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Neue KohlekraftwerkeSubsahara-Afrika droht ein Kohle-Boom

Von hinten zu sehen ist eine Frau, die einen riesigen Korb mit Kohle auf dem Kopf trägt.
Die Kohle, die diese Frau in der Demokratischen Republik Kongo auf dem Kopf trägt, ist nur fürs Feuermachen bestimmt und schädigt das Klima nicht entscheidend. Ganz anders könnte das bei den vielen Kraftwerksprojekten in der DR Kongo und anderen afrikanischen Ländern sein. (Foto: MONUSCO Photos / Flickr.com, CC BY-SA 2.0)

China und Indien treiben viele Länder Afrikas in die falsche Richtung. Südlich der Sahara könnten bis 2025 Kohlekraftwerke mit einem jährlichen Ausstoß von 100 Mio. t CO2 in Betrieb gehen. Kann eine neue Energiepolitik Europas dem entgegensteuern?

07.01.2020 – Das Schwellenland Südafrika nicht mitgerechnet, könnten in den knapp 50 afrikanischen Staaten südlich der Sahara bis zum Jahr 2025 neue Kohlekraftwerke mit einem jährlichen Ausstoß von 100 Millionen Tonnen CO2 in Betrieb gehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Berliner Mercator Institute on Global Commons and Climate Change – kurz MCC. Bereits zwischen 2005 und 2015 stieg der CO2-Ausstoß durch Kraftwerke und Industrieanlagen in der Region südlich der Sahara um jährlich sechs Prozent, auf aktuell 245 Millionen Tonnen im Jahr.

Sollten alle Investitionspläne der afrikanischen Länder Wirklichkeit werden, würden im Energiesektor 30 Gigawatt an zusätzlicher Kohlekraft dazu kommen und zu den 100 Millionen Tonnen zusätzlichem jährlichen CO2-Ausstoß führen. Das entspricht etwa 40 Prozent dessen, was deutsche Kohlekraftwerke aktuell emittieren. Sub-Sahara Afrika stehe vor einem Kohle-Boom, warnt Jan Steckel, Leiter der Arbeitsgruppe Klimaschutz und Entwicklung am MCC. „Dieser ist nicht zuletzt getrieben durch Kraftwerksbauer aus China und Indien, deren Heimatmärkte für Kohlemeiler zunehmend gesättigt sind“, so Steckel.

Vor allem chinesische Konzerne expandieren immer stärker ins Ausland. 19 Prozent der neu geplanten Kohlekraftwerke werden bereits außerhalb Chinas gebaut. Entscheidend für die Planung neuer Kraftwerke ist der damit einhergehende Kohleabbau in den entsprechenden Ländern. Denn 46 der 120 Konzerne, die weltweit neue Kraftwerke planen, bauen gleichzeitig Braun- und Steinkohle ab. Und davon gibt es in vielen Ländern Subsahara Afrikas reichlich. Das weiß auch Indien und erschließt sich neue Märkte für ihre Kohletechnologie, während im eigenen Land 2019 erstmals ein spürbarer Rückgang in der Kohleproduktion zu verzeichnen ist.

Der kurzfristige Profit steht vor dem langfristigen Nutzen

Der Energiehunger afrikanischer Länder steigt mit dem Wirtschaftswachstum der Länder rasant an. Der Bedarf an billiger und verlässlicher Energie ist entsprechend enorm. Und die Regierungen von Ländern wie Angola, Kongo und Mosambik setzen in diesem Zuge eher auf den kurzfristigen Profit durch die Kohleenergie und den entsprechenden Investitionsangeboten aus China und Indien, als auf die langfristig günstigere Lösung Erneuerbarer Energien.

Doch ein Kohlekraftwerk braucht ca. 40 Jahre, um die hohen Investitionskosten wieder reinzuholen. Michael Jakob, MCC-Forscher und Co-Autor der Studie warnt, was man jetzt an Anlagen errichte, werde das Energiesystem und damit die Emissionen der Zukunft maßgeblich mitbestimmen. „Das Beispiel Afrika zeigt: Die globale Klimapolitik muss die wirtschaftliche Aufholjagd in den ärmeren Ländern im Blick haben – und helfen, emissionsfreie Alternativen der Energieversorgung attraktiv zu machen“, so Jakob.

Ist eine europäisch-afrikanische Energiepartnerschaft die Lösung?

Laut Bundesentwicklungsminister Gerd Müller könnte die Europäische Union dabei eine entscheidende Rolle spielen. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland forderte er von der Europäischen Union eine Neuausrichtung ihrer Afrika-Politik. „Der europäische Green New Deal darf nicht nur nach innen gerichtet sein, sondern muss mit einem EU-Afrika-Pakt einen neuen Jahrhundertvertrag mit dem afrikanischen Kontinent begründen”, so Müller. Eines der Kernelemente müsse dabei eine Energie- und Klimapartnerschaft sein.

Müller schweben dafür unter anderem die Stärkung von Privatinvestitionen und Absicherung einer Afrikaanleihe vor. Auch ein europäisch-afrikanisches Jugendwerk zum Austausch von Schülern, Studenten und jungen Fachkräften könnte helfen. „Mit Unterstützung Europas kann und muss Afrika der grüne Kontinent der erneuerbaren Energien werden”, sagte Müller bei einer Klausurtagung der CSU-Landesgruppe.

Positiv stimmt bereits jetzt, dass sich derzeit nur Anlagen mit einer Leistung von insgesamt einem Gigawatt im Bau befinden. Zwar sind die weiteren 30 Gigawatt bis 2025 in Planung, aber davon sind die Hälfte zurückgestellt. Laut MCC könnten in einem vergleichsweise günstigen Szenario 70 Prozent der konkret geplanten sowie alle derzeit zurückgestellten Projekte abgeblasen werden. Zwar würde dann noch geringfügig in Kohlekraftwerke investiert, die energiebedingten Emissionen könnten aber durch den Ausbau Erneuerbarer Energien weitgehend stabilisiert und die Pariser Klimaziele für die afrikanischen Staaten eingehalten werden. mf