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Nachhaltige MobilitätMehr Wertschöpfung als in der Automobilindustrie

Fahrradabstellplätze
Fahrradabstellplätze an einem Bahnhof (Bild: Ewald Ehtreiber, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Bahn, Bus, Fahrradwirtschaft, Carsharing und das Taxigewerbe generieren mehr Wertschöpfung als die gesamte Automobilindustrie in Deutschland, zeigt eine neue Analyse. Ausbau von Schiene und Radwegen aber stocken.

10.04.2024 – Es ist ein Wirtschaftsbereich, der eine höhere Wertschöpfung als die deutsche Automobilindustrie leistet. Auch arbeiten dort mehr Menschen als in der Kraftfahrzeugindustrie – inklusive der Zulieferer. Das CONOSCOPE-Institut hat die nachhaltige Mobilitätswirtschaft untersucht. Die umfasst Schienenverkehr, Busverkehr, die Fahrradwirtschaft, Carsharing sowie die Taxibranche in ihrer Gesamtheit als Wirtschaftsfaktor für Deutschland.

Insgesamt gehen 117,6 Milliarden Euro der in Deutschland erbrachten Wertschöpfung auf die Geschäftstätigkeiten der nachhaltigen Mobilitätswirtschaft zurück. Zudem profitieren 1,7 Millionen Voll- und Teilzeitbeschäftige von den direkten und indirekten Beschäftigungseffekten, so die zentralen Ergebnisse des CONOSCOPE-Institut, im Auftrag von Allianz pro Schiene, Bundesverband Carsharing (bcs), Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und Zukunft Fahrrad.

Zum Vergleich: Die Wertschöpfung der deutschen Automobilindustrie lag 2020 – der letzten zur Verfügung stehenden Erhebung – bei 86,85 Milliarden Euro. Ebenso inklusive der Zulieferer waren 2023 rund 1,05 Millionen Menschen in der Automobilindustrie beschäftigt. Auch wenn die deutschen Autobauer langsam auf elektrische Antriebe umstellen, wirklich nachhaltige Produkte und Angebote bieten bereits jetzt Bus- und Bahnunternehmen, Fahrradhersteller und Carsharing-Anbieter. Auch bei einem reinen E-Automarkt, werden diese Angebote in Sachen Klimaschutz klar im Vorteil sein.

„Investitionen in nachhaltige Mobilität lohnen sich mehrfach: Mobilitätsangebote werden attraktiver und flexibler, Klima und Ressourcen werden geschont und die Gesundheit verbessert. Gleichzeitig ergeben sich positive Effekte auf Wertschöpfung, Beschäftigung und Einkommen“, sagt Wasilis von Rauch, Sprecher des Bündnisses und Geschäftsführer des Branchenverbands Zukunft Fahrrad. Gefragt sei jetzt ein politischer Gestaltungswille, der nachhaltige Mobilität sowohl mit den Zielen Sicherheit, Gesundheit, Klima und Lebensqualität sowie mit Blick auf die wirtschaftlichen Chancen gezielt fördert.

Wie sehr sich nachhaltige Mobilität entwickelt und bereits in den Alltag der Menschen integriert ist, hängt stark vom Wohnort ab. Das macht eine begleitende Umfrage des CONOSCOPE-Instituts deutlich. In Großstädten – mit über 100.000 Einwohnern – sehen 56 Prozent eine Verbesserung nachhaltiger Mobilitätsangebote in den letzten fünf Jahren. Immerhin 69 bewerten das heutige Angebot als sehr gut bis befriedigend. In Landgemeinden mit unter 5.000 Einwohnern dagegen bewerten 29 Prozent das Angebot nachhaltiger Mobilität als ungenügend, weitere 16 Prozent als mangelhaft.

Den größten Handlungsbedarf in ihrer Region sehen die Befragten bei der Verbesserung von Bus- und Bahnverbindungen (80 Prozent), gefolgt von einer besseren Radinfrastruktur (44 Prozent) sowie der vereinfachten Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel innerhalb eines Weges (42 Prozent). Dirk Flege, Geschäftsführer von Allianz pro Schiene, sagt: „Wenn 80 Prozent der Menschen in Deutschland den Ausbau von Bus- und Bahnverbindungen als notwendig ansehen, ist das ein klarer Auftrag an Bund und Länder, die Regionalisierungsmittel zu erhöhen. Mit zusätzlichen Bussen und Bahnen überzeugen wir noch mehr Menschen, ihr Auto stehen zu lassen.“

Im Sommer 2022 erklärte Bundesverkehrsminister Volker Wissing Sanierung und Ausbau des Bahnnetzes zur Chefsache. Bis 2030 soll Deutschland das modernste Bahnnetz Europas bekommen. Davon ist bislang nicht viel zu spüren. Schlimmer noch: Die Haushaltskrise könnte dafür sorgen, dass sich die Bahn in den kommenden Jahren auf Sanierungen beschränkt und den Ausbau erst einmal ad acta legt. Nach entsprechenden Medienberichten erklärte die Bahn zwar Anfang Februar, man halte unverändert an Aus- und Neubauvorhaben fest, aktuell sei der Mehrbedarf aber nicht vollständig gedeckt. Man sei in intensiven Gesprächen mit dem Bund, um die Finanzierungslücke zu schließen.

Zuständig für den Ausbau von Radwegen sind zwar die Kommunen, aber die bräuchten eine Reform des Straßenverkehrsgesetzes (StVG), um mehr Flexibilität bei Verkehrswende-Projekten zu erhalten. Für eine Novelle der StVG sind Bund und Länder zuständig. Das Verkehrsministerium legte vergangenen Sommer einen Reformvorschlag vor. Statt eines flüssigen motorisierten Individualverkehrs sollen künftig Ziele des Klima- und Umweltschutzes, der Gesundheit und der städtebaulichen Entwicklung stärker berücksichtigt werden, was die Anordnung von Fahrradwegen, Tempo-30 Zonen und Wegfall von Parkplätzen für Kommunen deutlich erleichtern würde. Die Länder im Bundesrat aber lehnten – unter Federführung Bayerns – die Reformvorschläge mehrheitlich ab. Ein Vermittlungsausschuss soll eingesetzt werden. mg

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