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Kathrin Henneberger zu Besuch in Mauretanien (Fotos: Kathrin Henneberger)

Nachgefragt 14.05.2024

Sicherheit, Kommunikation und Bildung – die Schlüssel für lokale Klimaresilienz

Die Klimakrise befördert Konflikte, die wiederum Menschen hindern, sich dem Klima anzupassen. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger berichtet von ihren Erfahrungen in Ländern des Globalen Südens und warum deutsche Entwicklungszusammenarbeit nicht zurückgefahren, sondern ausgebaut werden sollte.

Kathrin Henneberger, Bündnis 90/die Grünen, Mitglied des Bundestages und Obfrau im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung


Nachgefragt 14.05.2024

Sicherheit, Kommunikation und Bildung – die Schlüssel für lokale Klimaresilienz

Die Klimakrise befördert Konflikte, die wiederum Menschen hindern, sich dem Klima anzupassen. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger berichtet von ihren Erfahrungen in Ländern des Globalen Südens und warum deutsche Entwicklungszusammenarbeit nicht zurückgefahren, sondern ausgebaut werden sollte.

Kathrin Henneberger zu Besuch in Mauretanien (Fotos: Kathrin Henneberger)

Kathrin Henneberger, Bündnis 90/die Grünen, Mitglied des Bundestages und Obfrau im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung



Frau Henneberger, Sie waren zuletzt in von der Klimakrise besonders betroffenen Ländern des Globalen Südens unterwegs. Was haben Sie dort erlebt?

Durch die Klimakrise verschieben sich Dürre- und Regenzeiten und werden extremer. Ich war im Frühjahr mit Entwicklungsministerin Svenja Schulze in verschiedenen afrikanischen Ländern. In Burkina Faso und Benin etwa berichteten mir die Menschen, dass es für sie schwieriger wird, von der Landwirtschaft zu leben. Die Sahelzone breitet sich immer weiter aus. Der Raum für die Bewirtschaftung von Feldern und Vieherden wird kleiner. Es kommt zu Konflikten. Menschen sind vom Hunger geschwächt. Krankheiten breiten sich schneller aus.

Mit dem sogenannten Projekt „Grüne Mauer“ soll die Ausbreitung der Sahelzone mittels Aufforstung und Wiederherstellung degradierter Böden gestoppt werden.

Durch die Sicherheitslage ist es in einigen Regionen leider sehr schwer, solche Projekte durchzuführen, wie etwa in Benin, Niger, Mali und Burkina Faso. Eine Folge auch zunehmender Konflikte um immer weniger Land, auf dem die Menschen infolge der Klimakrise noch leben können.

Wie lässt sich dort Entwicklungszusammenarbeit überhaupt noch verwirklichen?

Im Norden Benins gibt es einige Aufforstungs- und Waldschutzprojekte, wo Mitarbeiter:innen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit aufgrund der Sicherheitslage selten hin können. Dort wird zum einen digital mit Luftbildern kontrolliert, wie sich die Projekte entwickeln. Zum anderen werden die Menschen vor Ort bestärkt, eigenverantwortlich Aufforstung und Waldschutz voranzutreiben.

Menschen, die aber wieder in Konflikte mit anderen Parteien geraten können...

Dort, wo es verstärkt zu Landnutzungskonflikten kommt, ist es elementar, dass die Menschen miteinander sprechen. Angeleitet von religiösen Akteuren oder Bürgermeistern, müssen sich die Menschen zusammensetzen, um gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. So kann es auch zu Kooperationen und gegenseitigem Nutzen zwischen Menschen kommen, die Felder bestellen und Viehherden betreiben. Die Menschen vor Ort haben ein unglaubliches Wissen über Flora und Fauna, das genutzt und weitergetragen werden muss. Das ist der Schlüssel zum Erfolg für lokale Klimaresilienz. Doch leider sorgen Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen dafür, dass dieses Wissen nicht weitergetragen und damit verloren geht. In Mali und Niger etwa müssen Schulen aufgrund der schwierigen Sicherheitslage schließen. Eine verlorene Generation droht. Aus der Not schließen sich einige kriminellen und terroristischen Gruppierungen an.

Was können die Milliarden Euro der Industriestaaten für Entwicklung und Klimaschutz in solchen gescheiterten Staaten überhaupt noch bewirken?

