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NamibiaDie Natur sich selbst überlassen

Am Himmel ein Vogel über eine mit grünen Sträuchern bewachsenen Landschaft.
Buschgebiet in Namibia. (Bild: P.L. Ibisch, April 2016)

Für ein neues Biomassekraftwerk in Hamburg soll Holz aus Namibia importiert werden. Das sei aufgrund der dort zunehmenden Verbuschung positiv für das Ökosystem, sagen Befürworter. Doch ein neues Gutachten widerspricht dem.

30.04.2021 – Die Verbuschung in Namibia bedrohe angestammte Lebensräume für Tiere und Pflanzen und verdränge Savannengebiete, warnt die Hamburger Umweltbehörde. Durch Überweidung, Unterdrückung von natürlichen Savannenfeuern, Verhinderung der natürlichen Wanderungen von Wildtieren durch Zäune, sowie der Zunahme von CO2 in der Atmosphäre, würden sich Sträucher, wie die Schwarzdorn-Akazie ausbreiten. Wildtierpopulationen etwa gingen dadurch stark zurück, da sie ihren angestammten Lebensraum – die Savanne – verlieren würden.

Und diese Verbuschung nehme stark zu, so die Umweltbehörde. Sie stützt sich dabei auf eine Studie von Unique, einem Beratungsunternehmen für Waldwirtschaft und nachhaltige Landnutzung. Auftraggeber der Studie ist die GIZ, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Laut der Unique-Studie würde die Verbuschung jährlich um 3,18 Prozent zunehmen und das in weiten Teilen Namibias. Daher sei die Abholzung und Verwendung dieser Busch-Biomasse positiv zu bewerten, so die Hamburger Umweltbehörde.

Verwenden wollen die Hamburger das Holz aus Namibia für ein neues Biomassekraftwerk, das durch die Umrüstung des Hamburger Kohlekraftwerks Tiefstack entstehen soll. Das thermische Kraftwerk ist wichtiger Bestandteil der Hamburger Wärmeversorgung. Die Bundesregierung will den Umbau von Kohlekraftwerken zu Biomasse- und Gaskraftwerken in den kommenden Jahren massiv fördern. So sieht es das Kohleausstiegsgesetz vor.

Zweifel an Daten und Vorgehensweise

Doch ein neues Gutachten der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe, meldet große Zweifel an Daten und Vorgehensweise der Unique-Studie. Das Gutachten liegt der energiezukunft vor. So basiere die Studie auf einer Masterarbeit, die veraltete Daten nutzte. Laut Professor Pierre L. Ibisch und Doktor Axel Schick von der Hochschule in Eberswalde zeigen neuere wissenschaftliche Studien, die hochauflösende Satellitenbilder verwenden, dass die Verbuschung in verschiedenen Gebieten Namibias nur zwischen 0,11 und 0,31 Prozent jährlich beträgt.

Die Eberswalder Experten verweisen auch auf eine zweite Fehleinschätzung. Das flächige Ausmaß der Verbuschung sei viel zu hoch gegriffen und nicht in weiten Teilen Namibias zu beobachten. Auch hier würden neuere Studien – ebenfalls auf Grundlage von hochauflösenden Satellitenbildern – zeigen, dass signifikante Vegetationsveränderungen in den vergangenen Jahren räumlich begrenzt seien, und zwar vor allem auf den regenreicheren Norden Namibias.

Darüber hinaus sehen Ibisch und Schick die grundsätzliche Annahme negativer Konsequenzen durch Verbuschung kritisch. Statt Verbuschung bevorzugen die beiden die Begriffe "Gehölzausbreitung" oder "Vegetationsveränderung". Zwar gebe es weitere Studien, die die Ausbreitung von Gehölzen mit der Degradation von Trockengebieten in Verbindung bringen, demgegenüber stünden jedoch eine Vielzahl von Analysen, die positive Effekte von Gehölzen auf Trockengebiete nachweisen.

