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Klimaneutral bis 2050Wie die Wärmewende zu schaffen ist

Rundes Gebäude mit Fassaden-PV
Ein ehemaliger Flakbunker in Wilhelmsburg wurde zu einem Photovoltaik-Kraftwerk mit Großwärmespeicher. (Foto: Pauli Pirat/Wikimedia / CC BY-SA 4.0)

Sechs Millionen Wärmepumpen und eine Verdoppelung des Fernwärmenetzes bis 2030 sind notwendig, um im Wärmesektor einen volkswirtschaftlich optimierten Pfad zur Klimaneutralität zu beschreiten. Auch die Sanierungsrate braucht mehr Tempo.

11.12.2020 – Gas- und Ölkessel müssen aus unseren Häusern verschwinden, denn sie emittieren Treibhausgase und befeuern damit die Klimakrise. Der Richtungswechsel zu einer erneuerbaren Wärmeversorgung fordert in den nächsten Jahren enorme Anstrengungen.

Die im Oktober vorgestellte Studie „Klimaneutrales Deutschland“ hat auch für den Wärmesektor detaillierte Annahmen und Szenarien erarbeitet. Als Zwischenziel dient 2030, auf dieses Jahr richten sich die Blicke der Forscher, wenn es um konkrete Maßnahmen und Entwicklungen geht. Von heute 120 Millionen Tonnen CO2-Equivalenten, die der Wärmesektor aktuell jährlich emittiert, sollen 2030 nur noch rund die Hälfte anfallen – 65 Millionen Tonnen.

Die größte Rolle spielt bei der Wärme die Energieeffizienz, die Sanierung von Millionen Wohn- und Nichtwohngebäuden, um Wärmeverluste und ineffiziente Warmwassergewinnung zu vermeiden. Die energetische Sanierung von Gebäuden scheint nicht trivial zu sein – viel zu wenig wurde in den letzten Jahren erreicht. Selbst wenn es gelingt, die Sanierungsrate zu erhöhen, müssen darüber hinaus Millionen bestehende Heizungssysteme durch neue ersetzt werden.

Wärmepumpen für kleinere Gebäude sind das Zukunftsideal

Das Forscherteam, das in Zusammenarbeit mit Agora Energiewende das Szenario für ein klimaneutrales Deutschland erarbeitet hat, sieht im Wärmesektor neben den Anstrengungen bei der Sanierung vor allem zwei Hebel. In Ein- und Zweifamilienhäusern soll die Wärmepumpe zukünftig für Raumwärme sorgen. Sechs Millionen Wärmepumpen müssen nach den Berechnungen bis 2030 installiert sein, um auf die Zielgerade zu kommen. Derzeit sind rund eine Million Wärmepumpen in deutschen Haushalten in Betrieb. Bei insgesamt 21 Millionen Heizsystemen ist es noch ein weiter Weg.

Die Autoren gehen davon aus, dass durch die Masse an Wärmepumpen der Strombedarf zwar steigt, aber durch andere Effizienzgewinne kompensiert wird und somit keine kritische Überlastung der Stromversorgung eintritt. Optimistisch stimmen die Erfahrungen beispielsweise aus der Schweiz oder Schweden. Auch dort wurden in den letzten Jahren viele Wärmepumpen installiert.

Mitautor Andreas Kemmler von Prognos sieht keine nennenswerten Hinderungsgründe, warum das in Deutschland nicht auch funktionieren sollte. Statt einer Gasheizung installiert der Monteur zukünftig eine Wärmepumpe. Niederlande und Dänemark, die in der Vergangenheit stark auf eigene Gasvorkommen und damit auch auf die Gasheizung gesetzt haben, unterstreichen ihre Bemühungen um Klimaneutralität, indem sie bereits Ausstiegsdaten für neue fossile Heizungen verankert haben. Auch in Deutschland wäre so ein Schritt ratsam. Eigentlich dürfte keine fossile Heizung mehr verbaut werden.

In Städten punktet die Fernwärme – dafür braucht sie neue Impulse

In den Mehrfamilienhäusern der Städte ist die Fernwärme das Mittel der Wahl – natürlich aus erneuerbaren Quellen gespeist. Dafür müssen nicht nur Neubauten, sondern auch Bestandsgebäude ans Netz angeschlossen werden, das zudem erweitert und erneuert werden muss. Die bestehenden Trassenkilometer wären bis 2030 zu verdoppeln, die angeschlossene Wohnfläche von derzeit acht auf 27 Prozent zu steigern. Auch hier gilt Schweden als Vorreiter. In den großen schwedischen Städten ist laut Kemmler die Fernwärme oft die einzige Option. Bereits bis 2030 könnte Fernwärme in Deutschland zu 45 Prozent aus Erneuerbaren Energien und Abwärme kommen, das wäre eine Verdreifachung gegenüber 2018. Diesen Ausblick wagte jüngst der Energieeffizienzverband für Wärme und Kälte (AGFW). Ein schneller Ausbau braucht finanzielle Förderung und strategische Wärmeplanungen der Städte und Kommunen.

Hier setzt die Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW) an. Sie geht mit dem Bundeshaushalt 2021 an den Start. Von ihrer Struktur her wird sie vom AGFW begrüßt. Verbesserungsbedarf sieht der Bereichsleiter Energiewirtschaft und Politik des AGFW John Miller noch bei den Projektfördergrenzen und der Behandlung von Abwärme. Insgesamt könne die BEW jedoch viel bewegen und biete eine Perspektive für die Transformation der Wärmenetze. Die finanzielle Ausstattung ist geringer ausgefallen als der ermittelte Bedarf. Die jetzt vorgesehen Mittel reichen für erste Schritte, in der kommenden Legislaturperiode müsse hier nachgesteuert werden.

Wasserstoff ist keine Option

Wasserstoff zur Raumwärmegewinnung im Gebäudesektor ist nach Meinung der Autoren der Agora-Studie nicht anzustreben. Es ist schlichtweg ineffizient, aus Strom Wasserstoff herzustellen, aus dem dann wiederum Wärme gewonnen wird. Hier ist eine direkte Nutzung des Stroms zur Wärmegewinnung vorzuziehen. Zudem müssten die knappen Mengen Wasserstoff den Anwendungen vorbehalten sein, für die es keine Alternativen gibt, beispielsweise in der Stahlindustrie.

Für Christian Maaß vom Hamburg Institut ist klar, dass die Ziele im Wärmesektor nur mit einem neuen Set an Instrumenten zu schaffen sind. Allein ein finanzieller Rahmen reiche nicht. Auch Hemmnisse im Ordnungsrecht müssten angegangen werden. Beispielsweise besteht nach wie vor das Mieter-Vermieter-Dilemma. Vermieter haben keinen unmittelbaren Vorteil aus einer energetischen Sanierung, da die Energiekosten von den Mietern getragen werden. Diese wiederum tragen künftig höhere Kosten aufgrund der CO2-Bepreisung, können aber selbst nicht aktiv werden, um emissionssparende Investitionen anzuregen.

Aber auch in Hauseigentümergemeinschaften ist es ein harter und oft erfolgloser Kampf, wenn es um die energetische Sanierung eines Mehrfamilienhauses geht.  pf

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