Auf den Spuren der Aktivisten im Hambacher Forst

Foto: freistehender Baum mit Baumhaus in den Baumkronen.
Über 20 Baumhäuser gibt es im Wald. Einige in Sichtweite zum Braunkohletagebau. (Foto: ©Manuel Först)

Ohne die Klimaaktivsten würde der Hambacher Forst nicht mehr existieren. In Baumhäusern protestieren sie gegen die Rodungen und den fortschreitenden Braunkohleabbau durch RWE. Um einen Eindruck vom Forst und dem Leben der Aktivisten zu gewinnen, hat sich unser Autor für 24 Stunden in den Wald begeben.

03.01.2017 – Zug für Zug geht es hinauf in luftige Höhen. Der Protest gegen den Hambacher Tagebau, zwischen Köln und Aachen gelegen, findet vor allem in den Bäumen des angrenzenden Waldes statt. Seit 2013 campieren im Hambacher Forst Klimaaktivisten, um gegen die fortschreitende Abholzung des 12.000 Jahre alten Waldes zu protestieren. Im ganzen Wald haben sie Baumhäuser in die Baumkronen gepflanzt und für 24 Stunden bin ich beobachtender Teilnehmer dieses Protests. Ich will einen Eindruck vom Leben im Wald gewinnen und begleite die Aktivisten Daim und Lola, um auch deren Leben und Beweggründe im Forst nach empfinden zu können. Wie alle menschlichen Bewohner des Waldes tragen sie im Forst andere Namen als außerhalb.

Das Baumhaus von Daim liegt in Sichtweite zur Grube des Hambacher Tagebaus und um dort hochzukommen, bedarf es Ausdauer und Muskelkraft. Mithilfe einer Sicherung und Schlaufe am Fuß ziehe ich mich Stück für Stück nach oben. Bis zu 25 m geht es hinauf, denn je höher die Baumbesetzungen sind, desto schwieriger ist es für RWE diese zu fällen. Der Hambacher Forst war einmal Teil eines der größten Wälder Europas, doch 90 Prozent dieser Fläche existiert nicht mehr. Dort wo einmal Wald war, befindet sich jetzt ein riesiger Krater, in dem RWE Braunkohle zur Energiegewinnung fördert. Für Daim ist diese Form der Energieerzeugung eine Art strukturelle Gewalt. „Auf der ganzen Welt sterben nur durch die Feinstaubbelastung 800.000 Menschen jährlich und viele weitere werden umgesiedelt“, erklärt er mir in seinem Baumhaus.

Für ihn ist es deswegen nachvollziehbar, dass Menschen Sachbeschädigungen durchführen und die Grube zeitweise besetzen, auch wenn er sich selber auf die Besetzung des Hambacher Forsts und die Baumhäuser konzentriert und körperliche Gewalt ablehnt, die es auf beiden Seiten gibt. „Was RWE macht, ist rechtlich absolut legal, doch was dabei rauskommt sieht man ja und deswegen sehe ich das was ich hier mache für legitim an und dann ist es mir egal, ob es rechtlich für illegal angesehen wird“, sagt Daim.

RWE übergeht Gesetze

Foto: grün beschriftete Bäume mit Plastikverkleidungen vor Löchern.
Der Wald ist voller Bäume mit Plastikverkleidungen, die einen möglichen Nistplatz der Bachsteinfledermaus anzeigen (Foto: ©Manuel Först)

Seit 1978 ist RWE im Besitz des Landes und will ihrem Hauptbetriebsplan folgend auch die letzten Reste des Mischwaldes mit vielen bedrohten Tierarten abholzen, um auf dem Gebiet Braunkohle abzubauen. Einer dieser bedrohten Tierarten ist nun einer der zentralen Gründe, weswegen die Bezirksregierung Arnsberg, aufgrund der laufenden Gerichtsprozesse, jetzt einen Rodungsstopp für diese Saison verhängte. Es geht um die im Wald ansässige Bachsteinfledermaus und deren kaum möglichen Umsiedlungsprozess. Zwar wurden von RWE beauftragten Biologen deren Brutstätten in den Bäumen verklebt, in der Hoffnung, dass die bedrohte Art sich andere Plätze sucht, doch dies schlug fehl. Mehr noch: die Aktivisten fanden in einigen der zugeklebten Löcher verendete Fledermäuse, die dort offensichtlich verhungerten. „Ich unterstelle den Menschen keine Absicht, doch ihr Tod wurde zumindest billigend in Kauf genommen“, sagt Daim, während er mir bei einem Streifzug durch den Wald die markierten Bäume mit den mit Plastik verkleideten Löchern zeigt.