Demnach zeichnet sich der Boden unter Sträuchern durch einen höheren Gehalt an Wasser, organischem Substrat, Samen und Nährstoffen aus als der Boden zwischen Gehölzen. Auch verbessern die Sträucher die Wasseraufnahme des Bodens. Des Weiteren haben Gehölze einen kühlenden Effekt auf die Umgebung, was die Vegetationsentwicklung zusätzlich bestärkt. Ebenfalls positive Auswirkungen hat die vermeintliche Verbuschung laut neuerer Studien auf klimatische Verhältnisse. Niederschläge nehmen demnach zu, da Pflanzen den Wasserkreislauf begünstigen und für mehr Feuchtigkeit und damit auch Regen sorgen.

Lediglich Landwirtschaft beeinträchtigt

„Die Buschvegetation führt zu einer Beeinträchtigung der Weidewirtschaft, nicht jedoch zu einer Beeinträchtigung der Biodiversität“, sagte Pierre L. Ibisch gestern bei einem Pressegespräch. So verweist auch die Unique-Studie auf Probleme, die für die Landwirtschaft infolge der Verbuschung entstehen. Durch die Verdrängung von Grasland würden Weideflächen zu Ödland degradieren, weil Weidetiere kein Futter mehr finden oder sie das verbuschte Gebiet nicht mehr durchdringen können.

Ibisch wies jedoch darauf hin, dass erst durch Landnutzungsdruck des Menschen, negative Folgen, wie Dürre, eintreten. Eine natürliche Vegetationsentwicklung wie die Ausbreitung von Gehölzen dagegen begünstige Wasserkreislauf und natürliche Artenvielfalt. Die Vermutung liegt nahe, dass es den Machern und Auftraggebern der Unique-Studie vor allem um negative Konsequenzen für die Landwirtschaft geht. In Namibia ist es vor allem der Agrarsektor, der die Nutzung von Busch-Biomasse befürwortet. Die Hamburger Umweltbehörde zitiert dazu den ehemaligen Landwirtschaftsminister, der die Lage als „nationales Desaster“ bezeichnet.

Massiver Druck auf globale Biodiversität

Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe verwies derweil beim Pressegespräch auf den massiven Druck, den die globale Umrüstung auf Biomassekraftwerke, die vor allem mit Holzpellets betrieben werden, schon jetzt auf Wälder und die Biodiversität ausübe. Ungeachtet der Stimmen aus Namibia, die den Export der Busch-Biomasse unterstützen, sollten sich hierzulande die politisch Verantwortlichen fragen, ob sie dies vor dem Hintergrund von klima- und Umweltschutz unterstützen, so Müller-Kraenner.

Constantin Zerger, Leiter Energie und Klimaschutz bei der Umwelthilfe, sagte: „ „Statt einem Kohlekraftwerk mit Holzbiomasse neues Leben einzuhauchen, muss die Hamburger Umweltbehörde auf erneuerbare Alternativen setzen.“ Es gebe viele nachhaltigere Alternativen für die Fernwärmeversorgung Hamburgs.

So erprobt die Stadt aktuell in einem Reallabor ein unterirdisches Wärmespeichernetz. Es bedient sich Grundwasserspeichern, die tiefer liegen als Schichten, aus denen das Hamburger Trinkwasser gewonnen wird. So könnte im Sommer das Wasser hochgepumpt, mittels klimafreundlicher Technologien, wie Geothermie oder die Nutzung industrieller Abwärme, auf 80 Grad erhitzt und wieder in die tiefen Schichten gepumpt werden. Dort kann es über Monate unter geringen Temperaturverlusten lagern und im Winter zum Heizen genutzt werden.

