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Nachgefragt
09. November 2021

Parteiübergreifender Konsens für die Energiewende

Beim Strom baut Uruguay inzwischen vollständig auf Erneuerbare Energien. Doch auf diesem Erfolg ruht sich das Land nicht aus. Nun sollen Verkehr und Industrie dekarbonisiert werden, auch mit Unterstützung aus Europa. Dafür ist der uruguayische Energieminister Omar Paganini nach Deutschland gereist. Wir trafen ihn zum Gespräch.

Omar Paganini, Minister für Industrie, Energie und Bergbau in Uruguay

Omar Paganini, Minister für Industrie, Energie und Bergbau in Uruguay
Ein Mann mit grauen Anzug und Krawatte sitzt an einem Schreibtisch
Bild: © MIEM (Ministry of Industry, Energy and Mines)

Was führt sie nach Deutschland?

Die Transformation des Strommarktes ist in Uruguay bislang sehr erfolgreich verlaufen. Bei der Stromproduktion haben wir fossile Brennstoffe praktisch eliminiert. 97 Prozent des Bedarfs erzeugen Erneuerbare Energien. Wasserkraft war schon immer ein wichtiger Energielieferant und inzwischen haben wir auch Windkraft und Biomasse deutlich ausgebaut. Doch betrachtet man unseren vollständigen Energiemix, so verbrauchen wir noch immer 37 Prozent fossile Energien, vor allem im Verkehrssektor und in der Industrie. Dieses Problem wollen wir angehen und sind dafür nach Europa gekommen, um mit Wissenschaftlern und Unternehmen Möglichkeiten zu erörtern die Sektoren zu dekarbonisieren.

Auf welche Technologien wollen sie den Fokus setzen?

Beim Verkehr geht es vor allem um die Elektrifizierung von Autos, aber auch um den Ausbau des Schienenverkehrs. Wir haben bereits eine Kooperation mit der Deutschen Bahn, die mit uns in Uruguay das Schienennetz ausbaut. Geht es um die Industrie und den Schwerlastverkehr, sind für uns vor allem die Entwicklungen auf dem Wasserstoffmarkt interessant, der in Europa gerade Fahrt aufnimmt. Wir wollen von den europäischen Erfahrungen lernen und sind im Gespräch mit Unternehmen, auch in Uruguay entsprechende Produktionsstätten für Wasserstoff auszubauen. Der Vorteil bei uns ist, dass wir für die Herstellung des Wasserstoffs zu 100 Prozent auf Erneuerbare Energien setzen können. In einem weiteren Schritt können wir auch Kapazitäten aufbauen und den Grünen Wasserstoff in andere Länder zu exportieren.

Inzwischen ist die Windkraft wichtigster Stromerzeuger in Uruguay. Der Ausbau ging in den letzten Jahren rasant voran. Wie lässt sich diese Erfolgsgeschichte erklären?

Während sich die installierte Windkraftkapazität im Jahr 2010 nur auf 70 Megawatt (MW) belief, stieg diese bis zum Jahr 2020 auf 1.700 MW an. Damit sorgt die Windenergie für über 30 Prozent des uruguayischen Strombedarfs. Darüber hinaus haben wir aktuell große Stromüberschüsse, die wir in die Nachbarländer exportieren. Seit 2010 fördert die Politik Uruguays sehr aktiv die Erneuerbare Energien. Für Unternehmen wurden etwa die Möglichkeiten für PPAs (Power Purchase Agreements Anm. d. Red.) geschaffen, mit langen Laufzeiten, die den Firmen Sicherheiten für ihre Investments geben. Darüber hinaus gibt es steuerliche Anreize. Entsprechende Ausschreibungen in den Jahren 2011 und 2012 waren sehr erfolgreich, sodass die Windkraft Fahrt aufnehmen konnte.

Nun sind Sie und ihre Partei, die liberal konservative Partido Nacional, erst seit März 2020 an der Macht. In den 15 Jahren zuvor regierte ein linkes Parteienbündnis. Ist die erfolgreiche Energiewende nicht vor allem auf ihre Vorgängerregierung zurückzuführen?