Wir tragen die historische Verantwortung für die Klimakrise. Mit Blick auf die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist es daher sehr wichtig, dass wir dieser Verantwortung gerecht werden. Das Mindeste, was wir tun müssen, ist die Finanzmittel zur Verfügung zu stellen, damit Regionen sich grundsätzlich den Herausforderungen der Klimakrise stellen können. Dabei ist es von großem Wert, die Zivilgesellschaft vor Ort zu stärken. In Burkina Faso gibt es ein Projekt, das mich besonders beeindruckt hat.

Ein Land, das nach zwei Putschen von einem Militärregime regiert wird, und in dem einige Regionen unter Kontrolle von Dschihadisten sind.

Dort gibt es ein Projekt der Deutschen Welle. Junge Journalist:innen lernen dort möglichen Falschinformationen nachzuspüren, die im Umlauf sind, und diesen mit gut recherchierten Fakten etwas entgegenzusetzen. Besonders in Krisenregionen nehmen Falschinformationen zu und sorgen für Hass und Hetze. Dem etwas mit investigativem Journalismus entgegenzusetzen ist unglaublich wichtig, bestärkt Good Governance und die lokale Zivilbevölkerung. Gleichzeitig sind die Journalist:innen in dem Projekt gefährdet. Sie müssen sich angesichts von Militärregime und Dschihadisten genau überlegen, was und wie sie veröffentlichen. Das erfordert unglaublichen Mut.

In Deutschland aber laufen konservative und rechte Kräfte Sturm gegen Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Haushalt überlegt auch die Bundesregierung, Mittel für den Globalen Süden zu streichen.

Aktuell müssen wir davon ausgehen, dass die Mittel für das Bundesentwicklungsministerium um über eine Milliarde Euro im nächsten Haushalt gekürzt werden. Das würde bedeuten, dass kein Projekt und kein Träger verschont bleibt. Dabei brauchen wir Aufwüchse der Finanzen, angesichts multipler globaler Krisen. Dafür setze ich mich im Parlament ein. Mit den Haushaltskürzungen würden wir unserer globalen Verantwortung nicht mehr gerecht werden. Bei der letzten Klimakonferenz in Dubai konnten wir noch gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und einer Anschubfinanzierung den Fonds für Schäden und Verluste initiieren. So etwas wird mit geringeren Mitteln im Haushalt deutlich schwieriger.

Ob Klimafinanzierung oder der Loss and Damage Fonds, bei den Mitteln für den Globalen Süden, die auf den Klimakonferenzen debattiert werden, geht es erst einmal um Klimaschutz und Beseitigung von Klimaschäden. Inwieweit wird auch über Bildung und Sicherheit zur Stärkung lokaler Klimaresilienz gesprochen?

Auch Klimaschutzprojekte, die Energiearmut entgegenwirken, und die Beseitigung von Schäden und Verlusten sorgen - richtig eingesetzt - für eine stärkere Zivilgesellschaft. Aber die Klimakonferenzen sind kein reines Organ mehr für Klimafragen. Zivilgesellschaftliche und politische Akteure diskutieren inzwischen über das gesamte Spektrum an Fragen zu Demokratie, Gerechtigkeit, Sicherheit und Bildung – weil alle wissen, dass die richtigen Antworten dazu Klimaresilienz stärken. Klimaaktivist:innen von Fridays for Future-Uganda etwa stellten auf der letzten COP den Wunsch, Bildungsmaterial finanziert zu bekommen, mit dem sie an Schulen Workshops zur Klimakrise durchführen können. Mit dem Auswärtigen Amt arbeiten wir gerade daran, Mittel dafür bereitzustellen.

Derweilsorgen wirtschaftliche Interessen aus Industriestaaten dafür, dass fossile Strukturen in Ländern des Globalen Südens gefördert und ausgebaut werden.

Ich habe gesehen, wie in Kolumbien Menschen für den Steinkohleabbau drangsaliert werden. Kohle, die auch nach Deutschland importiert wird. Das französische Unternehmen TotalEnergies ist Hauptfinanzier der Öl-Pipeline EACOP, die durch Uganda und Tansania führt. Diesen fossilen Interessen in anderen Ländern müssen wir Einhalt gebieten. Auch dabei ist es wichtig, die Zivilgesellschaft vor Ort zu stärken. Denn die profitiert meist nicht von den Projekten. Ganz im Gegenteil, Menschen werden zur Umsiedlung gezwungen, ihr Lebensraum verschmutzt. Mit finanzieller Unterstützung, Kommunikation untereinander sowie Wissensvermittlung schaffen es die Menschen vor Ort, sich besser gegen die scheinbare Übermacht fossiler Interessen aufzulehnen und friedlich für ihre Rechte zu kämpfen.

Das Gespräch führte Manuel Grisard

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