Normalerweise darf RWE von Anfang Oktober bis Ende Februar jeden Jahres roden. Nun wird der Wald zumindest offiziell bis Oktober nächsten Jahres geschont. Für die Klimaaktivisten ist dies jedoch kein Grund für diese Zeit den Wald sich selbst zu überlassen. „In der Vergangenheit wurde trotz Rodungspause und außerhalb der Rodungssaison von RWE Bäume gefällt, vor allem solche mit Baumhäusern um unsere Infrastruktur zu zerstören.“, erzählt mir Lola bei einem Gespräch auf einer Lichtung in Nähe des Kraters zur Braunkohlegrube. Die Konsequenzen für RWE seien dabei relativ gering und liefen zumeist auf Geldstrafen hinaus, die für den milliardenschweren Konzern keine allzu großen Einbußen bedeuten.

Ich beginne die Wut der Klimaaktivisten zu verstehen

Foto: gerodete Fläche mit einzelnen Sträuchern und Tagebau und Kohlekraftwerke im Hintergrund.
Gleich hinter der gerodeten Fläche beginnt der Hambacher Tagebau, während im Hintergrund die Braunkohlekraftwerke auf voller Kraft laufen. (Foto ©Manuel Först)

Und die Rodungen scheinen bereits weit voran geschritten. Dies wird mir bei einem Gang durch den Hambacher Forst gemeinsam mit Daim bewusst. Das Waldareal erscheint winzig im Vergleich zu der riesigen Grube des Braunkohletagebaus direkt nebenan. Nach wenigen Minuten des Umherstreifens in der Natur erreichen wir das Ende des Waldes und einen drei Meter hohen Wall. „Den hat RWE aufgeschüttet, um uns Klimaaktivisten deutlich zu machen: Bis hier hin und nicht weiter“, erklärt mir Daim. Wir besteigen den Wall und vor uns breitet sich die Zerstörung aus, dessen Verursacher RWE ist.

Wir sehen das Werk der vergangenen Rodungssaison: Kahlschlag wohin man blickt. Direkt vor uns befinden sich nur noch die Stümpfe von Bäumen und schlammige Erde, dort wo sich einmal ein dichter Wald befand. Nur hier und da ragen kleinere Bäume und Sträucher aus der Erde, wie Mahnmale an längst vergangenes, während direkt dahinter der Abgrund des bis zu 370 m tiefen Braunkohletagebaus beginnt. Bei diesem Anblick kann ich die Wut der Klimaaktivisten nachvollziehen und ich verstehe nicht, wieso große Teile der Politik diesem Treiben bislang untätig gegenüber stehen und darüber hinaus die Arbeit von RWE unterstützen.

Lola und Daim indes sehen ihren Protest vollkommen unabhängig von politischen Einflüssen. „Ich sehe meinen Weg nicht über politische parlamentarische Verfahren, denn dort wo Veränderung von anderen Menschen kommen muss als von mir, bin ich als kleiner Mensch nicht mächtig genug um Veränderungen herbeizuführen. Und in diesem System habe ich gerade kein Interesse daran, mir Unterstützung zu suchen von Menschen, die Macht innehaben über Dinge zu verfügen, die unseren Planeten und die Natur betreffen.“, erzählt mir Lola. Für sie schlagen viele der mächtigen Menschen gerade einen falschen Weg ein, einer der die Erde zerstören wird.

Hierarchien sind dem Wald fremd

Während der Gespräche mit Lola und Daim senkt sich die Dunkelheit über den Wald. In einem vor kurzem fertig gestellten riesigen Baumhaus – von den Bewohnern des Waldes „Tower“ genannt – gibt es Abendessen. Auf drei Ebenen ist Platz für Vorratsraum, einem Gemeinschaftsraum mit Küche und Ofen, sowie einem Schlafraum für bis zu 12 Personen. Man merkt wie strukturiert und gleichzeitig frei hier vieles abläuft. Während sich einige um das Essen kümmern, gehe ich mit anderen zur am Wald angrenzenden Straße, um Essensspenden von einem älteren Herrn aus seinem Auto zu holen. Später ist jeder eingeladen am Abendessen teilzuhaben, egal ob sie wie ich nur für eine Nacht vor Ort, oder wie andere schon länger Teil des Camps sind. Für Daim sind hierarchische Verflechtungen an diesem Ort fremd. „Ich finde es geht gar nicht darum wer wie lange hier ist, ich schätze jeden Menschen gleichwertig ein. Ich denke hier nicht in Kategorien.“, erklärt er seine Sicht auf die Gesellschaft des Waldes.