Laut Müller-Kraenner und Zerger sei man mit der Hamburger Umweltbehörde im Gespräch über die neuen Erkenntnisse aus dem Eberswalder Gutachten. Die Behörde hat inzwischen die weitere Evaluation der Umrüstung von Tiefstack und den Import von Busch-Biomasse bis zum Ende des Jahres verlängert. Manuel Först  


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Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

jomei 30.04.2021, 08:53:54

Selbst wenn die alten Daten gestimmt hätten, stellt sich die Frage, wieso einen Energieträger tausende Kilometer über den Atlantik fahren (Diesel- oder Schwerölverbrauch, dementsprechender ökolog. Fußabdruck!), wo in Deutschland selbst reichlich Biomasse anfällt, z.B. die Gülle im Gülledreieck Oldenburg-Cloppenburg-Vechta, die dort das Grundwasser über Gebühr belastet, zu Güllegasen und Pellets verarbeiten und dem Hamburger Kraftwerk verkaufen?

Hendrik Müller 30.04.2021, 11:12:45

Toller Artikel! Als Hamburger kann ich die Grundmessage nur unterstützen, wir müssen kein Holz von einem weit entfernten Kontinent holen. Wichtig sind die Erneuerbaren!

Petra Ludwig-Sidow 30.04.2021, 12:15:09

Ein interessanter Artikel, insbesondere auf einem Portal für erneuerbare Energien, zu denen die Politik die Holzbiomasse ja auch zählt, obwohl der benötigte Zeitraum für die Erneuerung für die Pariser Klimaziele zu lang ist. Und was diese Ansicht für Schäden anrichtet, kann man in verschiedenen Wäldern weltweit bereits erkennen.

 

Es ist seltsam, dass erst durch Proteste von verschiedenen NGOs, die sich mit Wald beschäftigen (s.a. https://www.bundesbuergerinitiative-waldschutz.de/2021/03/01/savanne-retten-mit-hamburger-kohlekraftwerk/) umfassendere Betrachtungen stattfinden.

Abgesehen von den side effects wie Schadstoffbelastungen durch Transport und aus den Kraftwerken, die ja trotz BImSchG nicht emissionsfrei sind, bezog sich Hamburg auf Gutachten von aus Namibia (Eigeninteresse) oder aus der Entwicklungshilfeszene (keine Ökologieexperten).

Um nicht wie so oft in der Energiewende den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, hätte man mehr (wald)ökologische Gutachten aus der internationalen Wissenschaft erwartet, Eberswald füllt nun die Lücke. Ein weiterer wichtiger Aspekt wären die verschiedentlich geäußerten ethischen Bedenken (koloniale Vergangenheit), wenn nämlich nur marginal Arbeitsplätze in Namibia entstünden, aber Hamburg viele ökonomische Vorteile hätte. Hier wäre es sinnvoll, das Gutachten aus Eberswalde durch eines von Prof. Jürgen Zimmerer zu ergänzen, der zudem auch noch koloniale UND Klimaaspekte beurteilen kann.

Eike Otto 30.04.2021, 12:53:30

Neben der Frage, wieso Holz durch die halbe Welt transportiert werden soll stellt sich natürlich auch die Frage, wieso Holz nicht in Afrika verbleibt, wo gerade die Naturwälder zur Brennstoffgewinnung abgeholzt werden. Abgesehen von der Frage nach den Selbstregulierungskräften der Natur, die ja im Artikel bereits erwähnt wird.

HuhnOdoaker 12.05.2021, 15:14:27

+3 Gut

Liebe Eike,

 

Dass Problem mit der Holzknappheit hat Unique (Ersteller der Ökobilanz) erkannt. Deßwegen wurde ein Fonds gegründet, der in Afrika Eukalyptusplantagen pflanzt. Das sind Experten. Die wissen schon was sie tun.

Rudi Seibt 01.05.2021, 11:46:38

Da fragen sich doch viele hier zu recht, wo der gesunde Menschenverstand bei den Biomasse-Kraftwerk-Erfindern bleibt. Waren die noch nie in Namibia, um mit eigenen Augen dortigen Zustand zu sehen, dortige Arbeisttechnik, dortige Bedürfnisse. Die DORTIGEN Bedürfnisse sind wihtiger als unsere, denn wir können uns immer auch anders behelfen, die dort nicht.

Mirco Beisheim 02.05.2021, 23:56:17

Leider unterschlägt der Artikel sehr wichtige und entscheidende Aspekte des Themas.

