Prozent. In Anbetracht des weltweiten Temperaturanstiegs fordert der WWF, die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien innerhalb der nächsten Dekade zu verdoppeln. „Bis 2030 müssen jährlich etwa 400 Terawattstunden aus regenerativen Energien erzeugt werden, was einem Anteil von knapp 80 Prozent an der Bruttostromerzeugung entsprechen würde.“ Eine Weiterentwicklung von Planungsinstrumenten sowie verbesserte Möglichkeiten der finanziellen Beteiligung an Energieprojekten sollten nun dringend auf die politische Agenda.

Nach dem Kohleausstiegsszenario legt der WWF nun zum Stromsystem nach 2035 eine neue umfassende Studie zum umweltoptimierten Ausbau der Erneuerbaren Energien zu einer 100prozentigen Ökostromversorgung vor. Öko-Institut, Prognos und Bosch & Partner haben erstmals die Flächeninanspruchnahme durch den Ausbau der Erneuerbaren mit einer naturschutzfachlichen Raumbewertung in betroffenen Landkreisen abgeglichen. Dabei wird deutlich: Trotz aller Unkenrufe – vor allem von Seiten der Industrie und Energiekonzerne, die gerne behaupten, dass eine hundertprozentige Ökostrom-Versorgung Deutschlands schon allein wegen des Mangels geeigneter Flächen nicht möglich wäre – zeigt die Datenanalyse aus der Studie: Deutschland steht ausreichend Fläche zur Verfügung, um seinen Strom vollständig erneuerbar zu erzeugen und dabei den Naturschutz zu achten. Eine vorausschauende sowie nachhaltige Planung ist dabei allerdings dringend notwendig.

Fläche ist die neue Währung

Die Studie hat zwei mögliche Szenarien betrachtet: Das bereits gängige Szenario setzt vor allem auf den Ausbau von Windenergie an Land. Das andere soll das Potenzial von Photovoltaikanlagen auf Dächern sehr viel stärker ausreizen, wobei ein großer Teil dieses Stroms für den Eigenverbrauch erzeugt würde. Bis zum Jahr 2050 wären dann laut Berechnungen der Studienautoren im ersten Szenario 154 Gigawatt (GW) Photovoltaik-Leistung nötig und entsprechend Onshore-Wind-Leistung 178 GW, im zweiten Szenario dagegen 313 Gigawatt PV-Leistung und Onshore-Wind 115 GW.

Für den Ausbau Erneuerbarer Energien würden bis zum Jahr 2050 in Deutschland laut den Berechnungen aus der Studie durchschnittlich bis zu 2,5 Prozent der Landesfläche benötigt – etwas weniger wären es, wenn verstärkt auf Solarenergie gesetzt würde, dann rund 2,0 Prozent. „Wir haben in Deutschland genug Platz für ein sauberes Stromsystem, es ist günstig und naturverträglich zu realisieren“, kommentiert Schäfer die Studienergebnisse. Bei der Wahl des Standorts zum Bau neuer Wind- oder Solarenergieanlagen dürfe es aber nicht mehr nur nach der billigsten Lösung und reiner Kostenoptimierung gehen, so Felix Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik beim Ökoinstitut. Man müsste vielmehr einen neuen Diskurs über die kumulative Belastung von Naturräumen anstoßen. Dabei sollten die Erneuerbaren nicht isoliert betrachtet werden – sondern im Verbund mit Naturräumen, Landwirtschaft und Ökologie. Man müsse auch prüfen, inwieweit der Eigenverbrauch optimiert werden kann, anstatt immer weiter in die Fläche zu gehen.

Wichtig wäre es in jedem Fall, den Ausbau der Erneuerbaren deutlich zu beschleunigen und mindestens 2,5 Gigawatt (GW) pro Jahr netto zuzubauen. Vor allem der Ausbau der Photovoltaik sollte dabei gestärkt werden, damit die Energiewende auch in die Städte ziehen kann. Allerdings sei auch diese „einerseits kapazitätsseitig begrenzt und wird bei maximalem Ausbau nur einen Beitrag von rund 23 Prozent der insgesamt notwendigen Regenerativstromerzeugung erbringen können“, so die Berechnungen. Daneben dürfe die Windkraft nicht allein im Norden forciert werden – auch in Süddeutschland braucht es den Strom aus Wind vor Ort. „Zentral für ein Gelingen der Energiewende ist, die Interessen der Menschen vor Ort und die Anliegen des Naturschutzes zu berücksichtigen“, sagt Schäfer. „Das bedeutet, dass neben der Flächenverfügbarkeit auch planerische Aspekte eine stärkere Rolle spielen müssen. Denn eine mit Weitsicht gestaltete Energiewende lässt Menschen an ihr teilhaben – politisch in der Planung, aber auch finanziell in der Umsetzung – und schafft so Akzeptanz.“