Mir steht es dann auch frei meinen Schlafplatz zu wählen. Aufgrund der aktuell eher ruhigen Lage im Hambacher Forst sind einige der Baumhäuser unbesetzt und ich entscheide mich für ein dem Tower nahegelegenes Baumhaus mit dem Namen Orka. Doch dafür ist ein weiterer Kraftakt nötig. Durchgeschwitzt erreiche ich die Plattform und ziehe das Seil, an dem ich mich raufgehangelt habe, zum Schutz vor möglichen Repressalien des RWE-Wachschutzes hoch. Das Baumhaus selber befindet sich noch ein Stockwerk höher. Über eine Leiter erreiche ich einen einladenden Raum mit breiten Fensterfronten, die einen unverstellten Blick in die Baumwipfel des Hambacher Forsts gewähren.

Der Sound der Braunkohle

Foto: Mensch beim Aufstieg zum Baumhaus
Dank jahrelangem Training schaffen es die Klimaaktivisten in Windeseile auf ihre Baumhäuser. (Foto ©Manuel Först)

Doch während der Blick auf die Natur fällt, erinnert mich die Geräuschkulisse an die Bedeutung dieses Ortes. Wie schon den ganzen Tag übertönt den Wald das Grundrauschen der Schaufelradbagger im Braunkohletagebau, die ohne Pause das Erdreich ausheben, nur selten unterbrochen vom Pfeifen der Vögel, die im Winter im Wald ausharren. Die folgende Nacht wird kalt und stürmisch und ich falle in einen unruhigen Schlaf in der mir unbekannten Umgebung.

Am nächsten Morgen begebe ich mich erneut zu dem Wall und lasse ein weiteres Mal das auf erschreckende Weise beindruckende Panorama der Zerstörung auf mich wirken. Für Lola ist der Wald indes so gut wie verloren. „Für mich geht es um den größeren Kontext, in dem dieser Wald zu sehen ist. Nämlich der Kontext von Naturzerstörung, der überall auf der Welt durchgesetzt wird, um große wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.“, sagt sie. Ihrer Meinung nach bietet der Wald mitten in Deutschland die Möglichkeit, Aktivismus lokal ausleben zu können und damit insgesamt gegen Braunkohle als Energiegewinnung zu protestieren.

Auch ist den Klimaaktivisten bewusst, dass ihr Aufenthalt in dem Wald das Ökosystem des Forsts negativ beeinflusst. „Dem Wald geht es 100prozentig besser, wenn ich nicht da bin“, sagt Daim. „Wenn RWE jetzt sagen würde, wir stoppen das Ganze und hören auf weiter Braunkohle zu fördern, dann würde ich sofort alles abbauen, was ich hier gebaut habe und den Wald verlassen.“ Doch ohne die Klimaaktivisten in den Baumhäusern würde dieses kleine Stückchen Wald, in dem noch immer viele bedrohte Tierarten leben, mit Sicherheit nicht mehr existieren.

Ich setze die Hoffnung in politische Veränderung

Mein Respekt vor dieser Art des Aktivismus ist spürbar groß, solange er gewaltlos verläuft. Besonders in dieser kalten Jahreszeit ohne warmes fließendes Wasser wäre es für mich schwer vorstellbar, Wochen oder Monate im Hambacher Forst zu verbringen um RWE von seinem Vorhaben abzubringen,den Wald vollends dem Erdboden gleich zu machen. Gleichzeitig setze ich die Hoffnung in politische Veränderungen innerhalb parlamentarischer Verfahren. Auch wenn in Nordrhein-Westfalen zurzeit eine schwarz-gelbe Regierung an der Macht ist, deren Vertreter teilweise offen RWE und deren Braunkohleförderung unterstützen und weswegen der Protest im Hambacher Forst zurzeit umso wichtiger ist, sehe ich jedoch die Bestrebungen anderer politischer Parteien und Verbände dem entgegenzuwirken. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Manuel Först

   

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Redaktion Energiezukunft

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