Der Klimawandel bedroht die Alpen

Während im Winter hier ein Skigebiet mit grandioser Aussicht lockt, ist der Kaunertaler Gletscher im Sommer ein trauriger Anblick. (Foto: © DAV/Marco Kost)
Während im Winter hier ein Skigebiet mit grandioser Aussicht lockt, ist der Kaunertaler Gletscher im Sommer ein trauriger Anblick. (Foto: © DAV/Marco Kost)

Die Temperaturen steigen rasant, Gletscher schmelzen und Permafrost-Böden tauen auf. Die Auswirkungen des Klimawandels machen sich in den Alpen besonders deutlich bemerkbar. Damit die einzigartige Natur- und Kulturlandschaft erhalten werden kann, muss ein Umdenken stattfinden – dringender denn je.

29.03.2018 – Überall auf der Welt sind die Auswirkungen des Klimawandels inzwischen deutlich spürbar. Die durchschnittliche globale Oberflächentemperatur ist in den letzten 100 Jahren um etwa 0,8 Grad Celsius angestiegen, Niederschläge haben sich verändert und polare Eismassen sowie Gletscher zurückgebildet. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird eine weitere Temperaturerhöhung zwischen 0,3 und 4,8 Grad Celsius prognostiziert. Dabei ist die steigende Konzentration von Treibhausgasen maßgeblich menschengemacht. In den letzten Jahren wurden immer neue Temperaturrekorde aufgestellt und Wetterextreme haben an Heftigkeit zugenommen. Aufgrund zunehmender Hitzewellen im Sommer gibt es nicht nur vermehrt starke Waldbrände und Ernteausfälle, sondern auch immer mehr Hitzetote.

Auch wenn diese globalen Zusammenhänge nicht unbedingt mit dem sehr speziellen Klima der Alpenregion in Verbindung gebracht werden können, sind die klimatischen Veränderungen im Hochgebirge heutzutage sogar noch viel deutlicher. „Wir erleben zurzeit starke Veränderungen der Umwelt“, sagt Josef Essl, Geschäftsführer der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA Österreich und Leiter des Alpenkonventionsbüros. „Wenn man wie ich mitten in den Alpen wohnt und zu allen Jahreszeiten viel in den Bergen unterwegs ist, kann man dies nicht mehr übersehen.“ So ist tatsächlich die Durchschnittstemperatur in den Ostalpen in den letzten 100 Jahren um fast 2 Grad Celsius gestiegen – mehr als doppelt so viel wie im globalen Mittel. Schon in den nächsten 50 Jahren könnte diese Erwärmung um weitere 1,4 Grad Celsius zunehmen, bis zum Ende des Jahrhunderts sogar um bis zu 5 Grad Celsius.

Dramatische Auswirkungen auf die Gletscher

Bei der Niederschlagsverteilung deutet sich hingegen eine Verlagerung in das Winterhalbjahr an – vor allem in Form von Regen. Die Schneefallgrenze könnte bis zum Ende des Jahrhunderts von 400 auf 800 Meter ansteigen. Im Vergleich zu der Schneemächtigkeit zwischen 1999 und 2012 würde das in den mittleren Höhenlagen einen Verlust um etwa 80 Prozent bedeuten. Das hätte natürlich auch dramatische Auswirkungen auf den Zustand der Gletscher sowie den Permafrost in den Alpen. So würden in den kommenden Jahrzehnten die meisten Gletscher in den Ostalpen verschwinden oder sich zumindest stark verkleinern. Während früher Böden und Felswände dauerhaft gefroren waren, befindet sich der Permafrost schon jetzt ab einer Höhe von rund 2.500 Metern auf dem Rückzug. Dadurch werden ganze Berghänge destabilisiert, was immer häufiger zu enormen Bergstürzen führt.

Auch wenn es derartige Phänomene in den Alpen immer schon gegeben hat, hängen diese in letzter Zeit öfter direkt mit den Problemen des Permafrosts zusammen. „Früher war der Untergrund in gewissen Höhen einfach immer gefroren – auch im Sommer“, so Essl. „Heutzutage verändern sich die Permafrostböden und tauen auf, wodurch ganze Bergpartien instabil werden. Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass die Klimaerwärmung einen maßgeblichen Einfluss hat.“ Trotzdem geht der Geschäftsführer der Internationalen Alpenschutzkommission nicht davon aus, dass die Gletscher in den Alpen komplett verschwinden werden. Zu mächtig seien die Eismassen in den Westalpen. Trotzdem werde sich das Eis irgendwann nur noch in den wirklich hohen Lagen behaupten können. Da ein Gletscher in den Alpen im Sommer zurzeit schnell drei bis vier Meter an Mächtigkeit einbüßen kann, werde dadurch der Halt des gesamten Berges gefährdet.

Der Tourismus muss sich verändern

Für den Tourismus werden die Folgen des Klimawandels je nach Jahreszeit sehr unterschiedlich ausfallen. So wird die Saison im Sommer aufgrund der steigenden Zahl an Sommertagen vermutlich Zuwächse erhalten. Dagegen sehen sich viele Wintersportgebiete zukünftig mit Bedingungen konfrontiert, die einen wirtschaftlich erfolgreichen Betrieb eher einschränken. Vor etwa elf Jahren hatten OECD-Berechnungen bereits ergeben, dass rund 70 Prozent der Skiregionen in Österreich um ihre Schneesicherheit fürchten müssen. Damals galten noch rund 90 Prozent der größeren Skigebiete in den Alpen als schneesicher und hatten im Durchschnitt für mindestens 100 Tage im Jahr eine ausreichende Schneedecke.