Die Voraussetzungen, die 2010 geschaffen wurden, waren das Ergebnis von parteiübergreifenden Beschlüssen. Der Konsens aller wichtigen Parteien hat diese Erfolgsgeschichte erst möglich gemacht. Natürlich gibt es bei Detailfragen Differenzen, die Mischung aus öffentlichen und privaten Investments, die wir in Uruguay ermöglichen, sind zum Beispiel Teil des Konsenses.

Die Solarkraft spielt zurzeit im Energiesystem noch eine untergeordnete Rolle. Gibt es Potenziale und Ideen auch Sonnenenergie stärker zu fördern?

Also wir 2010 angefangen haben die Voraussetzungen für mehr Windkraft und Biomasse zu schaffen, war die Solarenergie noch sehr teuer. Das hat sich inzwischen geändert und wir sehen, dass immer mehr Privatpersonen in Uruguay Solarpanels auf ihre Häuser bauen, um selbst Strom und Wärme für den Eigengebrauch zu produzieren. Wir unterstützen diesen dezentralen Ansatz, müssen aber zugleich dafür sorgen, dass Versorgungssicherheit besteht. Dafür braucht es unserer Ansicht nach nationale Energienetze.

Wie wollen Sie die Energiesysteme zusammenbringen?

Wir sind gerade am Überprüfen, wie wir die Menschen mit eigenen Solarmodulen auf ihren Dächern effektiv am Energiemarkt beteiligen und ihnen zugleich Versorgungssicherheit bieten können. Um etwa die Möglichkeit zu schaffen, dass diese Menschen zu Prosumern des Energienetzes werden, also zugleich Energie aus dem Netz konsumieren und Energie mit den eigenen Solaranlagen ins Netz einspeisen, müssen wir das Netz um- und ausbauen. Um das Netz stabiler zu machen, sind ohnehin große Investitionen nötig, dabei werden wir dezentrale Energiesysteme mitdenken.

Den Verkehr- und Industriesektor wollen sie nun aktiv dekarbonisieren. Doch was ist mit der Viehwirtschaft? Immerhin ist Fleisch das wichtigste Exportgut Uruguays, mit einem Anteil von einem Viertel aller Güter. Und Fleisch sorgt für erhebliche Treibhausgasemissionen.

Es ist richtig, dass 90 Prozent unseres Agrarsektors auf der Produktion von Fleisch beruht. Aber die Tiere sind vorwiegend auf Naturweiden unterwegs und werden nicht mit Futtermitteln versorgt, die extra angebaut werden müssen. Das mindert die Emissionen. Auch achten wir auf eine nachhaltige Forstwirtschaft und unsere natürlichen Wälder sind in den letzten Jahrzehnten gewachsen und nicht wie in anderen Ländern geschrumpft. Das bedeutet, dass wir mit den Wäldern und Forsten als natürliche Senken viel CO2 binden. Und was die Methanemissionen angeht, so wird doch immer mehr deutlich, dass das Problem vor allem bei den fossilen Energien liegt.

Bei der Klimakonferenz in Glasgow wurde diese Woche der Global Methane Pledge unterzeichnet. Auch Uruguay gehört zu den Unterzeichnern. Welche Erwartungen haben sie an die COP26?

Was die Methanemissionen angeht, ist es uns wichtig, dass vor allem die größten Gasexporteure und -importeure Verantwortung übernehmen. Dass die USA und die EU als die wichtigsten Produzenten und Konsumenten des fossilen Brennstoffs den Global Methane Pledge ausgearbeitet haben, ist ein positives Zeichen. Was die Verringerung von Treibhausgasemissionen insgesamt angeht, befinden wir uns in Uruguay bereits auf einem guten Weg. Unser Ziel ist es den CO2-Ausstoß bis spätestens 2050 auf Null zu senken. Schon jetzt nehmen wir mit unseren natürlichen Senken mehr CO2 auf als wir verbrauchen. Wir fordern, dass die großen Treibhausgasverursacher ihrer Verantwortung endlich gerecht werden und zügig Maßnahmen für eine klimaneutrale Welt umsetzen.

Das Interview führte Manuel Först


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