Bürgerenergie-Modelle stärken

Andere Länder wie Dänemark hätten solche finanziellen Teilhabemodelle bereits erfolgreich umgesetzt. Viele Beispiele aus dem Bereich der Bürgerenergie und Energiegenossenschaftsmodellen gibt es auch in Deutschland. Allerdings werden die politisch eher ausgebremst denn bestärkt. Bürgerwindparks oder -solaranlagen sind vor allem im ländlichen Raum bereits erfolgreich. Doch auch die Stadtbewohner sind an einer Teilhabe zunehmend interessiert. Mieterstrommodelle, solarer Nachbars- und Quartiersstrom – dafür muss es nun endlich einfache, wirtschaftliche und vor allem verlässliche Regulatorien geben, um die Solarenergie so flächendeckend wie möglich auf die Gebäudedächer der Städte zu holen. Die Flächen, der Wille vieler Bürger und die Wirtschaftlichkeit der Technologie sind längst vorhanden.

Konflikte eingrenzen und vermeiden

Grundlage der Studie des Öko-Instituts war die Betrachtung von 402 Landkreisen bundesweit. Das Umweltplanungsbüro Bosch & Partner ist in einer Begleitstudie der Frage nachgegangen, ob und wie ein massiver Zubau von Windkraftanlagen mit dem Schutz von windenergiesensiblen Vogelarten in Einklang zu bringen ist. Dazu wurden sechs Landkreise in Deutschland ausgewählt, in denen die drei häufig betroffenen Vogelarten Kiebitz, Mäusebussard und Rotmilan vorkommen und in denen nach einem Szenario aus der Studie ein relativ hoher Zubau an Windkraftanlagen erwartet wird. Fazit der Studienautoren: Auch in Landkreisen, in denen mit überdurchschnittlich vielen Windkraftanlagen zu rechnen sei, könnten genügen Flächen für den Ausbau gefunden werden, ohne hohe Konflikte mit dem Naturschutz hervorzurufen.

Wieviel Netz ist nötig?

Bezüglich des Netzausbaubedarfs seien ab Mitte der 2030er Jahre Pfadabhängigkeiten und unterschiedlich ausgeprägte Ausbaunotwendigkeiten für die Netzinfrastruktur abhängig von Technologiemix und Regionalisierung zu erwarten, die es frühzeitig zu berücksichtigen gelte. Mit Blick auf die notwendigen Vorlaufzeiten des Netzinfrastrukturausbaus müssten spätestens ab 2030 zentrale Pfadentscheidungen getroffen werden. Um den Netzausbaubedarf zu reduzieren, sollten bspw. – je nach Szenario – notwendig werdende Speicher netzdienlich und nicht unbedingt eigenverbrauchsmaximierend eingesetzt werden.

Planungssicherheit herstellen

Mit Blick auf die Unterschiede bezüglich Flächenrestriktionen und Systemkosten zeige sich klar, so ein zentrales Ergebnis der Studie, dass die Flächenverfügbarkeit eine deutlich höhere Restriktion für die Gestaltung der Ausbaupfade für Erneuerbare Energien als die Systemkosten darstellten. Die reale Flächenverfügbarkeit sollte daher in Analysen zur Entwicklung des zukünftigen Stromsystems deutlich stärker an Bedeutung gewinnen, raten die Studienautoren. Das könnte, so ihr Fazit, „zu einer besseren Qualität und Robustheit energie- und klimapolitischer Strategieentscheidungen sowie der entsprechenden Infrastrukturplanungen beitragen.“ Die Einbeziehung von Ländern und Gebietskörperschaften in diesen Prozess wäre zwar zunächst aufwändiger – könnte aber die Qualität der planerischen Grundlagen für den flächenrelevanten Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland massiv verbessern – und uns damit einer umwelt-, natur- und sozialverträglichen Energiezukunft näherbringen. na


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