Winterlandschaft am Ahorn im Zillertal (Foto: © Mayrhofner Bergbahnen)
Winterlandschaft am Ahorn im Zillertal (Foto: © Mayrhofner Bergbahnen)

Technologieoptimierung statt Strategiewechsel

Aus Sicht der OECD setzen die Betreiber der Skigebiete im Kampf gegen die kürzere Skisaison sowie den Anstieg der Schneegrenze noch viel zu sehr auf Optimierung der Technologie anstatt auf einen Strategiewechsel im Tourismusmarketing. So versuchen die Bergbahnbetreiber auf unterschiedlichen Wegen die Effizienz der künstlichen Schneeerzeugung immer mehr zu steigern. Zum einen werden die modernen Schneekanonen technisch weiterentwickelt, sodass der Ressourceneinsatz und Energieverbrauch sinkt. Zum anderen optimieren die Bergbahnen aber auch ihr Schneemanagement. So lassen sie verbesserte Wetterprognosen einfließen, um einen möglichst hohen Wirkungsgrad zu erzielen. „Wir beschneien so wenig wie möglich bei Grenztemperaturen, weil da der Effizienzgrad am schlechtesten ist“, sagt Josef Reiter, Vorstand der Mayrhofner Bergbahnen und Obmann der Interessengemeinschaft der Zillertaler Seilbahnen.

Trotzdem scheint das Bewusstsein für die Veränderungen, die der Klimawandel in den Alpen mit sich bringt, inzwischen immer mehr zu wachsen. „Wenn der Klimawandel in der Dimension kommt, wie es zurzeit prognostiziert wird, dann betrifft das die Wintersportgebiete bis 1.600 Meter“, sagt Reiter. „Die Natur entscheidet über die Zukunft der Skigebiete und wird dann auch bestimmen, dass sich die Areale unterhalb dieser Grenze zu Bergsportgebieten entwickeln.“ Auch wenn nach wie vor die Erhöhung der Effizienz bei der Schneeerzeugung im Fokus der Mayrhofner Bergbahnen steht, spricht sich Josef Reiter vehement gegen die Ausbringung von Kunstschnee aus, der bei Plusgraden besteht. „Ich glaube, dass die Angebotspalette insgesamt breiter wird“, so Reiter.

Skitourismus ist eine Konterkarierung des Klimaschutzes

Unabhängig davon schätzt die CIPRA den Skitourismus heutzutage immer noch als besonders umweltschädlich ein. „Die Hauptgründe liegen auf der Hand: Schneekanonen verbrauchen Unmengen an Ressourcen. Dieser inakzeptable Verbrauch von Wasser und Energie ist eine Konterkarierung des Klimaschutzes“, sagt Josef Essl. Trotz aller Warnzeichen werde aber auch weiterhin mit unheimlicher Brutalität in den Wintertourismus investiert, ungeachtet der Zerstörung von Gebirgslandschaften.

Der Bau eines Beschneiungsbeckens in Sudelfeld. (Foto: © DAV/Steffen Reich)
Der Bau eines Beschneiungsbeckens in Sudelfeld. (Foto: © DAV/Steffen Reich)

Wer schon einmal ein großes Skigebiet im Sommer gesehen hat, weiß wovon die Rede ist. Ganze Bergabschnitte gleichen einer Autobahn, mit gerodeten Wäldern und planierten Waldböden. Dadurch steigt im Sommer auch die Gefahr von Murenabgängen und Bodenerosion. Infrastruktur wie riesige Parkplätze, Liftanlagen und Hotelanlagen wirken außerdem deutlich trostloser als im Winter – unberührte Natur sieht anders aus. „So werden auch nach wie vor zahlreiche Neuerschließungen zugelassen, die unter dem Vorwand genehmigt werden, dass es sich nur um Erweiterungen der Skigebiete handle“, sagt Essl. „Für mich ist das Vordringen der Skigebiete in immer höhere Lagen wie in die Gletscherregionen außerdem ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Betreiber immer mehr Probleme bekommen.“

Konzept der Bergsteigerdörfer

Winterwandern im oberbayerischen Bergsteigerdorf Schlechning. (Foto: © Fotografie-Vodermeier.de)
Winterwandern im oberbayerischen Bergsteigerdorf Schlechning. (Foto: © Fotografie-Vodermeier.de)

Dabei gibt es bereits jetzt schon wirtschaftlich und ökologisch sinnvolle alternative Tourismuskonzepte. So haben 23 Regionen und Orte das Konzept der Bergsteigerdörfer für sich entdeckt. „Es gibt einfach immer mehr Menschen, die genug vom Wahnsinn auf den Skipisten haben und lieber etwas mehr Ruhe sowie Authentisches in ihrem Winterurlaub suchen“, berichtet Essl. Statt auf den vollen Pisten Skifahren zu gehen, wollen sie lieber Skitouren gehen, Schneeschuhwandern oder Winterwandern. Auch sportliche Aktivitäten wie Eisklettern seien immer mehr im Kommen. Damit können die Regionen auch deutlich unabhängiger vom Winterwetter und fehlendem Schnee sein. Während in herkömmlichen Skigebieten durch schneearme Winter regelrecht Panik ausbricht, gibt es in den Bergsteigerdörfern genügend andere Aktivitäten.

Über Schneesicherheit mussten sich die Bergbahnbetreiber in dieser Saison wohl trotzdem nicht den Kopf zerbrechen, gab es doch so viel Schnee wie schon seit langem nicht mehr. Der Trend geht trotzdem in eine andere Richtung, wie etliche Statistiken zeigen. Je früher die Tourismusbranche dies erkennt und alternative Konzepte entwickelt, desto besser. Aber auch die Politik muss reagieren und endlich in die Entwicklung eingreifen, bevor in Europa eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft zerstört wird. Joschua Katz

   

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