 

Für mich besonders befremdlich ist mal wieder, daß zwar über Namibia geschrieben und sogar spezielle Hinweise gegeben werden: („Aber mal abgesehen davon, dass Gehölze einen positiven Einfluss auf Bodenbildung, Bodenfeuchtigkeit und Mikroklima haben ...“)

 

Zur Wahrheit gehört nämlich auch die Aussage des Herrn Ibisch:

„Wenn Namibia sich entscheidet, Buschholz zu ernten und in Kraftwerken zu verbrennen, sollte man das vor Ort tun. Holz als Brennstoff um die halbe Welt zu fahren, ist geradezu Unfug.“

Quelle:

https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/biologe---holz-als-brennstoff-um-die-welt-zu-fahren--ist-unfug--30506300.html

Damit beweist Herr Ibisch in zweifacher Hinsicht seine Unkenntnis:

1. von Energiebilanzen und Wirkungsgraden:

denn wenn wir schon eine bestimmte Menge X an Biomasse zur Energieerzeugung nutzen, dann doch wohl in der Art und Weise mit dem höheren Wirkungsgrad, also in einem Heizkraftwerk, und zwar dort, wo die Wärme auch benötigt wird.

2. selbst Kritiker eines Exports der Biomasse bezeichnen die Emissionen während des Transports als vernachlässigbar im Gesamtkontext

 

Heißt: die Aussage von Herrn Ibisch ist geradezu Unfug.

 

Wenn Herr Ibisch also Namibia zugesteht, die Buschbiomasse in einem Kraftwerk einzusetzen, dann frage ich mich, wieso er Namibia verbieten möchte, die gleiche Buschbiomasse z.B. in Form von Holzpellets zu exportieren, um damit in PV und Wind zu investieren? Was ist die Argumentationslogik dahinter?

 

Wer sich vertiefend mit dem speziellen Thema der Anfrage Namibias an Hamburg beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Zwischenfazit unserer Projektgruppe Namibia:

https://hamburg.global/organe-gruppen/aktive-gruppen/tg-klimagerechtigkeit-kohleausstieg/pg-namibia/#disskussion-maerz-2021

Als einige der wenigen Gruppen in Deutschland versuchen wir, den Namibiern in der Diskussion eine Stimme zu geben.

Dr. Rainer Bretthauer 19.05.2021, 10:20:42

Keine Aufmerksamkeit hat bisher der Vertrieb von namibischer Holzkohle erregt.

GIZ und WWF unterstützen die Rodung von Gehölzen mit den falschen Argumenten.

Das "Gebüsch", das zur Energiegewinnung genutzt werden soll, ist Teil der natürlichen Vegatation.

Warum haben die Viehzüchter ihre Rinder in "Gebüschen" gehalten und tun dies immer noch?

Nicht Gehölzbewuchs sondern freie Grasflächen senken den Grundwasserspiegel durch erhöhte Verdunstung.

Vor Ort kann man die Auswirkung von Rodungen beobachten: Wo früher Rinderfarmen mit Gebüschbewuchs zu sehen waren, liegen wenige Jahre nach der Rodung und Weidenutzung kahle, vegetationslose Flächen vor.

Die Vorläuferbehörde GTZ hat schon andere sinnlose "Hilfs"-prokjekte gefördert: Für die südliche Sahelzone wurden größere Ziegen gezüchtzet, damit die Menschen mehr Fleisch haben! Größere Ziegen brauchen mehr Futter, d.h. vernichten Vegatation. Ziegen sind dort vornehmlich Statussymbol, nicht Fleisch.

Dr. Rainer Bretthauer 19.05.2021, 11:25:19

Der Gegenkommentar von HuhnOdoaker kann schlimmer nicht sein!

Ausgerechnet im wasserarmen südlichen Afrika sollen extrem wasserzehrende Eukalyptusbäume gepflanzt werden.

Man schaue z.B. nach Protugal. Die austrocknende Wirkung von Eukalytusbäumen hat man dort erkannt.


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